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Maschinen wie Zyklopen

„Ferropolis“ bei Dessau zeigt die Gigantomanie des Industriezeitalters


Raupensäulenschwenkbagger
mit dem hübschen Kosenamen 
Mosquito.













Mag sein, dass zu gewissen Stunden, wenn ein zorniger Wind an den Eimerketten und Schaufeln zerrt, sich die turmhohen Ungetüme kreischend in Bewegung zu setzen und heimlich auf den Besucher zuzukommen scheinen, so als wollten sie, wie weiland die Zyklopen der Vorzeit, die Menschen fressen oder wenigstens zermalmen. Odysseus hatte bei seiner Fahrt übers Mittelmeer diese einäugigen und bösen Riesen getroffen und er kam nur mit allerlei List heil davon - dazu später mehr.

Die Ungetüme, von denen hier die Rede ist, kann man jedoch ganz gefahrlos besuchen, nämlich in Gräfenhainichen unweit der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt.

Ferropolis“ lautet der jetzige Name des ehemaligen Tagebaugeländes, wo fünf der modernen Riesen sozusagen zur letzten Ruhe gekommen sind. Sie stehen als Ausstellungsstücke in der „Stadt aus Eisen“, einer Halbinsel inmitten eines Tagebaulochs, welches die Riesenmaschinen bis in 60 Meter Tiefe aus der Erde herausgeschürft hatten, und das nach dem Ende der Braunkohleförderung 1990 geflutet wurde.

Zeigen, wie die
Industrie die Landschaft veränderte
In einem Werkstattprojekt am Bauhaus im nahen Dessau wurde die Idee geboren: man wollte analog zum ebenfalls nage gelegenen Gartenreich des Fürsten Pückler ein „industrielles Gartenreich“ entstehen lassen, das dokumentieren sollte, wie der Mensch im Industriezeitalter mit der Landschaft umging und mit welchen titanenhaften Geräten er das im Fall des Braunkohletagebaus tat. Ziel war gleichzeitig, der Gegend Hilfestellung zu geben für einen Neubeginn.
Schauplatz für kulturelle Events
Mit Fördermitteln der EU und des Landes wurde „Ferropolis“ ins Leben gerufen. Als Außenstandort der Expo 2000 kam es zu erster Bekanntheit, und inzwischen zieht es pro Jahr einige 10 000 Besucher an, die zwischen den Zyklopen umherlaufen oder als Konzertbesucher die Auftritte von so unterschiedlichen Künstlern wie Mikis Theodorakis, Herbert Grönemeyer, Jethro Tull oder André Rieu genießen. Klar, dass bei den Shows die stählernen Ungetüme in bunte Illuminationen getaucht sind, und klar auch, dass sie aus Sicherheitsgründen dann abgesperrt bleiben.

Der Baggertyp 1521 SRs 1300, im
Jargon 
Big Wheel...




Ansonsten aber wird in „Ferropolis“ großer Wert darauf gelegt, die mächtigen Maschinen zum Anfassen zu präsentieren. So kann man direkt ran zum Beispiel an das ein wenig trist vor sich hin rostende Schaufelrad, das zu dem Baggertyp 1521 SRs 1300 gehört. Bei einer Führung übers Gelände erfährt man, was die Abkürzung bedeutet: ‚S’ steht für Schaufelradbagger, ‚R’ für Raupenfahrwerk, ‚s’ für schwenkbar.

Erfahren kann man auch noch, dass eben dieser 1521 SRs 1300 - der vielleicht ein Vorfahr von R2D2 aus dem „Krieg der Sterne“ ist? -, dass der so um die 1700 Tonnen wiegt, ehedem eine Leistung von knapp 2500 PS auf seine Ketten brachte und dabei noch das kleinste unter den Ungetümen von „Ferropolis“ ist.

... und sein Schaufelrad.











Näher noch kommt man an dem Koloss nebenan: auf ihn kann man nämlich hinaufklettern. Dann hat man fast 2000 Tonnen Gewicht und Motoren mit insgesamt 6300 PS unter sich, die von 1958 an, als das gewaltige Ensemble gebaut wurde, pro Stunde gut 3000 Kubikmeter Abraum über eine Länge von 125 Metern umsetzen konnten. Das 24 Stunden rund um die Uhr.

Bei alledem ging es nur um eins, und das war eine der Kernangelegenheiten des Industriezeitalters: Energiegewinnung. War es ganz zu Anfang noch die Holzkohle, mit der das Roheisen erschmolzen wurde - beim Eisenhammer im nahen Tornau sind noch Zeugnisse einer alten Köhlerei zu sehen -, setzte sich später die Steinkohle durch, genauer: ihr Derivat, der Koks.

