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Keine Furcht vorm schwarzen Mann

Über Jahrtausende lieferten die Köhler den Brennstoff für die Verhüttung der Metalle
Zufahrt zur Harzköhlerei.









„Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ heißt ein bei Kindern beliebtes Fangen-Spiel. Ob damit wirklich Personen mit dunkler Hautfarbe gemeint waren, ist eher fraglich. Denn die bekam in früheren Jahrhunderten der Durchschnittbürger nur in Ausnahmefällen zu Gesicht. Wahrscheinlicher ist, dass der Reim auf das Gruseln vor den Köhlern anspielte, die in den dunklen Wäldern ihrem Geschäft nachgingen und die vor Ruß, Asche und Dreck starrten. Dabei war der Beruf eigentlich gar nicht schlecht angesehen, schließlich lieferte er den Stoff, ohne den es nie eine Metallindustrie hätte geben können – die Holzkohle.

Holz als solches ist nämlich als Brennstoff für die Verhüttung nicht geeignet, weil sein Brennwert zu niedrig ist , als dass damit dem Schmelzpunkt der Metall nahekäme. Zudem setzt es bei seiner Verbrennung vielfältige chemische Verbindungen frei, die allesamt der Schmelze nicht gut tun. Zum Beispiel sein Schwefelgehalt würde geschmolzenes Eisen spröde machen.
„Trockene Destillation“
lautet das Fachwort für
die Verkohlung
Schon vor Jahrentausenden aber hatten die Menschen herausgefunden, dass man dem abhelfen kann, indem das Holz zuvor verkohlt wird. „Trockene Destillation“ lautet der moderne Fachbegriff dafür. Dabei wird der Brennwert, den an der Luft getrocknetes Holz hat (3500 bis 4500 kcal pro Kilo) auf beinahe das Doppelte erhöht (7500 bis 8100 kcal pro kg), dies dadurch, dass ihm fast alle Fremdstoffe ausgetrieben werden und sein Gehalt an reinem Kohlenstoff auf etwa 90 Prozent steigt. Wenn man nun in einen Ofen mit Holzkohle noch kräftig Sauerstoff hineingibt, etwa durch einen Blasebalg, den Menschen-, Tier- oder Wasserkraft treibt, kann man jene Schmelztemperaturen erreichen, bei denen Eisen schmilzt und es sich vom tauben Gestein scheidet.
  Holzkohle hat als Brennstoff noch weitere positive Eigenschaften: Sie ist erheblich leichter als Holz (ein Viertel bis ein Fünftel des Gewichts), verlangt weniger Platz (die Hälfte des Volumens) und fault auch nicht, so dass bei der Lagerung geringerer Aufwand nötig ist. Dazu wird aber später noch Genaueres zu sagen sein.
Hartes Leben in der Natur Also spielten die Köhler eine wichtige Rolle in den alten Zeiten. Schon das Altertum kannte sie, die im späten Frühjahr, sobald die Witterung trockener und wärmer geworden war, in die Wälder zogen und dort bis zum Martinstag im November blieben. Abgeschiedenheit prägte ihre Daseinsform, Besuch von den Ehefrauen aus dem Dorf gab es allenfalls am Wochenende. Die realen Umstände des Lebens in der freien Natur kann man anhand einer Reisebeschreibung von Hans Christian Andersen vielleicht erahnen. Der dänische Dichter hatte als 26-Jähriger einen mitternächtlichen Blick vom Brocken auf die Umgebung geworfen: in dem Nebelvorhang über dem Land seien nur „Kohlenbrennerhütten mit ihren Rauchsäulen“ zu sehen gewesen, schrieb er.
  Wenig von Romantik hatte das Köhlerdasein – es war Knochenarbeit. Dabei wurde eigentlich in dem Geschäft ein großes Maß an Know-how verlangt, damit das in den Meiler eingebrachte Holz nicht verbrannte und der Köhler seinen finanziellen Schnitt machte. Deshalb oblag den Meistern das Befeuern der Meiler, welches über Erfolg oder Misserfolg entschied. Kein Wunder, dass, wie belegt ist, mancher Geselle den Meistertitel mitsamt dem besseren Verdienst ausschlug.
Mager war auch die Verpflegung Unendlich mager war auch die Verpflegung draußen im Wald: es gab dünne Suppen mit Brotstückchen oder hineingeschnittenen Zwiebeln als Standardmahlzeiten. Der Wald gibt wenig Nahrung her, und Tiere lassen sich nicht leicht fangen.
Nur Abfallholz kam in den Meiler Arbeiten wir uns einmal durch die einzelnen Schritte des Vorgangs der Köhlerei durch. Nachdem im Revier eine Hütte (Köthe) errichtet war, machten sich die Söhne und Gehilfen der Köhlermannschaft auf, Brennmaterial zu besorgen. Es kam nur Abfallholz in Betracht, etwa Äste oder Wurzelwerk. Das wertvolle Stammholz ging als Bauholz in Dörfer und Städte. Das Köhlerholz musste, bevor es in den Meiler kam, zum Trocknen ein Jahr an der Luft gelagert werden.

