Die Natur nimmt auch die karge Steinwelt von Bahnanlagen schnell wieder in Besitz.
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Was da vor sich geht, ist einerseits faszinierend, andererseits aber auch ernüchternd: Vielerorts an ehemaligen Industriestandorten erobert sich die Natur die Brachen zurück, als hätte es dort nie etwas anderes gegeben. Im Ruhrgebiet steuert die „Route Industrienatur“ knapp 20 Ziele von Duisburg bis Bergkamen an, an denen man studieren kann, wie Pflanzen und Tiere neue Lebensräume erobern: man stolpert über die rissige Bahnschwelle, neben der unvermittelt ein Löwenzahn in prallem Grün seine Sägezahn-Blätter in die Höhe reckt, so als wäre er schon immer hier zuhause gewesen; man wundert sich über die bröckelnde Backsteinwand, in der aus einer Fuge ein Birkenstämmchen herauswächst, das sich – wem gehört die Welt? - in Richtung Himmel reckt; man kommt vorbei an einem ehemaligen Koksbecken, das voll Regenwasser gelaufen ist und in dem - von wo um Himmels Willen mögen sie zugewandert sein? - bräsige Frösche auf Insekten ansitzen.
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Nach uns der Dschungel also, sozusagen. Stück für Stück wächst da eine neue Landschaft, etwa auf der ehemaligen Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde. Dort wird ein Teil der alten Anlagen als Industriemuseum erhalten; der Rest bleibt sich selbst überlassen, genauer: ist für die Pioniere aus Flora und Fauna freigegeben. |
Der Überlebenskampf in der Natur ist brutal, auch ungerecht... |
Das System, mit dem sich das Leben ausbreitet, ist effektiv, aber brutal und gegenüber manchem der Eroberer sicherlich ungerecht. Alles beginnt damit, dass sich irgendwo anders einzelne Vertreter einer Art zu neuen Ufern aufgemacht haben, sei es wegen schlechter gewordenen Umständen dort, sei es aufgrund von Überbevölkerung, sei es dass ein Vorkommnis oder der Zufall sie auf ein neues, unbesetztes Territorium verschlagen hat. Das geschieht permanent und ohne dass der Mensch viel davon mitbekäme. |
... und die Belange des Individuums zählen nichts |
Dabei zählt das Individuum im Kalkül der Natur nichts, überhaupt nichts. Zum Beispiel: Wie viele Froscheier, die im Gefieder eines Wasservogels mitgeflogen waren, unterwegs herabgefallen und vertrocknet sind, bis eben ein paar von ihnen im Wasserbecken der Kokerei ankamen und dort zu Fröschen werden konnten, weiß niemand. Solche Fragen nach Zahlen ließen sich erst recht nicht mehr stellen, wenn man etwa nach den Unmengen von verwehten oder aus Vogelmägen ausgeschiedenen Samenkörnern fragen würde, von denen nur eins es zu jenem Birkenstämmchen im Mauerwerk gebracht hat. |
 Wuchernde Natur selbst auf und vor den ehemaligen Koksöfen, hier bei Hansa in Dortmund-Huckarde.
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Mehr noch, um den Zusammenhang etwas aufzubohren: Eben dieses Birkchen im Mauerwerk wird, da der Standort extrem karge Bedingungen bietet, pro Jahr maximal ein paar Zentimeter wachsen, verdient also allein schon Beachtung und Respekt, weil es den widrigen Umständen zu trotzen versteht, und dennoch wird irgendwann irgendein Vieh darherkommen und das Meisterstück in Sachen Lebenswillen mit einem Biss abfressen.
Um dieses Gnadenlose im Überlebenskampf der Natur zu verstehen, haben die Wissenschaftler den Begriff des Individuenopfers geprägt. Spätestens damit ist klar, dass ein Vergleich zwischen Natur und Mensch nicht funktioniert und sozusagen Äpfel mit Birnen gleichsetzen würde. Bewertungen mit Begriffen wie „schön“ oder „hässlich“ beziehungsweise „gut“ oder „böse“ kennt die Natur nicht. |
| Manche Arten breiten sich mit dem Wind aus... |
Zurück zu unseren Industriebrachen. Als Fachwort für jene Pflanzen- und Tiergesellschaften, die die aufgelassenen Flächen von Bergbau und Schwerindustrie besiedeln, ist der Begriff „Industrienatur“ eingeführt. Deren Arten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie mobil sind: Manche nutzen den Wind, andere suchen sich Mit„fahr“gelegenheiten verschiedenster Art, wieder andere machen sich selber auf den Weg, dies ganz ohne Richtung und ohne festes Ziel. |
| ... andere machen sich Überschwemmungen zu nutze |
Erst neuerdings kommen die Biologen den Ausbreitungstricks mancher Spezies auf die Spur: So hat man Feuersalamander, die bekanntlich nicht gut zu Fuß sind und die auch nicht massenhaft Laich produzieren, in Gegenden gefunden, in die sie eigentlich nicht gelangen könnten - bis man feststellte, dass sie bei Überschwemmungen über Land verfrachtet werden. Selbst die Meere als schier unüberbrückbare Barrieren werden von manchen Arten übersprungen, neuerdings zum Beispiel in den Ballastwassertanks großer Schiffe.
