 Der Hochofen 3 in Hattingen ist als Museumsstück erhalten geblieben.
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Auch wenn in diesem Ungetüm wahrlich Vulkans Hölle tobte, klingen manche der Bezeichnungen, die sich die Belegschaften für seine Zustände hatten einfallen lassen, regelrecht possierlich: „Rote Bäckchen“ hieß eine Situation an der Außenhaut des Hochofens, die bedeutete, dass der Panzer, hinter dem an manchen Stellen um die 2400 Grad tobten, an einem Punkt glühend rot geworden war und durchzubrechen drohte.
Wir stehen auf einer der Bühnen rund um den Hochofen 3 der ehemaligen Henrichshütte in Hattingen, jetzt Teil des Westfälischen Industriemuseums, wo es wie Hechtsuppe zieht, so als wollte der pfeifende Wind dem Besucher noch einmal ein bisschen Einblick geben etwa in das Höllenpfeifen und tiefe Donnern, das Tag und Nacht aus den Rohrleitungen rund um die Eisenschmelze dröhnte. |
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Unbedingt sollte man mit dem Aufzug auf die Spitze des Ofens hinauffahren und zu Fuß über die vielen Ebenen wieder hinabgehen. Denn selbst wenn der Koloss heute nur noch wie ein senkrecht stehendes Gewirr aus Bühnen und Rohrleitungen rund um einen kaum erkennbaren inneren Turm ruht, vermittelt die Panzerung doch einen Eindruck von dem Inferno, das die Eisenkocher da hinter einer Wand von weniger als einem Meter Dicke gezündet hatten und das sie mit viel Know-how ununterbrochen in Gang hielten. |
Aufzug bis zur Spitze des Hochofens |
Zum Beispiel die Kühlkästen, die die ganze Außenhaut überziehen: Wie Schubladen ragen sie nach innen in die Mauerung aus feuerfesten Steinen hinein, ehemals dauernd durchflossen von kaltem Wasser, auf dass dieses die Gluthitze aus dem Mauerwerk abführte und es so länger haltbar machte. Denn eine „Ofenreise“ - das ist der Fachausdruck für den Betrieb eines Hochofens ohne Unterbrechung - sollte möglichst ein Jahrzehnt und mehr dauern. |
 Kühlkästen in der Außenhaut des Hochofens.
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Das Abschalten eines Ofens war eine Staatsaktion, die ganz zu den Urgewalten in seinem Inneren während der Ofenreise passte: Zunächst wurde ihm „der Wind genommen“, das heißt das Einblasen von erhitzter Luft wurde gestoppt, dann wurde mehr als 20 Stunden später „die Sau abgestochen“, was sagen will, dass Arbeiter an der tiefsten Stelle ein Loch durch die Panzerung brannten und das restliche Roheisen abfließen ließen. Weiter ging es mit etlichen Kubikmetern Wasser, die die Temperatur auf erträgliche Temperaturen herunterkühlten, so dass man ein größeres Tor durch die Wand brechen konnte, durch das nun schweres Gerät und die Hochofenmaurer ins Innere des einstweilig erloschenen Vulkans einzogen. Sie brachen die abgebrannte Mauerung heraus und fügten neue Steine ein, was angesichts der Restwärme in dem Material ein Höllenjob war. Schließlich wurden die Löcher wieder verschlossen und wurde der Ofen für die nächste „Reise“ wieder angefahren. |
Spektakuläres Experiment friert Ofen im Betrieb ein |
Zwar war während des Betriebs durch winzige, blau getönte Scheiben ein Blick ins Innere des Infernos möglich, aber eigentlich wussten die Eisenkocher nie wirklich, in welchen Detailschritten der Schmelzprozess vor sich ging. Denn zwar stand durch Jahrhunderte der Erfahrung fest, dass die Brocken von Erz, Koks und die Zuschlagsstoffe eine bestimmte Menge und auch eine optimale Größe haben mussten, damit der eingeblasene Wind so richtig durch die Schichtung zog und das Feuer die gewünschte Temperatur erreichte. Aber einen wirklichen Einblick gewann man erst, als in einem spektakulären Experiment in den Achtzigern Wissenschaftler flüssigen Stickstoff in einen Hochofen einbliesen und so das turbulente Geschehen in einer Momentaufnahme sozusagen einfroren. |
| „Möller-Traube“ in der Ausstellung |
In einem der Museumsräume auf dem Hüttengelände ist die dabei entstandene „Möller-Traube“ zu sehen, bei der die Zwischenräume zwischen Erz und Koks mit Kunstharz ausgegossen sind. Ausgestellt ist auch ein Modell eines Ofens, das zeigt, wie der Möller allmählich nach unten sinkt, bis die Schlacke auf dem flüssigen Eisen schwimmt und beide getrennt abgelassen werden. |
Ehemals schlagen oben aus den Hochöfen die Flammen |
Trickreich an solch einem Hochofen ist unter anderem, was mit seinen Abgasen geschieht. Ehemals traten sie an der Gicht, dem oberen Rand, einfach aus, weshalb weithin sichtbar eine Flamme aus dem Ofen schlug und eine gewaltige Qualm- und Russwolke die Umgebung verpestete. Neuerdings werden diese Gichtgase genutzt, um die Anlage überhaupt erst richtig auf Touren zu bringen. Denn sie sind heiß, und mit ihrer Energie kann man die Luft vorwärmen, die zwecks Sauerstoffzufuhr unten in den Ofen eingeblasen wird. Das Vorwärmen geschieht in den Winderhitzern, jenen Türmchen, die neben jedem Hochofen stehen und mit dicken Rohren an diesen angeschlossen sind.
