 15-Tonnen-Stahlglocke des Bochumer Vereins vor dem Rathaus der Stadt.
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Friedrich Schiller konnte noch nichts von dem Streit um das Material ahnen, als er in seinem Lied von der Glocke dichtete: „Kocht des Kupfers Brei, schnell das Zinn herbei, dass die zähe Glockenspeise fließe nach der rechten Weise“. Was er 1799 an Ingredenzien erwähnte, war die Mixtur aus Kupfer und Zinn, sprich: Bonze, aus der über Jahrhunderte Glocken gegossen worden waren. Aber schon im Jahr 1851 hatte der Bochumer Unternehmer Jakob Mayer seinen Stahlfaconguss zur Serienreife entwickelt und damit wurde plötzlich auch Stahl als Glockenmaterial möglich.
„Bochumer Verein für Bergbau- und Gußstahlfabrikation“ hieß die Firma von Jakob Mayer und Eduard Kühne, die für 100 Jahre d i e Gießanstalt für Stahlglocken in deutschen Landen wurde. Das Unternehmen, kurz Bochumer Verein genannt, hatte, wie ein Zeitgenosse schrieb, für Bochum dieselbe Bedeutung wie Krupp für Essen oder wie die Union für Dortmund. |
Eklat auf der Pariser Weltausstellung 1855 |
1852 begann diese Episode der deutschen Industriegeschichte, nachdem der Bochumer Verein mit seinem Stahlgusspatent für Aufsehen gesorgt hatte. Die Innovation war so bedeutsam, dass sie beim Konkurrenten Krupp heftiges Missfallen erregte. Auf der Pariser Weltausstellung 1855 kam es sogar zum Eklat: Krupp behauptete in aller Öffentlichkeit, das Material der Bochumer Glocken wäre gar kein Stahl, sondern ordinäres Eisen, und am Ende kam es zu jener berühmten Situation, dass eines der Ausstellungsstücke zerschlagen und seine Bruchstücke geschmiedet wurden, was bewies, dass es sich bei dem Material nur um Stahl handeln konnte. |
Jury lobt die Arbeit von Krupps Konkurrenz |
Womit Alfred Krupps Ruf als Fachmann für Fragen der Stahlverarbeitung für eine Weile arg ramponiert war. Der Bochumer Verein aber bekam die Große Goldene Medaille der Weltausstellung und ein beinahe überschwängliches Lob der Fachkommission: „Die sehr eingehende Prüfung, welche die Klassenjury mit den Probestücken anstellte, hat dargethan, ... daß der Bochumer Verein durch seine Methode, den Stahl zu schmelzen und zu gießen, berufen sein dürfte, nicht nur die Bronce als Glockenmaterial zu verdrängen, sondern auch der Fabrication großer Schmiede- und Walzstücke für den Maschinenbau eine neue Richtung zu geben.“ In der Folge tat sich ein großer Markt für stählerne Glocken auf, und sie erreichten schnell mehr als drei Meter Durchmesser und Tonnengewichte. |
 Stahlglocken haben keine „Krone“, an der sie aufgehängt werden.
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Eigentlich war es von Anfang an das Kostenargument, das den Boom auslöste. Von einer „sehr bedeutenden Preisermäßigung“ hatten schon die Pariser Juroren gesprochen und als Einsparpotenzial „mindestens 50 Prozent“ genannt. Ein noch gewichtigeres Argument waren militärische Belange: In den beiden Weltkriegen wurden die Buntmetalle schnell knapp, und die Behörden requirierten als Materialquelle in etlichen Gemeinden die Glocken, sofern diese nicht in nationaler Begeisterung ihre Kirchtürme freiwillig ausgeräumt hatten.