Mit Wagen aus Weidengeflecht wurde
die Holzkohle transportiert.







Der Chef der Köhlertruppe suchte derweil einen geeigneten Standort für die Meiler aus. Wir wollen hier ausplaudern, wie man das macht, zumal die Details ohnehin in der Ausstellung der Harzköhlerei Stemberghaus genannt werden: Sandboden ist nicht geeignet, weil durch ihn die Luft zu sehr hindurchzieht; am besten fährt man mit „leichtem Waldboden“, wie es das Büchlein „Harz, Wald, Meiler, Köthe“ aus der Harzköhlerei verrät.

Danach werden Wurzeln, Steine und Laub entfernt und wird im Boden eine leichte Schräge zur Mitte hin angehäuft. „Dadurch stehen die Holzstücke beim Setzen nur mit der Kante auf und gewährleisten ein besseres Verkohlen“, so das Büchlein. Da geeignete Plätze, die zentral liegen und neben Holz auch Wasser in der Nähe haben, nicht leicht zu finden sind, wird ein Köhler mit Erfahrung einen Standort mehrjährig benutzen.
Stapeln der Scheite Dann beginnt das aufrechte Stapeln der Scheite, die zuvor von Hand auf die entsprechende Länge gebracht oder auch noch gespalten wurden. Gestapelt wird so, dass in der Mitte des Meilers der Quandelschacht frei bleibt, der seinerseits mit Kleinstücken zum Brennholz drumherum abgedichtet sein soll. Über ihn wird der Meiler angezündet.
Abdichten des Meilers Es können zwei Schichten Holz übereinander gestapelt werden, was den Meiler zu Größen von zehn Metern Durchmesser mit bis zu 30 Kubikmetern Schichtholz anwachsen lässt. Eine knappe Woche dauert diese Arbeit, an deren Ende das Abdichten (Vergräsen) steht. Dafür werfen die Köhler Reisig, Grassoden und Erde (Stübbe) auf den Meiler. Hier muss sehr sorgfältig gearbeitet werden, sonst zieht die Glut im Inneren später selbsttätig Luft von außen, worauf das Holz verbrennt, statt dass es sich in Holzkohle umwandelt.
  Damit diese Außenhaut, wenn sie allmählich trocknet, nicht in den Meiler hineinrieselt, legen die Köhler ganz außen Äste und Bretter auf, die zudem den Hügel begehbar halten. Ein Windschutz aus Gezweig und Gebüsch umgibt die Anlage.
Das Feuer wird im
Quandelschacht in den
Meiler eingesetzt
Schließlich kommt Feuer in den Quandelschacht. Es frisst sich nun durch den Meiler, besser: glust sich hindurch. Der Köhlermeister steuert den Vorgang durch Zugabe von Luft. Dazu bohrt er mit dem Stachel Löcher in die Außenhaut, so dass ausreichend Sauerstoff in die Glut im Inneren eindringen kann, so dass sie nicht erlöscht, aber auch nicht in Flammen aufgeht. Analysieren kann man die Vorgänge im Inneren anhand des Qualms, der den Meiler umwabert: zunächst ist er rußig, dann wird er weiß und färbt sich zum Ende des Garens bläulich, worauf der Köhler die nächste Ebene ansticht. Während der Verkohlung darf der Meiler rund um die Uhr keine Minute ohne Überwachung bleiben; allzu leicht kann er Luft ziehen und damit sein Innenleben in Flammen aufgehen lassen.
