home suche kontakt impressum
 

Schallmauer durchbrochen

Mit dem gusseisernen Rahmen begann der Höhenflug des Konzertflügels
Innenleben eines modernen Konzertflügels: der gusseiserne Rahmen (zu sehen im Musikinstrumentenmuseum Berlin).






Ob Mozart, dessen Geburtstag sich zum Beginn des Jahres 2006 zum 250. Mal gejährt hat, anders komponiert hätte, wenn zu seiner Zeit Tasteninstrumente mit den heutigen Möglichkeiten dagewesen wären, bleibt Spekulation. Was wir lediglich wissen, ist, dass das damals übliche Hammerklavier zahlreiche Schwächen hatte und dass es bis zum modernen Konzertflügel noch ein langer Weg war.

Als der spätere Wunderknabe und Fließbandkomponist am 27. Januar 1756 geboren wurde, hatte der Zeitgeschmack den Barock hinter sich gelassen und wünschte sich auch in der Musik Neues. Fortan war das Clavichord den Zeitgenossen zu leise, und am Cembalo wurde bemängelt, dass es dem Spieler keine Ausdrucksmöglichkeiten gebe, da es immer mit gleicher Lautstärke erklingt, egal wie sanft oder wie heftig seine Tasten angeschlagen werden.

Das Jahr 1709 brachte eine entscheidende Neuerung: Bartolommeo Cristoforo kam mit der Hammermechanik heraus, die ein wirkliches Leise und Laut ermöglicht, weshalb Instrumente nach dieser Bauart den eigenwilligen Namen „Pianoforte“ bekamen. Beethoven soll auf der Suche nach einem besseren Wort es mit der Kreation „Schwachstarktastenkasten“ probiert haben, schreibt Dieter Hildebrandt in dem Buch „Pianoforte. Der Roman des Klaviers im 19, Jahrhundert“.
 
Ebenfalls 1709 war woanders etwas geschehen, was für unsere Betrachtung wichtig ist: Im englischen Coalbrookdale gelang es Abraham Darby II., einen Hüttenofen ganz mit Koks zu betreiben. Das brachte der Metallindustrie einen Aufschwung: Auf einmal war sie befreit vom Brennstoffmangel aus den Zeiten der Holzkohle, und in der Folge wurde Roheisen billig und massenhaft verfügbar. Das dürfte die Instrumentenbauer angeregt haben, über Verstärkungen ihrer Instrumente mit Eisen nachzudenken.
 
Zurück zu Mozart. Das gutealte Hammerklavier hatte aber auch Vorteile: weil es nämlich ganz aus Holz war, war es leicht und konnte ohne großen Aufwand unterm Arm transportiert werden. Der geübte Virtuose nahm nämlich im Allgemeinen das eigene Instrument zu einer Vorführung mit, da, falls sich am Aufführungsort überhaupt ein Klavier fand, dieses meist nur eingeschränkt bespielbar und mit Sicherheit verstimmt war. Dieses musikalische Transportgeschehen erwähnt Vater Leopold Mozart in einem Brief an Wolfgangs Schwester Anna: „Deines Bruders Fortepiano Flügel ist wenigst 12 mahl, seit dem (ich) hier bin, aus dem Haus ins Theater oder in ein andres Haus getragen worden“. Soweit der Vater und Förderer der beiden Wunderkinder, wie er in der Zeitschrift „Kultur & Technik“ des Deutschen Museums (04/05) zitiert wird.
Der äußere Rahmen, Flügelwand genannt, wiederholt sich im Inneren in der Rastenwand, auf der der Gussrahmen aufliegt. Spreizen geben dem Ganzen Stabilität. Vorne der Klaviaturboden (Musikinstrumentenmuseum Berlin).







Schöne Szenen kann man sich ausmalen, wenn der Künstler mit dem Klaviere um die Häuser zog. Dieter Hildebrandt erwähnt in seinem Buch eine Szene voll Leidenschaft: Überliefert sei, wie der Komponist Georg Benda „einmal spät abends sein Klavier über die Straße trug, um seinem bereits zu Bette liegenden Textdichter eine eben komponierte Arie in unabgekühlter Begeisterung vorzuspielen“. Gut also, wenn auf dem Instrumente nicht wirklich laut geklimpert werden konnte.

Mit den Virtuosen an den Tasten aber hatte diese Beschaulichkeit ein Ende. Auftritte wie etwa die von Beethoven zählten zu den großen gesellschaftlichen Ereignissen und ließen den Bedarf nach einem verbesserten Typ von Tasteninstrument entstehen, das in jedem Konzertsaal vorhanden sein würde und das mehr Lautstärke hervorbringen sowie über mehr Tonumfang in Bass und Diskant verfügen sollte.

