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„Bestarbeiter“ und „Planerfüllung“

Das Industriemuseum in Brandenburg/Havel zeigt die Arbeitswelt der DDR

Blick in die Werkshalle des Industriemuseums auf jener Seite, wo der Stahlofen abgestochen wurde.










„Ehrenbanner für Schrittmacherleistungen im sozialistischen Wettbewerb“ steht auf einer Fahne, und in Schaukästen findet man „Banner der Arbeit“. An solchen Punkten seiner Dauerausstellung ist das Industriemuseum in der Havelstadt Brandenburg am unterhaltsamsten. Dann geht es nämlich um die Arbeitswelt der DDR. Und gezeigt werden einige jener unbeschreiblichen Auszeichnungen und Ehrungen, die die SED-Führung erfunden hatte, um die Werktätigen, so der Jargon, bei Laune zu halten.

Vom alten DDR-Dunst künden  auch jene Ausstellungsstücke, die aus der Konsumgüterproduktion im Sozialismus stammen: Nach dem Wechsel Mitte der Siebziger von Ulbricht zu Honecker durften die Versorgungsmängel für eine Weile öffentlich zum Thema gemacht werden, und wurden die Betriebe verdonnert, fünf Prozent ihres Plansolls in Form von Gütern für den täglichen Bedarf zu erfüllen. Worauf die Stahlwerker aus Brandenburg schnieke Gartenmöbel fabrizierten, Maschendrahtrollen auch, ebenso PKW-Anhänger, also alles in allem nützliche Gegenstände, die sich aber leider dadurch auszeichneten, dass sie eher gut gemeint als gut gemacht waren. Wie auch hätte ein Stahlwerker zum Beispiel Spielzeuge produzieren sollen, wie es in Brandenburg verlangt wurde?
Alltag im Würgegriff der Partei

Aber nicht nur Kurioses verbirgt sich in den ausgestellten Wandtafeln zum „Stand der täglichen Planerfüllung“ oder zu den „Bestarbeitern“. Die Kehrseite der Medaillen zeigt sich zum Beispiel im „Wimpel der Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, der in Erinnerung ruft, wie fest die Partei den Alltag im Würgegriff hatte und wie sehr der „erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ im Inneren militarisiert war.
Dokumentationszentrum
zum DDR-Alltag

An dieser Stelle bietet sich ein Abstecher an, und wir schweifen ab: In Eisenhüttenstadt, 1961 von der DDR-Führung als Schwermetallstandort und „sozialistische Stadt“ neu gegründet, gibt es das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, das, wie der Name schon sagt, die Warenwelt des Ostens ausstellt und das Lebensgefühl im so genannten real existierenden Sozialismus wiedererlebbar macht.
Einzig erhalten gebliebener
Ofen seiner Art

Zurück zum Brandenburger Industriemuseum. Der Siemens-Martin-Ofen ist europaweit die einzige erhalten gebliebene Anlage dieser Art. Allerdings sieht der unbedarfte Besucher beim Betreten der riesigen Werkshalle zunächst nichts davon. Denn das Monstrum erhebt sich nicht in die Höhe, sondern dehnt sich in die Breite. Das macht die Anlage auf den ersten Blick unspektakulär, zumal sie sich hinter einem endlosen Gewirr von Rohrleitungen und unter Mengen von Schlacke, Ruß und Dreck verbirgt.

Auf der Beschickungsebene: Blick in den Siemens-Martin-Ofen.






Der erhalten gebliebene Ofen trug einst die Nummer XII, hatte neben sich in einer langen Reihe noch elf weitere Exemplare, die allesamt abgerissen wurden. Er ging am 12. Oktober 1967 in Betrieb und war ursprünglich als Forschungsanlage vorgesehen, damit die DDR auf einen Spitzenplatz in der weltweiten Schwerindustrie  kam - „Klassenauftrag im Kampf gegen den Kapitalismus“ hieß sich das im SED-Jargon. Doch schon ein Jahr später war von Forschung keine Rede mehr, sondern ging es einfach nur noch um Produktionstonnagen.

Heute kann der Besucher auf der Beschickungsebene unmittelbar an das liegende Ungeheuer heran, und angesichts der eindringlichen Schilderungen der Führer glaubt man alsbald, das Vulkanfeuer in seinem Inneren und den Höllenlärm drumherum zu vernehmen. Die entscheidende Stärke des Siemens-Martin-Verfahrens war, dass es höhere Temperaturen zuwege brachte als die bis dahin üblichen Hochöfen, nämlich 1800 Grad. Das gelang durch das Vorwärmen der eingeblasenen Luft, wobei hier im so genannten Regenerativverfahren die Wärme der Abgase genutzt wurde. Wichtig war ferner, dass der Ofen schnell und einfach Schrott einschmelzen und der Verwendung wieder zuführen konnte.
Regenerativfeuerung
nutzt die Abwärme



