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„Nutzen und Bequemlichkeit“ der Metalle

Georgius Agricola trat um 1550 Vorbehalten gegen die Montanwirtschaft entgegen

Georgius Agricola (alle Bilder
aus: „Vom Berg- und Hüttenwesen“).
























Der Laie wundert sich, warum Georgius Agricola etliche Seiten am Anfang seines Werks darauf verwendet, das Schürfen nach Erzen und deren Verhüttung als erstens ehrbare und zweitens anspruchsvolle Gewerbe hinzustellen sowie dass er drittens in langatmigen Begründungen betont, um wie viel der Gebrauch der Metalle doch die Menschheit voran gebracht hätte. Den kompletten ersten von zwölf Bänden seines „Vom Berg- und Hüttenwesen“ verwendet der „Vater“ der Mineralogie und Begründer der Montanwissenschaften für die Ehrenrettung des Bergbaus und der Metallverwendung. Agricola, eigentlich Georg Pawer beziehungsweise Georg Bauer geheißen und in Chemnitz als Arzt und Bürgermeister aktiv, starb 1555.

Um die Gründe für Agricolas Rechtfertigungen zu finden, müssen wir bis ins Altertum zurückgehen. Denn seit Menschen Gold, Silber und vor allem Kupfer und Zinn sowie später Eisen aus der Erde geholt hatten, um daraus Schmuck und Münzgeld, Waffen und Werkzeuge zu machen, hatte es auch Kritiker gegeben, die dieses Tun vehement verurteilten.

Ein Argumentationsstrang der Kritiker folgte moralischen Überlegungen: der Besitz edler Metalle hätte bei den einen zu Reichtum und Selbstüberhöhung und bei den anderen zu Ausbeutung und Versklavung geführt, so hieß es, und allein schon das Vorhandensein von Waffen hätte noch immer Krieg und Mord und Totschlag nach sich gezogen. Die andere Argumentation war religiös. Sie ging davon aus, dass die Götter die Metalle absichtlich tief in die Erde gesteckt, dort regelrecht versteckt hätten, weil sie Menschen eben nicht ranlassen wollten.
Bergbau als absichtliche Verletzung der heiligen Natur durch den Menschen
Wenn die Kritiker nun ihren Blick auf das Treiben der Bergleute lenkten, so sahen sie darin eine absichtliche Verletzung der heiligen Natur durch den Menschen. Dass Bergbau und Verhüttung die Götter erzürnen würden, hatten schon von Euripides über Horaz bis Vergil die Denker der Antike angemerkt. Zum Beispiel die Arbeiten am Grundwasser: Wo die Knappen das in die Stollen strömende Nass ableiteten, musste das zwingend Auswirkungen auf den Lauf der Welt haben - nämlich auf den Totenfluss, der die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits war. Wie nämlich sollte Charon, der Fährmann, die Toten noch übersetzen, wenn die Lebenden ihm das Wasser abgruben? Würden künftig nicht die Verstorbenen, auch die Gerechten unter ihnen mit Eintrittskarte in die Unterwelt, genauso wie die Verderbten auf alle Zeiten jämmerlich wehklagend am Ufer des Charon umherirren müssen ohne ins Paradies gelingen zu können?
Würden die Waldgötter sich die Abholzung gefallen lassen? 
Auch andere gute Argumente der Kritiker hatten die Befürworter nie von der Hand weisen können. Wie jedermann zum Beispiel wusste, schätzten manche der himmlischen Götter einen guten Tropfen und feine Speisen - würden diese Himmlischen sich also das Treiben der Montanleute gefallen lassen, wo diese Weinhänge und Äcker umwälzten und verwüsteten? Und erst die Waldgötter: War es vorstellbar, dass sie den Kahlschlag der Wälder durch die Köhler nicht bemerken wollten und sich auch an dem der Dreck aus den Köhlereien störten?
Prometheus als warnendes Beispiel für menschliche Vermessenheit
Die Kritiker hatten gute Gründe, zur Mäßigung oder gar zum Innehalten aufzurufen, und die Mythen hielten prägnante Fälle parat, was mit jenen geschah, die sich mit den Göttern anlegten: Prometheus zum Beispiel, der im Himmel das Feuer geklaut und es den Menschen gebracht hatte, war von Zeus an den Fels geschmiedet worden, auf dass ihm dort tagtäglich ein Adler und so weiter...
 
Eisenschachtofen (Ausschnitt).











Überhaupt: Damals genau wie heute gab es für einen aufmerksam die Welt beobachtenden Zeitgenossen hinreichend Anlässe für die Vermutung, dass die Zivilisation auf dem absteigenden Ast saß und die Götter die Säge schon angesetzt hätten...