Dennoch trat jene Prophezeiung nicht ein, die für das Ende des 20. Jahrhunderts gar vorhergesagt hatte, dass Glocken aus Stahl „in absehbarer Zeit das Fabrikat aus Bronze vollständig verdrängt haben“ würden. Denn schon um 1950 war die Stahlvariante „ins Hintertreffen geraten“, wie es 1956 in einem Referat auf dem Deutschen Glockentag in Nürnberg hieß. Das galt übrigens genauso für alle anderen Ersatzstoffe für die traditionelle Kupfer-Zinn-Mischung wie zum Beispiel eine Messinglegierung mit dem schönen Namen „Briloner Sonderbronze“. |
Die Glockengießer kehren zur Bronze zurück |
Warum die Zunft wieder zur gewöhnlichen Bronze zurückkehrte, dürfte etwas mit Glaubensbekenntnissen zu tun haben - schließlich stehen Glocken meist im Dienste der Religion und beginnt ihr Guss mit dem uralten Spruch „In Gottes Namen“. Blättert man nämlich die Fachdebatten durch, so wechseln heftigste Lobpreisungen auf den Stahl mit schlimmster Übelrede ab. Die Spur des Lobes beginnt wieder mit den Pariser Juroren: Der Ton der Stahlglocke sei „klarer und weit tragender“ schrieben sie, und: „merkwürdigerweise hat man niemals von einer zersprungenen Stahlglocke gehört.“ |
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Daneben wiesen sie wohlwollend auf eine Marketing-Maßnahme des Bochumer Vereins hin: „Auf dem ... Werke befindet sich ein vollständig eingerichteter Glockenturm, in dessen verschiedenen Etagen eine Anzahl wundervoller harmonisch gestimmter Geläute aufgehängt sind; thatsächlich wird man nirgendwo in der Welt wohlklingendere Glocken hören können als hier.“ Die Liste der ablehnenden Argumente reicht vom Rosten in der feuchten Luft bis hin zu angeblich schlechteren Klangeigenschaften. |
Glocke der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin, gestiftet von der Bochumer Stahlindustrie.Unüblich für eine Stahlglocke trägt sie eine „Krone“. Sie hing bis 1947 im Glockenturm und steht jetzt neben dem neugestalteten Stadion.
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Immerhin spricht für die Haltbarkeit der Stahlglocken, dass in der Rangliste der zehn größten Glocken in Deutschland auf Platz zwei ein stählernes Fabrikat des Bochumer Vereins mit 14 Tonnen Gewicht und 3,21 Metern Durchmesser rangiert, gefolgt von zwei weiteren Exemplaren aus Bochum auf den Plätzen neun und zehn, nämlich den Glocken im Berliner Olympiastadion und im Münchner Deutschen Museum.
Was die Klangeigenschaften betrifft, so bemängelt Christhard Mahrenholz in seiner „Glockenkunde“ von 1948 die ungenügende Erregbarkeit des Materials. Dies habe zur Folge, dass „die Klöppel ... alle überschwer gehalten werden müssen“, was wiederum den Anschlag „sehr hart und gellend“ klingen lasse. Damit sind wir wieder beim Glaubensbekenntnis oder beim Geschmack, um es anders zu benennen.
Geradezu salomonisch im Sinne eines möglichen Nebeneinanders der beiden Materialien kommt ein Text aus den „Beiträgen zur Glockenkunde“ daher, der davon spricht, dass die Befürworter des Stahls sich sehr bemüht hätten, „dem Bronzeklang einen ebenbürtigen Stahlklang an die Seite zu stellen“. 1951 hatte man auf dem Glockentag in Limburg noch einen Wettstreit der Materialien vorgesehen. Der war jedoch nicht zustande gekommen. |
| Stahlglocken haben keine „Krone“ |
Ein Unterschied immerhin steht fest, und den kann auch der Laie wahrnehmen, nämlich sehen: Während Bronzeglocken mit der traditionellen „Krone“ aufgehängt sind, werden Stahlglocken ganz profan an das Gestühl angeschraubt. Das zeigt zum Bespiel die 15-Tonnen-Glocke mit einem Durchmesser von 3,13 Metern vor dem Bochumer Rathaus, die, natürlich, aus den Gießereien des Bochumer Vereins stammt. |
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Eine schöne Geschichte zu erzählen gibt es zu dem stählernen 1,5-Tonnen-Exemplar mit Namen „Auguste Viktoria“, die in Wattenscheid-Leithe zu sehen ist und angeblich außergewöhnlich gut klingt: Sie zählte zu den Attraktionen der Weltausstellung von 1894 in Chikago, wurde danach von der Kaiserin einer Berliner Kirchengemeinde geschenkt, gelangte zu DDR-Zeiten, als die Gemeinde plötzlich in Ost-Berlin lag, auf einen Schrottplatz, wo ein Pfarrer sie entdeckte und erwarb. |
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Darauf stand sie zwölf Jahre in einem Pfarrgarten im Norden Berlins, wechselte für ein weiteres Jahrzehnt nach Thüringen in den Süden der ehemaligen DDR und fand schließlich ihren derzeitigen Standort im alten Westen der Bundesrepublik in Wattenscheid. |
| Apolda in Thüringen ist eine alte Glockengießerstadt. Dort gibt es ein Museum zum Thema. |
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