Und wenn die - modern ausgedrückt - Ausgeflippten unter den Virtuosen sich auf der Bühne an einem hölzernen Klavier austobten, ging manches Instrument in die Knie oder krachte gar zusammen. Christoph Rueger erwähnt solche Szenen in seinem Buch über Franz Liszt („Franz Liszt. Das Leben als Widerspruch“): In seiner Jugendzeit, so hätte der Virtuose selbst berichtet, seien die Instrumente für seine Ansprüche „zu leicht gebaut“ gewesen: „Also ließ ich gewöhnlich zwei Flügel auf das Podium stellen, damit ich beim Versagen des einen Instruments auf dem anderen weiterspielen konnte...; einmal zertrümmerte ich aber beide Flügel, so dass während der Pause zwei weitere herangebracht werden mussten.“
 
Die Fürstin Metternich verglich Liszts gelegentliches Zerstörungs-Werk mit Prinz Eugens Sieg über die Türken und dem anschließenden Zusammenbrechen des Osmanenreichs: „Diesmal war es Franz Liszt..., und das Reich, das er zerschlug, bestand aus Holz und Saiten.“ Die Schilderung der Fürstin gipfelt in dem schönen Satz: „Man fühlt sich nach einen solchen Konzert wie zerstückelt.“ Und Kaiser Ferdinand merkte zu einem Konzert einmal an, der Künstler hätte „die „Kanonade von Olmütz“ nacherzählt.
 
Auch wenn solche Äußerungen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen, so sind sie doch zumindest gut erfunden und belegen zudem die neue „Bewegung“, die den Geschmack der Zeit prägte: aus dem beschaulichen barocken Konzert war ein Spektakel geworden, in dem der Virtuose sich hemmungslos inszenierte und die Besucher im Gegenzug sich scharenweise vor Verzückung in Ohnmacht fallen ließen.
 
Derweil waren die Komponisten dabei, die Leistungskurven für einen „virtuos“ zu nennenden Spieler erbarmungslos in die Höhe zu treiben. Frédéric Chopin zum Beispiel packte schier Unglaubliches zwischen die Notenlinien, so dass Ludwig Rellstab, damals ein angesehener Journalist und Musikkritiker, witzelte, „daß, wer verrenkte Finger hat, sie an diesen Etüden vielleicht wieder ins Gerade bringt“. Der erste Band mit Chopins Etüden kam 1833 heraus.
 
Zuvor war im Instrumentenbau in den 1820ern der große Durchbruch gelungen. Zu nennen ist zunächst die Repetitionsmechanik von Sébastien Érard, die 1822 patentiert, das Rückfallen des Anschlagshammers verkürzte und so das Wirbelspiel der Finger auch über nur einer Taste möglich machte. Érard finanzierte übrigens Liszts erste Konzertreisen.

Gussrahmen sind so spektakulär, dass mancher Klavierhändler sich einen vors Geschäft stellt.
















Und hier kommt dann, wie bereits angedeutet, das Eisen ins Spiel. Die entscheidende Neuerung brachte 1825 der Bostoner Klavierbauer Alpheus Babcock, als er den gusseisernen Rahmen in die Holzkonstruktion einführte. Damit war wahrhaft eine Schallmauer durchbrochen, auch wenn der perfekte Klang erst in schrittweisen Verbesserungen erreicht werden konnte. Diese Schritte machten deutsche Klavierbauer, die nach der gescheiterten 1848er Revolution nach Nordamerika auswanderten. Namentlich war es die Firma Steinway & Sons, die 1855 die durchgehende Eisenplatte inklusive gekreuztem Saitenbezug vorstellte. Damit war vom Prinzip her der moderne Flügel geboren.

Übrigens: Firmenpatron Henry E. Steinway, eigentlich Heinrich Engelhard Steinweg, hatte vor der Auswanderung in Seesen eine erfolgreiche Klavierfabrik betrieben. Seine Vorfahren waren noch Köhler in Wolfshagen im Harz gewesen. Er wanderte mit Ehefrau und sieben Kindern in die USA aus, wo er 1853 seine neue Firma gründete. William, ein späteres Mitglied der Familie und ebenfalls Klavierbauer,  traf 1888 bei einem Europaaufenthalt in Cannstatt Gottlieb Daimler und fuhr dessen Motor-Wagen. Begeistert sicherte er sich die Rechte zur Lizenzfertigung für Amerika und stellte ab 1891 den Motor in Hartford, Connecticut her.

Zurück zu Klavier und Flügel. Nicht übersehen dürfen wir eine Innovation von 1834: In Birmingham wurde ein Gussstahldraht hergestellt, der den bisher für die Saiten üblichen Eisen- oder Messingdraht an Zugfestigkeit weit übertraf. Später fand man Wege, die Basssaiten mit Kupfer zu umwickeln und so tiefere Töne zu erreichen. Fortan konnten die Klavierbauer ganz neue Saiten aufziehen.
 