Interessant ist nun, wie Agricola sich mit den Bedenkenträgern auseinandersetzte. Das nämlich tat er ganz rational: Zunächst präsentierte er alle Argumente der Gegenseite und dann stellte er ihnen Schritt für Schritt seine Ansichten gegenüber - nüchtern wog er These und Antithese gegeneinander ab und kam dann zu seiner Schlussfolgerung, die, wie nicht anders zu erwarten, eine engagierte Lanze zugunsten des Montangeschäfts brach.

Ein Beispiel: Dass die Metalle in der Erde „als Ort ihrer Entstehung“ zu verbleiben hätten, versieht er mit dem Hinweis, dass auch Fische aus den dunklen Tiefen des Wassers herausgezogen würden. Dazu nun, so schreibt er weiter, dienten Angelhaken aus Eisen, und an die Netze hängten die Fischer „bleierne oder eiserne Kugeln“ als Ballast. Dann bemerkt er zur Weiterverarbeitung des Fangs: „Wenn ... die Fische gefangen sind, so werden sie meist bald mit Messern oder Beilen in Stücke geschnitten oder ausgeweidet.“
Montanwirtschaft ist Zivilisation,
so Agricola

Folglich lautet sein Fazit: „Wenn die Metalle nicht wären, so würden die Menschen das abscheulichste und elendste Leben unter wilden Tieren führen.“ Unausgesprochen ist für ihn klar, dass die Menschheit auf dem Weg der Montanwirtschaft und damit der Zivilisation weitergehen müsse. Und ganz Wohlstandsbürger merkt er an anderer Stelle noch an: Insgesamt dienten die Metalle doch auch „dem Nutzen und der Bequemlichkeit“.
Zwölf Bände "Vom Berg- und Hüttenwesen"
Agricolas Bedeutung nun liegt darin, dass er der erste war, der den damaligen Stand der Montantechnik in seiner Gesamtheit zu Papier brachte. Herauskamen jene zwölf Bände „Vom Berg- und Hüttenwesen“ und etliche Werke mehr, die für die folgenden zwei Jahrhunderte zur zentralen Quelle für Expertenwissen in Sachen Montanwirtschaft wurden.

Frischfeuer zur Stahlerzeugung (Ausschnitt).





Er selbst hingegen hatte bei der Informationsbeschaffung für seine Schriften noch auf das zurückgreifen müssen, was ihm die Fachleute vor Ort erzählen konnten und wollten. Dabei war er ein kritischer Zuhörer, der sehr genau zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden wusste - was wiederum eine große Leistung war in einer Zeit, als Mythen und Sagen noch weit gehend das Bild der Zeitgenossen bestimmten.

Seine rationale Denkungsart stellte Agricola zum Beispiel im Fall der geheimnisvollen Tonkrüge in sächsischem und böhmischem Boden unter Beweis : hatten die einen gemeint, die Behältnisse wären von Zwergen hergestellt und genutzt worden, und wollten andere herausgefunden haben, dass die Krüge in der Erde gewachsen seien, fegte Agricola solcherlei Mummenschanz energisch vom Tisch: „Tatsächlich sind es Urnen gewesen, in denen die alten Germanen vor ihrer Bekehrung zum Christentum die Asche ihrer Toten... beigesetzt haben“, konstatierte er nüchtern.

 
An anderer Stelle seiner Werke aber konnte auch er sich dann doch nicht ganz vom Geisterglauben lösen. Als er nämlich „Über die Lebewesen auf und in der Erde“ schreibt, gibt er ausführliche Informationen bezüglich der (bösen) Berggeister und der (guten) Zwerge. Deren Existenz schien im gesichert, schließlich hatten die Bergleute ihm von diesen Lebewesen erzählt.
 
So lief er bei jener Gelegenheit doch einmal in die Irre - nicht anders als die moderne Wissenschaft übrigens manchmal auch. Die nämlich, so hat mal jemand formuliert, befindet sich auch nur immer auf dem neuesten Stand des Irrtums.

Das Chemnitzer Schloßbergmuseum hatte zum Jubiläum die Ausstellung „Das Feuer der Renaissance“ über Agricola und seine Zeit.

 
  LINKS:
In Chemnitz gibt es ein Agricola-Forschungszentrum, an der Bergakademie Freiberg eine Georg-Agricola-Gesellschaft, die sich mit Wissenschafts- und Technikgeschichte beschäftigt.
Digitalisierte Originale von Agricolas Schriften hat die Universität Köln als pdf-Dateien ins Netz gestellt.