  Nachbau eines Rennofens am Bergbauwanderweg Öttershagen.
|
 Der Begriff ist irreführend, wie so vieles aus alter Zeit: Der Rennofen hat seinen Namen keineswegs daher, dass da jemand oder irgendetwas rennt. Vielmehr geht es ums „rinnen“ als frühes Prinzip bei der Verhüttung von Eisenerz. Damit gehen wir weit zurück in der Menschheitsgeschichte bis in die Eisenzeit, genauer: zu den Germanen und Kelten ins Jahr 500 vor Christus.
Damals nämlich gab es im Siegerland und ebenso im Bergischen Land schon eine Art von Metallwirtschaft. Sie basierte auf Raseneisenstein und Holz als natürlichen Rohstoffen und nutzte geschickt die Luftströmungen an den Berghängen. Ein Lehrpfad bei dem Dorf Öttershagen unweit der Burg Windeck über dem Tal der Sieg zeigt Dokumente des Eisenerz-Bergbaus und der Verhüttung in jener Zeit.
Der Reihe nach. Raseneisenstein kommt in hiesigen Landen häufig vor. Voraussetzung sind Eisen und Mangan in tieferen Bodenschichten und ausreichend Grundwasser, das die Metalle aus der Tiefe in die Höhe bringt. Auf Grund des Luftsauerstoffs, der nahe an der Oberfläche im Boden schon reichlich vorhanden ist, fallen die Metalle aus. |
Je nach Metallgehalt ist Raseneisentstein hart wie Fels oder bröckelig |
Raseneisenstein kann Schichten von bis zu einem halben Meter Dicke bilden. Er zeigt sich je nach seinem Metallgehalt als festes Gestein oder als krümelige Brocken. Meist ist er von brauner Farbe, die bei hohem Mangangehalt aber auch ins Schwarze übergehen kann. Hohe Metallanteile machen die Brocken übrigens hart wie Fels, weshalb Raseneisenstein mancherorts als Baumaterial für Häuser und Stadtmauern Verwendung fand. Bei geringem Metallgehalt verwittert es leicht und ist rost- bis gelbbraun. |
Im Rennofen solte das Eisen nicht fließen... |
Um Raseneisenstein nun zum „rinnen“ zu bringen, erfanden die Altvorderen den Rennofen. Das ist eine Art Türmchen auf der Wiese, meist aus Lehm gebaut, maximal damals wahrscheinlich mannshoch und mit circa einem Meter Durchmesser. Mit Holzkohle und Torf brachten die alten Hüttenleute die Temperatur in dem Öfchen auf um die 600 Grad - das Eisen sollte eben nicht fließen wie beim heutigen Hochofenabstich. |
| ... sondern nur tröpfeln, rinnen - daher der Name. |
Was man nämlich wollte, war „Luppe“, eine teigige Masse, die eine Art metallischer Schwamm mit vielen Luftbläschen und reichlich Schlacke ist. Solch einen Eisen-Teig konnte man nämlich später durch Schmieden zu Stahl veredeln, indem man ihm im glühendem Zustand die Luftbläschen und die Fremdstoffe durch Hammerschläge sozusagen austrieb. |
Arbeiter bestückt Schachtofen, das ist ein höher gemauerter Rennofen. Deutlich zu sehen ist vorne die mit Lehm zugemauerte Öffnung und die Mulde zum Auffangen der flüssigen Schlacke (Bildausschnitt aus: Georgius Agricola, „Vom Berg- und Hüttenwesen“).
|
Hätte man hingegen im Verhüttungsofen die Schmelze wirklich zum Fließen gebracht, wäre sie in der Folge wertlos geworden - „Hundeeisen“ soll damals das Wort für das so entstehende Material gewesen sein, das sehr spröde und zu nichts nutze war.
Anmerkung am Rande: Dass man Hundeeisen „frischen“, das heißt durch neuerliches Erwärmen unter Einblasen von Sauerstoff sehr wohl noch fit für die Verarbeitung machen kann, war damals noch nicht bekannt.
