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Wege für das aufstrebende Land

John A. Roebling aus Thüringen baute in den USA weltberühmte Hängebrücken

John A. Roebling (Foto: Archiv).



Über Jahrtausende waren die eigentlichen Hindernisse für die Erschließung eines Landes die breiten Ströme. Zwar konnten schon die Altvorderen die reißenden Wasser mit Brücken überqueren. Aber solche Übergänge stellten dann Hindernisse für den Schiffsverkehr dar und wurden ihrerseits regelmäßig bei Überschwemmungen oder Eisgang weggerissen. Kein Wunder, dass um 1800 die Ingenieure über Hängebrücken aus Stahl nachdachten, die an Drahtseilen befestigt, sich die Festigkeit und Elastizität des Metalls zu eigen machen und weite Strecken überspannen würden.

Ein Wegweiser dieser Entwicklung war John A. Röbling, der am 12. Juni 1806 im thüringischen Mühlhausen geboren wurde. Berühmt wurde er allerdings erst nach seiner Auswanderung nach Nordamerika, wo er der noch jungen Nation einige Bauwerke bescherte, die damals als Weltwunder galten und heute den Rang von Nationaldenkmalen haben, unter anderem die erste Eisenbahnbrücke über den Niagara und die auch derzeit noch viel bestaunte Brooklyn Bridge.
Schwierigkeiten mit den Schulfächern
Latein und Griechisch

Gar nicht gradlinig und glatt war der Weg zum Ruhm für den späteren Erfinder und erfolgreichen Unternehmer. Denn als erstes tat er sich mit dem Gymnasium seiner Vaterstadt schwer, genauer: mit den Fächern Latein und Griechisch, dies weil seine Interessen von Anfang an in Mathematik und Geometrie lagen. Ohne Reifezeugnis verließ er die Schule und wechselte in die Privatausbildung zu einem Erfurter Mathematiker. Das führte zu einem langjährigen Intermezzo akademischer Erfolge. Ein wichtiger Schritt dabei war, dass Röbling in Berlin am Königlichen Polytechnischen Institut angenommen wurde, das damals als eine der besten Ingenieurschulen galt. Dort studierte er Architektur, Tief- und Brückenbau, Deichbau, Hydraulik und Maschinenbau.
Claude Navier legt die
theoretischen Grundlagen
für den Hängebrückenbau

Mehr noch als die Studienthemen faszinierten ihn in Berlin die Vorlesungen über  Hängebrücken. Zu solchen Konstruktionen hatte 1823 Claude Navier die mathematischen Gleichungen vorgelegt, anhand derer die auf das Material wirkenden Kräfte recht genau ermittelt werden konnten. Eine der Leistungen des Franzosen bestand hierbei darin, die Elastizitätstheorie in mathematisch handhabbare Formeln umzusetzen.
Examensarbeit über die
erste deutsche Hängebrücke

Röbling schrieb seine Examensarbeit über die erste deutsche Hängebrücke über die Regnitz in Bamberg, die damals gerade in Bau war. Zunächst schien auch die berufliche Karriere sich gut anzulassen: Er kam bei der Königlich Preußischen Bezirksregierung in Arnsberg (Westfalen) unter und legte dort für Brücken-Drahtseilkonstruktionen zwei innovative Entwürfe vor.
Kritik am preußischen Staat

Aber wir schreiben die Jahre um 1825. In Preußen, so empfand es Röbling, hatte sich nach der Befreiung von Napoleons Herrschaft ein autoritäres System etabliert, das im Staatsgebilde unfähig für Modernisierungen war und dessen Entscheidungsträger sich gegenüber technischen Neuerungen voller Vorbehalte zeigten. Röblings Arnsberger Entwürfe wurden nicht verwirklicht, und er war zutiefst getroffen.
Bruch mit der Heimat und
Auswanderung in die USA

Wie viele der Zeitgenossen entschloss sich Röbling zu einem rabiaten Bruch mit der Heimat: Am 11. Mai 1831 verließ er mit seinem Bruder und weiteren Mühlhausenern die Vaterstadt und schiffte sich in Bremen nach Amerika ein. Dort wollte er wohl ein in jeder Hinsicht wirklich neues Leben beginnen: Zusammen mit dem Bruder und Partnern kaufte er ein preisgünstiges Terrain nördlich von Pittsburgh und begann ein Dasein als Farmer – was im Klartext hieß, sich zunächst hoffnungslos zu verschulden und unter unbekannten Bedingungen auf einem fremden Stück Erde das Glück zu versuchen.
Als Farmer in Saxonbury
Wie man seinem Bericht „Tagebuch meiner Reise von Mühlhausen in Thüringen über Bremen nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika im Jahre 1831“ entnehmen kann, gelang es den Thüringern zu überleben, und die Siedlung mit dem Namen Saxonburg, die sie gründeten, konnte sich behaupten. Vermutlich aber wurde Röbling nie zu einem echten Landwirt. Als nämlich im Sommer 1837 der Bruder beim Mähen an einem Hitzschlag starb, vollzog Röbling rigoros die Loslösung von der Scholle: „Mit aller Kraft versuchte er, Anschluss an sein altes Berufsleben zu finden und als Ingenieur oder Vermesser zu arbeiten“, schreibt Professor Andreas Kahlow in einer Kurzbiografie.
 