Ein heutiger Hersteller von Gusseisenplatten für Flügel ist die Firma Stock Guss GmbH in Neumünster. Sie produziert pro Jahr zwischen 300 und 400 solcher Stücke für Klavierbauer wie Steinway, Schimmel, Bechstein oder Feurig. Heinz Ackermann ist Chef der Gießabteilung und spielt die Kunstfertigkeit in seinem Job herunter: „Wir verwenden normalen Grauguss und sorgen halt dafür, dass die Platte in sich möglichst homogen ist.“ Das sagt er so leicht, aber bekanntlich liegt genau in der exakten Steuerung des Gießvorgangs die Kunst der Branche.
 
Gegossen wird in Sandformen mit einem Unter- und Oberkasten. Der Sand wird mit Kunstharz vermischt und einem Härter versehen, so dass er Betonfestigkeit erreicht. „Die Vorbereitung und das Gießen ist schnell erledigt“, sagt Ackermann, „die meiste Arbeit macht danach das Entfernen der Grate oder das Abstrahlen.“ Darauf folgen noch penible Messungen etwa der Durchbiegung, der Wandstärke oder der Schallgeschwindigkeit.

Eine Fülle von Accessoires gehören zu einem Konzertflügel.


Dann geht das Stück von bis zu 200 Kilogramm Gewicht zum Klavierbauer, wo es im Fall eines Flügels zu einem Gesamtkunstwerk von um die 450 Kilo aufgerüstet wird. Dabei bekommt die Eisenplatte ihre im Regelfall bronzene Farbe. Schließlich werden die Stimmwirbel in den Stimmstock eingeschlagen und die rund 220 Saiten aufgezogen, die, fertig gespannt, bis zu sagenhafte 20 Tonnen Zugkraft anlegen. Zuletzt wird mehrmals gestimmt, bis das Instrument die Tonlage hält.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war weltweit die große Zeit von Klavier und Flügel. Dieter Hildebrandt nennt in seinem Buch Zahlen: Um 1900 gab es in Berlin mit zwei Millionen Einwohnern 175 Klavierfabriken, also eine pro 11.000 Einwohner! In New York mit 3,7 Millionen Einwohnern waren es immerhin noch eine Fabrik auf 28.000 Bürger oder in Paris mit 3,5 Millionen Einwohnern noch eine Fabrik auf 70.000.
 
Die Gründe dafür sind vielfältig. Um 1800 war das Klavier zum Modeinstrument geworden - das aufstrebende Bürgertum hatte das Tasteninstrument entdeckt. „Jeder spielt Klavier, jeder lernt Klavier“, schrieb die Wiener „Allgemeine Musikalische Zeitung“, und eine Zeitgenossin zeigte sich genervt über das Gehabe der wohlhabenden Familien mit Standuhr, Klimperkasten und höheren Töchtern: „Kaum hat der Gast Platz genommen und sich an gewässertem Wein und Preßburger Zwieback erquickt, so wird das Fräulein Karoline ... von den Eltern aufgefordert, dem Gast doch etwas vorzuspielen.“
 
Zum Ende des Jahrhunderts, als allerorten schon die Eisenbahnen fuhren und die Fabriken lärmten, erlebte das Klavierspielen noch einmal einen Aufschwung: im Stummfilm half die Live-Musikbegleitung, dem Zuschauer neue Erlebniswelten zu erschließen. Zur selben Zeit gingen Tasteninstrument und Mechanik eine fruchtbare Verbindung ein: die Tonwalzen als Vorläufer der Musikboxen dudelten gegen geringes Entgelt unablässig Schlager und Evergreens.
 
Noch gab es weder Schallplatte noch Radio noch Tonband geschweige denn MP3-Player. Wer Musik hören wollte, musste zum Mann am Klavier gehen. In den Westernfilmen wurde daraus ein beliebter Gag, indem bei Schießereien im Saloon auch er sein Teil abbekam.

Damit hätte 100 Jahre zuvor Mozart wohl nicht gerechnet. Er war 1791 verstorben.
Historische Klaviere und Flügel gehören zu den Standard-Ausstellungsstücken in jedem Musikinstrumentenmuseum. Sehenswert sind zum Beispiel jene im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.  
  Links:
Bund Deutscher Klavierbauer
Ausbildung zum Klavier- und Cembalobauer
Linkliste zu Mozart
Wilhelm Busch zum Klavier
Burning Piano: An einem brennenden Flügel und in Schutzkleidung spielt der japanische Jazzpianist Yosuke Yamashita