Teerschweler sammeln
Stoffe wie Holzessig oder
Paraffin, Köhler nicht
In Schritten geht währenddessen der Prozess der trockenen Destillation vor sich. Zunächst verdampft das Wasser im Holz. Dann erhitzt sich der Meiler aus eigener Kraft weiter, denn bei den chemischen Prozessen, die nun stattfinden, wird Wärme frei. Frei wird auch eine Fülle an chemischen Verbindungen, etwa zunächst Holzessig und -gas sowie später Teeröl und Paraffin, um nur einige zu nennen. Bei der Teerschwelerei werden diese Stoffe gewonnen, bei der Köhlerei entwichen sie einfach als Gas in die Luft oder tropfen in den Boden, weshalb erfahrene Biologen an Stellen im Wald mit besonderem Pflanzenbewuchs ehemalige Meilerstandorte erkennen. Die Innentemperatur im Meiler steigt auf 400 Grad, und es erfolgt die vollständige Verwandlung des Holzes in Holzkohle.
Eine Woche glust der Meiler Das dauert cirka eine Woche, bei ganz großen Meilern auch vier Wochen, und darauf folgt noch einmal eine knappe Woche zum Abkühlen. Dann beginnt die Ernte, die, erfahrene Köhler unter uns wissen das, am besten in der Nacht geschieht: vorhandene Glutnester sieht man nämlich besser und die könnten, wenn nicht sofort mit Wasser gelöscht, die wertvolle Holzkohle nun doch noch in Brand setzen. Die Werkzeuge für diese Arbeiten heißen Kühlkrücke (eine Art Hacke) und Reißhaken.
  Jetzt werden die Stücke sortiert, wie es in der „Köhler-Ordnung“ des Henrich Graf zu Stolberg nachzulesen ist: „Alle harten, so wie vorzügliche fichtene Stuken-, Ast- und grobe Baumkohlen werden nach dem Hochofen, alle andere weiche Kohlen und die Kohlen von mittlerer Größe nach den Hammerhütten gegeben.“ So weit der Paragraph 84 dieser Regularien, die in der Ausstellung im Stemberghaus nachzulesen sind.

Heute wird Holzkohle in Retortenöfen hergestellt.



Der Transport erfolgte ehemals in besonderen Gefährten, von denen eins im Stemberghaus ausgestellt ist. Der Reiseschriftsteller Carl Gottlieb Küttner berichtete 1799, dass er bei seinen Fahrten durch den Oberharz stundenlang „niemandem begegnete als einsamen Köhlern, die schwer und langsam vor ihren Karren hergingen, deren sie gewöhnlich zwey besorgen“. „Weit über 1000“ solcher Wagen seien permanent zu den Hüttenwerken am Rande des Harzes unterwegs gewesen, was den Umfang der Köhlerei ahnen lässt.