Das jedoch wurde ihm schwer gemacht, und er fand partout keinen Job. „Stattdessen tüftelte er an einigen Erfindungen, die er patentieren ließ; er verbesserte zum Beispiel Dampfkessel, Sicherheitsventile oder Funkenfänger für Lokomotiven“, heißt es in der Kurzbiografie.
Job in der Wasserbauverwaltung
Schließlich musste der Zufall helfen. Ein ehemaliger Mitschüler beim Erfurter Mathematik-Lehrer von ehedem war inzwischen in Pennsylvania im Kanalbau aktiv und der verschaffte Röbling eine Stelle in der Staatlichen Wasserbauverwaltung.
Bau von Schiffshebewerken...
Immerhin war er nun bei jenem Amt angekommen, das Verkehr und mit der Erschließung des Landes befasst war. Denn die Amerikaner setzten auf Kanäle als Transportwege. Einen Namen machte sich Röbling hier, als er Schiffshebewerke über schräge Ebenen konstruierte: Bei diesen so genannten Slipanlagen fuhr das Wasserfahrzeug auf der unteren Ebene in einen Trog ein, wurde dann mitsamt Trog und Wasser über Schienen den Hang hinaufgezogen und oben in die Fortführung des Kanals entlassen.
... mit Stahl- statt Hanfseilen
Es waren dies schrägen Ebenen, die Röblings Augenmerk von neuem auf das Drahtseil lenkten, das er für seine Hängebrücken brauchen würde: Die Taue aus Hanf nämlich , mit denen anfangs die Tröge bewegt wurden, hatten den Nachteil, dass sie oft rissen und schnell verschlissen.
Fabrik für die Herstellung
von Stahlseilen

Wichtige Verbesserungen bei der Herstellung von Drahtseilen gelangen im Jahr ihm nach 1841. Zugleich gründete er eine Fabrik zur Herstellung solcher versponnenen Drähte und schaffte es, die Schiffshebeanlagen als Absatzmarkt für seine Stahlseile zu gewinnen.
Erfolgreich als Unternehmer

Damit waren die Voraussetzungen erfüllt, dass er ein innovativer Hängebrückenbauer und erfolgreicher Unternehmer werden konnte. Seine Stunde kam im Winter 1843/44, als in Pennsylvania wieder einmal ein Aquädukt, auf dem ein Kanal einen Fluss überquerte, durch Eisgang zerstört wurde.
Perfektionierung des Luftspinnverfahrens
Bis 1850 errichtete Röbling insgesamt sechs Brücken. Eine seiner Innovation war die Perfektionierung des so genannten Luftspinnverfahrens: Dabei werden vor Ort Drähte in Bleistiftstärke über den Fluss gezogen und zu dicken Bündeln versponnen, was eine geringere Belastung für die Pfeiler während der Montage zur Folge hat. Weitere Neuerungen bestanden in der Linienführung der Seile und in der Art ihrer Verankerung im Untergrund. Eine der Brücken von damals, der Aquädukt über den Delaware-Fluss bei Lackawaxen, ist noch heute als Straßenbrücke in Betrieb und gilt als Nationaldenkmal.
Hersteller von Stahlseilen en gros
Zwei Jahre zuvor war Röbling zu einem Industriellen geworden: Sein Betrieb war von Saxonburg nach Trenton auf ein größeres Gelände mit besseren Verkehrsanschlüssen geworden, und stellte jetzt Drahtseile in großem Stil her. Fortan fertigte Röbling auch das Ausgangsprodukt Draht selbst, damit er die Qualität der Seile besser unter Kontrolle hatte.
Soziale und philosophische Ader
Doch war Röbling als Unternehmer nicht nur Business-Man. Sorge trug er auch um die Lage seiner Arbeiter, und schließlich sind immerhin einige philosophische Gedanken von ihm überliefert. „Jeder unserer Gedanken stellt eine Note in der Musik der Schöpfung dar und mindert oder erhöht, als Dissonanz oder Konsonanz, die Harmonie des Ganzen“, war eine seiner Erkenntnisse. In jungen Jahren in Berlin hatte er Vorlesungen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel besucht und zeigte sich beeindruckt von dem Denker der Dialektik.
Brücken für die Eisenbahn

Viele seiner Brücken schlugen Wege über die großen Ströme des Landes und machten so für die Eisenbahn den Weg in den Westen leicht und schnell. Berühmt wurde die über den Ohio, fertig gestellt 1867 nach Verzögerungen unter anderem durch den Bürgerkrieg und mit einer Spannweite von 322 Metern. Heute trägt sie seinen Namen und zählt zu den Nationaldenkmalen des Landes.
Berühmte zweistöckige
Brücke über den Niagara