Das Verfahren geht auf Friedrich Siemens zurück, einen Bruder des später geadelten und berühmt gewordenen Industriellen Werner von Siemens. Friedrich Siemens hatte 1865 ein Patent für einen Ofen mit Regenerativfeuerung erhalten. Zunächst aber war der für die Eisenverhüttung nicht zu gebrauchen, denn die Mauerung der Brennkammer blieb ein ungelöstes Probelem: bei 1600 Grad begann sie zu schmelzen. Immerhin reichten die so erreichten Temperaturen für die Glasherstellung, und in der Folge wurde Friedrich Siemens zum größten Glashersteller Europas.
Probleme mit der Ausmauerung 
Die Herausforderung mit Temperatur und Mauerung meisterten die Franzosen Emile und Pierre Martin, Vater und Sohn: sie trieben bessere Schamottesteine auf. 1864 begannen sie in dem kleinen französischen Ort Sireuil die Produktion nach ihrem Verfahren. 1869 zogen Hütten in Essen und Berlin nach, und etwa gleichzeitig setzte sich das neuartige Verfahren in England, Österreich, Schweden, Italien und Nordamerika durch. 1867 erhielten die Erfinder auf der Pariser Weltausstellung höchste Auszeichnungen. Dass Pierre Martin schließlich völlig verarmt und erst kurz vor seinem Tod eine Rente für seine technische Großtat bekommt, ist eine traurige Geschichte und wird ein andermal zu erzählen sein.

Überbleibsel der sozialistischen Arbeitswelt: Planerfüllung war eine der heiligen Kühe der DDR-Wirtschaft.





Von 1905 an machte der Siemens-Martin-Stahl etwa 50 Prozent der deutschen Produktion aus, Ende der 1940er lag er weltweit bei 75 Prozent. 1965 erreichte er seinen Höhepunkt mit weltweit 278 Millionen Tonnen. Danach ging seine Bedeutung rapide zurück, denn in den westlichen Industrien waren neuen Verfahren entwickelt worden, die in kürzerer Zeit mit weniger Energie größere Tonnagen produzierten. 1985 war das Siemens-Martin-Verfahren nur noch in Osteuropa und in China von Bedeutung.

In Brandenburg hatte am Anfang des Werks im heutigen Industriemuseum der Siegerländer Rudolf Weber gestanden, der bei den saarländischen Stahlkochern sein Gewerbe gelernt und sich für die Havelstadt aufgrund ihrer Nähe zu Berlin entschieden hatte. 1914 ging das Brandenburger Werk in Betrieb. Da Weber in der märkischen Gegend keine Schmelzer oder Walzwerker fand, heuerte er saarländische Arbeiter mitsamt ihren Familien an. Mit Kriegsende wurde das Werk komplett demontiert und als Reparationsleistung der damaligen sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in die UdSSR verfrachtet.
„Schwerpunkt Nr. 1“ der
DDR-Industriepolitik

Kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1949 fasste die DDR den Beschluss, in Brandenburg wieder ein Stahlwerk entstehen zu lassen und gab diesem Unterfangen dem Status „Schwerpunkt Nr. 1 unserer Republik“. In einem beispiellosen Kraftakt konnte bereits am 20. Juli 1950 der erste Stahl abgestochen werden. Die Materialprobe aus den Hochofen wurde auf dem Parteitag der SED präsentiert und ausgiebig beklatscht.
Volksaufstand 1953 
Am Volksaufstand am 17. Juni 1953 beteiligten sich viele der Brandenburger Stahlwerker. Damals konnten die Öfen nur durch den Einsatz bereitwilliger Arbeiter und von Lehrlingen in Gang gehalten werden. Nach Höchstleistungen in der Produktion, etwa 1974 mit über zwei Millionen Tonnen Rohstahl, wurde 1993 der letzte Ofen abgestochen.

Schornsteine von der
Transitstrecke aus sichtbar

Zu Hoch-Zeiten waren mehr als 10 000 Menschen auf dem riesigen Werksgelände mit den einst von der Transitstrecke aus sichtbaren Schornsteinen beschäftigt. Rund um die „Werktätigen“ gab es einen weiten Kreis von Berufen, die nach den Vorstellungen des Sozialismus einen indirekten Beitrag zur Produktion erbrachten: sie arbeiteten als Küchenpersonal in den Werkskantinen, als Betreuer in den Kindergärten oder als Ausbilder in den Lehrlingswerkstätten, die zeitweise rund 1000 Personen, heute „Azubis“ genannt, beschäftigten.
Industriemuseum Brandenburg,
August-Sonntag-Straße 5,
14770 Brandenburg/Havel.

Die Straßenbahnlinie 2 fährt vom Hauptbahnhof bis zur Station „Stadion/Industriemuseum“.