Hochrädrig mussten sie übrigens deshalb sein, weil die Wege in dem Bergland miserabel und ausgefahren waren. Schließlich: Weil ihre Auflage nur aus Weidengeflecht war, rieselte permanent Holzkohlenstaub zu Boden - noch heute findet man unter den Grasnarben der alten Kohlestraßen dicke Schichten davon.
Die industriuelle Revolution
verlangte nach einem neuen
Brennstoff..., 
So war es überall in der damals bewohnten Welt seit Jahrtausenden. Vom 17. Jahrhundert an aber reichte diese Art des Brennstoffs nicht mehr aus, wie Franz Selmeier in seinem Buch „Eisen, Kohle und Dampf: die Schrittmacher der industriellen Revolution“ (Reinbek bei Hamburg, 1984) schreibt. Denn die veränderten Umstände ließen die entscheidenden Nachteile der Holzkohle für einen wirklich industriellen Einsatz nun deutlicher als zuvor hervortreten: Erstens machte sie die Eisengewinnung zu einem Saisongeschäft, weil das Brennmaterial nur in der warmen Jahreszeit zu produzieren war und nicht in großem Stil auf Lager gehalten werden konnte. Zweitens war die Holzkohle allzu zerbrechlich, so dass in einem wirklichen Hoch-Ofen das eingeschüttete Eisenerz das Feuer leicht erdrückte.
  Schließlich waren die Ressourcen begrenzt und hatten die Köhler die Hänge um die Hütten herum schon lange abgeholzt, so dass der Brennstoff über immer größere Distanzen herangeschafft werden musste. „50 bis 70 Prozent der Verhüttungskosten“ machte die Holzkohle aus, schreibt das oben genannte Büchlein aus dem Stemberghaus.
... der mit Koks aus
Steinkohle gefunden wurde
Klar, dass fieberhaft nach einer anderen Lösung gesucht wurde. Die kam mit der Verkokung der Steinkohle zu Koks. 1709 war es im englischen Coalbrookdale Abraham Darby II. gelungen, einen Hüttenofen gänzlich mit Koks zu betreiben. In der Folge erlebte die Eisenindustrie eine enorme Blüte; in Deutschland ersetzten Standorte wie das Ruhrgebiet oder das Saarland, die über diesen Brennstoff verfügten, die vorherigen Schwerindustriezentren im Bergischen Land und im Sauerland.
  Allmählich wurden die neuen Verfahren zur Einsatzreife entwickelt und fasste die Neuerung Fuß: Hatte 1850 in Preußen der Anteil des mit Holzkohle verhütteten Roheisens noch bei etwas mehr als 75 Prozent gelegen, waren es zehn Jahre später nur mehr 25 Prozent.
Holzkohle für Bügeleisen Doch nicht nur im Verhüttungsofen war die Holzkohle über Jahrhunderte vorherrschender Brennstoff gewesen. Als Plättkohle heizte sie zum Beispiel in den Haushalten Bügeleisen, als Pulverkohle war sie Grundstoff für die Herstellung von Schießpulver. Auch in Wärmern für die Betten reicher Leute wurde sie eingesetzt, was allerdings leicht Brände verursachte.
Grill-, Aktiv- und  Zeichenkohle Heute wird sie in größeren Mengen nur noch zum privaten Grillen eingesetzt. Daneben findet sie als Mittel gegen Durchfall Verwendung in Medikamenten für Mensch und Tier Verwendung sowie in der Metallurgie für der Herstellung von Reinkupfer oder in der chemischen Industrie in Aktivkohlefiltern. Nicht zu vergessen: als Zeichenkohle ist sie Künstlern dienlich.
Grillkohle aus dem Harz
war für die DDR
ein Devisenbringer
70 Prozent des derzeitigen Verbrauchs in Deutschland wird importiert - für die ehemalige DDR waren die Köhler im Harz wichtige Devisenbringer. 1976 erlosch am Stemberghaus der letzte Erdmeiler. Neuere Verfahren arbeiten mit so genannten Retortenöfen. Das sind metallene Behälter, wo größere Mengen in kürzerer Zeit verkohlt werden können. Derzeit werden am Stemberghaus pro Jahr 150 Tonnen Holzkohle „bester Qualität“ hergestellt, wie es auf einer Informationstafel dort heißt.
Die Harzköhlerei Stemberghaus liegt an der B 81 zwischen Hasselfelde und der Rappbodetalsperre. Während der warmen Jahreszeit wird für Besucher noch gemeilert. Ein Köhlerpfad mit Info-Stationen führt vom Stemberghaus über sechs Kilometer nach Hasselfelde.
 
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Der Europäische Köhlerverein pflegt die Traditionen und die Geschichte des Berufs und nennt weitere Orte, wo Köhler ihre Arbeit vorführen.