Zu Röblings Ruhm hatte zuvor schon die Eisenbahnbrücke über den Niagara beigetragen, die mit ihrer Länge über 253 Meter und zweistöckig mit Bahnlinie oben und Straße unten nach Ansicht vieler Experten nicht hätte gebaut werden dürfen, weil man die für solchen den Bahnbetrieb notwendigen Aussteifungen nicht beherrschte. Wie gering damals das Wissen um die Besonderheiten weit gespannter Brücken noch war, belegen zwei Vorfälle: 1850 war im französischen Angers eine Hängebrücke unter einer im Gleichschritt marschierenden Soldatenkolonne zusammengebrochen, und vier Jahre später war ein Vorgängerbau zu Röblings Wunderwerk über den Ohio, übrigens von seinem schärfsten Konkurrenten errichtet, unter starkem Wind in Schwingungen geraten und zusammengekracht.
Vorschlag für eine Brücke
über New Yorks East River

Vielleicht dass Röbling auf seinem Lebensweg zuvor sein Soll an Misserfolgen erfüllt hatte - jedenfalls ihm blieben als Brückenbauer schwerwiegende Rückschläge erspart. So kam es, dass er 1857 mit Rückendeckung der damaligen Stadt Brooklyn an Persönlichkeiten der Stadt New York herantreten und eine Überquerung des East River vorschlagen konnte – mit einer Spannweite von 487 Metern und Strompfeilern, die nach dem damaligen US-Stand der Technik sich gar nicht würden am Ufer des East River errichten lassen.
Röbling wusste vom Caisson-Verfahren
Röbling wusste nämlich, dass bei der Rheinbrücke bei Kehl das neue Caisson-Verfahren zur Anwendung gekommen war und schickte seinen Sohn Washington, der im Bürgerkrieg auf der Seite Abraham Lincolns es bis zum Oberst gebracht hatte, zur Recherche in die Alte Welt. Bei der Reise mit dabei war dessen Ehefrau Emily, von der noch die Rede sein wird. Washington Roebling wusste, als er nach Hause zurückfuhr, dass man Caissons am Ufer als Kästen ohne Boden baut, sie dann auf einem Flussgrund absetzt und danach unter Überdruck im Kasten die komplette Chose in den Boden eingräbt.
Unfall bei vorbereitenden Arbeiten
Den Höhenflug der Brooklyn Bridge sollte Röbling senior jedoch nur noch in seinen Konstruktionszeichnungen erleben. Bei Vermessungsarbeiten für einen Brückenpfeiler zerquetschte ihm ein Boot einen Fuß und in der Folge kam es zu einer Infektion mit Wundstarrkrampf, der er am 22. Juli 1869 erlag. „Am 25. Juli wurde er unter Anteilnahme Tausender Menschen in Trenton beerdigt“, heißt es in der oben erwähnten Kurzbiografie.
Sohn Washington übernimmt
den Bau der Brooklyn Bridge, dessen Ehefrau Emily vollendet ihn

Sohn Washington übernahm den Bau, der am 2. Januar 1870 begonnen wurde. Zuerst wurde der Pfeiler am Brooklyner Ufer gegründet, dann der in Manhattan in noch komplizierterem Baugrund und deshalb in größerer Tiefe. Hier verfiel Röbling junior der Taucherkrankheit, wie sie bei der Arbeit in den Caissons damals häufiger auftrat. Fortan war er gelähmt, aber Ehefrau Emily eignete sich die notwendigen Kenntnisse an und brachte den Bau zu Ende. „Washington Roebling selbst verfolgte den Fortgang der Arbeiten durch den Feldstecher von einem Fenster seiner Wohnung aus“, heißt es in der Biografie. Zur Einweihung besuchte ihn der Staatspräsident zuhause und sprach ihm den Dank der Nation aus.
„Achtes Weltwunder“
Euphorisch feierte die Presse diese neue Brücke aus dem Hause Röbling als „achtes Weltwunder“. Sie war die erste ganz aus Stahl errichtete Brücke der Welt und hat heute den Status eines Nationaldenkmals.
 
Ach ja, die Drahtseilfabrik. Sie erlangte als John A. Roebling Sons Co. unter der Leitung der Söhne Charles und Ferdinand eine äußerst erfolgreiche Entwicklung. 1918 beschäftigte sie bereits über 10.000 Menschen. Unter anderem fertigte sie die Kabel für die 1937 fertig gestellte Golden-Gate-Bridge in San Francisco, die auch den Rang eines nationalen Symbols erreicht hat.
Mühlhausen in Thüringen lohnt einen Besuch, auch wenn es zu Röbling nur wenig zu sehen gibt, etwa bis zum 15. Dezember eine kleine Ausstellung in der Alten Kämmerei des Rathauses. Am Geburtshaus in der Röblingstraße 5 erinnert eine Tafel an den großen Sohn der Stadt. Eine Initiative will eine Gedenkstätte einrichten.
  LINKS:
Literatur und Bilder
Ausstellung zum Brückenbau im Deutschen Museum, München