So weit so gut zum Rinnen anstelle des Fließens. Nur: Wenn die Luppe nicht per Abstechen aus dem Ofen herausgelassen wird, wie kommt man an sie heran oder wie bekommt man sie heraus? Die Altvorderen hatten eine einfache Lösung dafür, und das hat die Archäologen auf die Spur der alten technischen Verfahren gebracht: Nach jedem Feuern wurden die Rennöfen einfach zerteppert, so dass man in alten Verhüttungsgebieten haufenweise Ofenreste mit den typischen Schlackegruben findet.
Solch ein Gebiet war das Bergische Land, benannt übrigens nicht nach seinen Hügeln, sondern nach dem Herzogtum Berg. In den Tälern dort gruben die Altvorderen den Raseneisenstein und in den Wäldern schlugen sie das Holz, das sie für die Verhüttung brauchten. Entlang der Talhänge steigt zudem passender Weise ein sanfter Wind in die Höhe, so dass die Landschaft kostenlose Zugluft für die Rennöfen bereithielt. Denn Bläsebälge waren im Keltischen und Germanischen noch unbekannt. |
| Eisenverhüttung war ein Saisongeschäft |
Vermutlich war zur damaligen Zeit das Eisenkochen ein Saisongeschäft. Denn Holzkohle als Brennstoff ließ sich nur in der warmen Jahreszeit erzeugen und war zudem nicht einfach zu lagern, so dass es häufig vorkam, dass zum Ende des Winters die Brennstoffvorräte zu Ende gingen. Dann wurde die Verhüttung eingestellt, basta. |
 Zerrenherd (von zerrinnen), Form des Rennfeuers. In einer Mulde auf dem Herd brennt ein Holzkohlenfeuer, in das vorsichtig Erz geschaufelt wird. Gerade steuert der Zerrener mit der Linken eine Luftdüse (hinter dem Feuer) und lässt im Vordergrund Schlacke ablaufen (Bildausschnitt aus: Georgius Agricola, „Vom Berg- und Hüttenwesen“).
|
Bei der Arbeit am Rennofen griffen die Menschen auf Know-how zurück, das sie sich über Generationen angeeignet hatten: Das fing an mit Details beim Bau, wo eine Schlackengrube notwendig ist, und ging weiter über ein leichtes Feuer über Nacht in den im Bau befindlichen Öfen, damit die Trockenzeit des Lehms sich von einigen Wochen auf ein paar Tage reduzierte.
Solcherart Gewusst-Wie galt auch für die Vorbereitung des Raseneisensteins für die Verhüttung: Er wurde zunächst an der Sonne getrocknet und danach in einfachem Feuer „geröstet“, wobei Wurzelreste und Ähnliches verbrannten, außerdem ein gut Teil des Sandes schon abbröckelte und vor allem der Schwefel im Erz sich verflüchtigte.
Danach wurde dieser „Rost“ zu Bröckchen in Hasel- bis Walnussgröße zerschlagen, weil er so am leichtesten zu schmelzen war. Die Schlackengrube - meist unter dem Ofen - musste vor dem Beschicken mit Stroh und Spaltholz gefüllt werden, damit dieses beim Anfeuern als erstes verbrannte und so Raum für die nach unten rinnende flüssige Schlacke schuf.
Aus heutiger Sicht war das Verfahren äußerst uneffektiv. Denn um eine Tonne Roheisen zu gewinnen, musste man - übrigens noch im 17. Jahrhundert bei damals schon verbesserten Verfahren - acht Tonnen Holzkohle verfeuern, die herzustellen man wiederum 30 Tonnen Holz verkohlt hatte, was der Menge entspricht, die in einem Buchenwald von fünf Fußballfeldern Größe in einem Jahr nachwächst. Allerdings gaben die Wälder damals reichlich Brennstoff her - bis die „Industriellen“ die Nutzung der natürlichen Ressourcen übertrieben hatten und die Hänge kahl waren und der Regen die Erde zu Tal rutschen ließ. |
| |
Mittlerweile aber sind wir schon ein paar Jahrhunderte weiter, und da hatten die Stahlkocher die Steinkohle in den Blick genommen, die später in Form von Koks zur Grundlage der modernen Eisenindustrie werden sollte. |
| |
Das aber wäre eine andere Geschichte, nämlich die vom Ruhrgebiet und seinen Hochöfen... |
Bergbauwanderweg Öttershagen
|
|