Die in Gräfenhainichen gebaggerte Braunkohle aber wurde im nahen Kraftwerk Zschornewitz verstromt und ein kleinerer Teil von ihr floss als Strom gleich wieder nach Gräfenhainichen zurück, um mit einer Anschlussspannung von sechs Kilovolt die grabenden Ungetüme bei ihrer unablässigen Wühlarbeit anzutreiben. In Zschornewitz ist die Werkssiedlung des Kraftwerks zu besichtigen.
Raue Arbeitswelt im
Tagebau von damals

Die Ausstellung über „Ferropolis“ in einem der Gebäude zeigt Fotos von dem Dorf Gremmin, das ehemals an der Stelle des heutigen Sees lag, präsentiert Aufnahmen von dem spektakulären Über-Land-Transport der monumentalen Geräte und erlaubt einen Einblick in die alte Elektrowerkstatt. Nur schwer kann man sich vorstellen, wie rau die Arbeit der Bergleute im Tagebau ehemals war, umgeben vom Lärm der ununterbrochen sich in die Erde fressenden Eimerketten oder von den Staubwolken, die von den Transportbändern herunterweht wurden. Im Winter standen die Arbeiter manchmal bis zu den Knien im Matsch, über und unter sich die Vibrationen der mächtigen Anlagen. „Stasi in den Tagebau“ hieß nach der Wende ein böse gemeinter Slogan.

Eimerkettenbagger Mad Max.








Übrigens: Mitunter wurden in den Braunkohleflözen wertvolle Funde gemacht. Bernstein grub die DDR tonnenweise aus und schickte ihn zum Verkauf an die Ostsee oder in den Export. Eine Sensation war der Fund eines Waldelefanten: beinahe das komplette Skelett eines solchen urzeitlichen Tiers aus den warmen Phasen zwischen den Eiszeiten konnte ausgegraben werden.

Und damit kommen wir allmählich zurück zu den Zyklopen der Vorzeit. Vielfach nämlich kann man in „Ferropolis“ erleben, wie die Zeit vergeht und wie sich die Zeiten ändern. Der Blick über die aktuelle Landschaft zeigt: Die Tristesse des Tagebaus ist verschwunden, die Löcher sind mit Seen gefüllt oder renaturiert. Der Blick in die Zukunft hingegen fällt noch schwer, denn kaum lässt sich ahnen, was im heraufziehenden Informationszeitalter der Broterwerb der einstmals wichtigen Chemieregion um Bitterfeld, Wolfen und Dessau sein soll.
Odysseus' Kampf mit dem bösen Zyklopen


Und erst recht nicht zu ahnen ist, was denn unsere Nachkommen einmal zu den Ungetümen aus Eisen in „Ferropolis“ sagen werden, so diese dann noch stehen. Vielleicht werden sie zu ihnen wilde Geschichten erfinden, wie jene von Odysseus und den Zyklopen: Der antike Held und seine Gefährten gerieten nämlich auf ihren Irrfahrten in die Höhle des bösen Polyphem, und dieser begrüßte den Besuch damit, dass er als erstes zwei der Gäste verspeiste und dies morgens und abends wiederholte. Bis Odysseus auf die Idee kam, sich erstens gegenüber dem Bösewicht als „Niemand“ vorzustellen und zweitens und ihm danach mit einem zugespitzten Baum das Auge auszustechen. Worauf Polyphem natürlich um Hilfe brüllte - seine herbeigeeilten Zyklopenkollegen aber trollten sich schnell, als sie vor der verschlossenen Höhle standen und von innen nur des Riesen Geschrei hörten mit dem Inhalt, dass „Niemand“ ihm nach dem Leben trachte. Die Griechen entkamen schließlich mit der dritten Raketenstufe ihrer List, indem sie sich unter den Bäuchen von Polyphems Ziegen festbanden und mit der Herde ins Freie gelangten.

Die Antike sah die wärmeren Regionen der Welt von seltsamen Menschenwesen besiedelt. Solinus schrieb noch Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. von Einäugigen (Cyclopes), Schattenfüßern und doppelköpfigen Pygmäen.









Übrigens: Die Mär von den einäugigen Riesen geht wahrscheinlich auf Knochenfunde zurück, die die Seefahrer der homerischen Zeit auf Sizilien machten. Seltsam  an diesen Fundstücken war gewesen, dass sie auf der Stirn ein großes Loch hatten, welches aussah, als wären dort die Augen dieses Lebewesens zusammengewachsen gewesen. Noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts grob man solche Fossilien aus der sizilianischen Erde. Sogar der berühmte Wissenschaftler Anastasius Kirchner besuchte die Fundstellen.

Wir wissen heute, dass es sich um fossile Schädel des Zwergelefanten (Palaeoloxodon faleoneri) handelte. Der lebte in grauer Vorzeit auf dem Urkontinent mit dem Gebiet der heutigen Mittelmeerinseln und war nahe verwandt mit dem Waldelefanten, von dem, wie oben gesagt, einer in Gräfenhainichen aus den versteinerten Sumpfwäldern herausgeholt wurde.

Die Überlegung der Altvorderen, die sie zu den Zyklopen führte, war dabei so irrig gar nicht: Wenn man nämlich nicht weiß, dass der Elefant ein Weidetier ist, bei dem die Augen seitlich am Kopf sitzen statt vorn, dann kann man leicht zu der Schlussfolgerung kommen, dass im Stirnloch dieses massigen Schädels das Rundauge eines mächtigen Gesichts gesessen haben muss. Wir heute wissen es besser: das Loch in der Stirn ist der Ansatz für die Nase des Elefanten, die, auch das ist uns bekannt, als Rüssel ausgebildet ist.


Ferropolis,
Bahnstation Gräfenhainichen.

 
  Besucherbergwerk „Abraumförderbrücke F60“ bei Lichterfeld
Ehemaliger Tagebau Meuro