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Pionierarten sind spezialisiert, neue Lebensräume zu erobern |
Die „Pioniere“ unter den Arten haben sich regelrecht darauf spezialisiert, frei gewordene Lebensräume neu zu besiedeln. Ihr Kennzeichen ist, dass sie mit schwierigsten Gegebenheiten zurechtkommen. Das heißt für den Fall der Industriebrachen: die künstlich entstandenen Böden zeichnen sich erstens durch Nährstoffmangel und zweitens durch geringe Wasserhaltekapazität aus, da sie aus Schlacke, Staub, Asche oder Schutt bestehen; da der Untergund zudem hohe Anteile an dunklem Kohlenstaub hat, heizt er sich im Sommer stark auf; ohnehin sind diese Standorte wärmer als ihre Umgebung, weil bei ihnen der Grad der Versiegelung höher ist; zu allem Überfluss kommt häufig noch dazu, dass die Böden einen erhöhten pH-Wert haben, also chemische Reaktionen den Wurzeln stärker zusetzen. |
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Dennoch sind die Bedingungen offenbar gut genug zum Überleben, mancher Pflanzenwuchs gar schießt so sehr ins Kraut, dass er Mauerwerk zersprengt; anderswo wuchert es so ungehemmt, dass Bäume und Sträucher die Blickachsen, die die Denkmalpfleger eigentlich erhalten wollten, gandenlos zugrünen. |
 Pionierarten erobern als Erste ein neues Terrain.
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Auch wenn also auf der Route Industrienatur alles so natürlich-urwüchsig daherkommt, kann man davon ausgehen, dass an vielen Stellen die Gärtner mit Heckenschere und Axt die Natur in ihrem lebendigen Zerstörungswerk in Schranken gehalten haben. Will doch der Besucher etwas sehen von Pflanze und Tier, will er auch bequeme Wege vorfinden und außerdem schätzt er es sehr, wenn das, was er alsNatur vorfindet, auch so aussieht wie auf den Hochglanzfotos.
All diese Beobachtungen lassen uns einen neuen Blick auf das Eroberungsgeschehen finden: Wenn zum Beispiel jener Löwenzahn an der Bahnschwelle so putzig wuchert und später im Jahr seine Fallschirmchen wird steigen lassen, so tut er das, um, so weit er reichen kann, die Welt damit zu überfallen; ein Gartenrotschwanz, der so ein zartes Kerlchen und so ein süßer Sänger ist, pickt gnadenlos nach den Fliegenlarven in seinem Revier, um mit ihnen seine Brut zu füttern. |
Das Leben hält vermutlich noch viele Evolutionen in petto |
Und damit greifen wir einen Gedanken vom Beginn dieses Textes noch einmal auf: Wenn der Mensch die Umwelt, sagen wir: chemisch sauer machen würde und dadurch zusammen mit sich selbst den Löwenzahn, das Birkenstämmchen, den Gartenrotschwanz und die Frösche ausgerottet hätte, würde es wohl irgendwo in einem extremen Lebensraum, vielleicht in einer heißen Salzquelle oder in der dunklen Tiefsee, Bakterien geben, die mit den neuen Umständen an der vom Menschen verpesteten Erdoberfläche zurecht kämen, die sich nun ihrerseits massenhaft vermehren und eine neue Evolution in Gang setzen würden. |
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Fazit: Der Mensch braucht das Leben um sich herum, nicht umgekehrt. |
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Insofern können wir auch nach unserem Besuch der Route Industrienatur immer noch nicht Antwort auf die alles entscheidende Frage geben: ob nämlich der Floh, der auf der Maus lebt, nicht doch die Katze fürchten sollte. |
Route Industrienatur
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LINKS:
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Mit Natur in der Stadt, dies am Beispiel des Bodens und der Lebewesen dort, beschäftigt sich das Naturkundemuseum „Haus am Schölerberg“ in Osnabrück in einer außergewöhnlichen Dauerausstellung.
Literatur: „Industriebrachen - Innerstädtische Freiräume für die Bevölkerung“, Keil, Andreas: 311 Seiten + CD-ROM, Abb.: zahlr. vierfarb. Abb., Erscheinungsjahr: 2002 ISBN: 3-929797-73-9, Verlag: Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur
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