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 Die Türmchen links neben dem Hochofen sind die Winderhitzer.
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Die Idee zu den Winderhitzern hatte 1829 der Engländer James Beaumont Neilson, aber zunächst wurde sie von den Fachleuten nur belächelt. Denn damals war man davon überzeugt, dass gerade das Einblasen kalter Luft einen Ofen auf Hochtouren brachte, weshalb mancherorts im Sommer sogar die Luft vor dem Einblasen über kühles Wasser geleitet wurde. Der Irrtum der Experten hatte gute Gründe, schließlich lehrte die Erfahrung, dass die Öfen in England im Winter bessere Ergebnisse brachten (was, wie wir heute wissen, daran lag, dass in der kalten Jahreszeit auf der Insel die Luftfeuchtigkeit niedriger ist).
Schnell bekehrten die Erfolge mit den Winderhitzern die Fachleute, senkte doch die Nutzung der Gichtgase die Produktionskosten erheblich: so kam man von fünf Tonnen Koks pro Tonne Roheisen auf 2,5 Tonnen herunter. Gleichzeitig gelang es, die Tagesproduktion auf 20 bis 30 Tonnen Roheisen pro Ofen zu erhöhen. |
Wissenschaftliche Erkenntnisse machen die Verhüttung effektiver und profitabler |
Immer mehr nahmen sich die Wissenschaftler der Verhüttung an, dies mit dem Ergebnis, dass man um 1900 auf eine Tonne Koks pro Tonne Roheisen herunter war (bei einer Tagesproduktion von um die 1000 Tonnen) und 1980 nur noch eine halbe Tonne Brennstoff pro Tonne Roheisen brauchte. Die Tagesleistung liegt heute bei über 10 000 Tonnen. |
| Torpedowagen und Möllerbunker |
Beim Rundgang über das Werksgelände in Hattingen wird viel von diesem Zahlenwerk präsentiert. Eindrücke der alten schwerindustriellen Welten bekommt anhand der Torpedowagen, in denen flüssiges Roheisen transportiert wurde, oder an den Möllerbunkern, von wo aus die Beschickung des Ofens erfolgte. Für Kinder gibt es viele lustige Präsentationen, die sie spielerisch in das Thema einführen. Und nicht zuletzt: das Restaurant im 1. Stock des Eingangsgebäudes ist ein architektonisches Schmuckstück. |
 Torpedowagen für den Transport von flüssigem Eisen.
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Aber, um es noch mal zu sagen - die Sensation ist der Weg über den Hochofen 3. Der ging übrigens 1930/40 in Betrieb und war bis 1987 aktiv. Als er abgeschaltet und mit ihm das Werk stillgelegt werden sollte, ging eine ganze Region auf die Barrikaden. Der Nachbarofen übrigens, der jüngeren Datums war und von dem noch die Fundamente („Ofensau“) erhalten sind, wurde demontiert und nach Südchina verfrachtet.
Egon Erwin Kisch hatte als „Rasender Reporter“ das Stahlwerk in Bochum besucht. Er war sichtlich fasziniert von den gezähmten Urgewalten, die er dort erlebte, und schrieb: „Jeder neue Eindruck lässt den vorhergehenden verblassen.“ Kisch empfahl deshalb, nach einem Werksbesuch „nicht gleich in den Alltag hinauszugehen, der alles verwischt“. Stattdessen solle man „alle Müdigkeit überwinden“ und noch einmal auf den Hochofen hinauf, um das Spektakel von neuem auf sich wirken zu lassen. |
Alle zwei Stunden werden 200 Tonnen flüssiges Eisen abgestochen |
Wem das zu viel ist, der kann auch am Fuß des Ofens sein Spektakel finden. Dort holten nämlich die Arbeiter alle zwei Stunden bis zu 200 Tonnen flüssiges Eisen heraus. Gewaltig sind die Vorrichtungen, um die Panzerung zu durchstechen und danach wieder zu verstopfen. Wild war die Szene, wenn die glühende Schlange durch die Rinnen im Sand hindurchschoss. |
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Früher wurde das flüssige Eisen in Formen geleitet, so genannte Masseln. Wenn hier etwas schief ging, dass hatte jemand kräftig etwas „vermasselt“. Auch das so ein Ausdruck der Hüttenleute. |
Henrichshütte Hattingen, Westfälisches Industriemuseum, Werksstraße 25, 45527 Hattingen. |
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