 Jean Prouvé (alle Fotos: Vitra Design Museum).
|
Update: (März 2009) Eine Ausstellung zu Jean Prouvé findet statt im Kaiserlichen Hofmobiliendepot, Möbel Museum Wien (Andreasgasse 7, 1070 Wien) vom 11. März bis 21. Juni 2009, Di-So, 10-18 Uhr.
(Oktober 2006) Heute klingen solche Fragen eher kurios, aber im 19. und 20. Jahrhundert trieben sie Architekten und Siedlungsplaner um: Warum nicht Häuser oder Wohngebäude aus Eisen bauen, hätten doch Wände und Decken aus dünnem Blech unverkennbar Vorteile gegenüber Beton und Stein? Zum Beispiel könnte man mit ihnen leichtere und folglich offenere Strukturen bauen, zudem wären vielleicht sogar Gebäudetypen nach dem Baukastensystem möglich, die sich schnell auf- und abbauen ließen und insofern eine Form des Lebens sozusagen in Bewegung wahr machen würden...
Eine der wichtigsten Persönlichkeiten bei der Realisierung solcher Ideen war Jean Prouvé, der unter anderem ein eingeschossiges Wohnhaus aus vorgefertigten Stahl- und Aluminiumteilen gar für den Export in Frankreichs afrikanische Kolonien baute. Ein Metallhaus! Für die Tropen! Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich bis zum 28. Januar 2007 eine Ausstellung dem Schaffen dieses ungewöhnlichen Blechspezialisten, Designers und Konstrukteurs. |
| „Vater“ vieler moderner Architektenideen |
Prouvé lebte von 1901 bis 1984. Viele der heute renommierten Architekten bezeichnen ihn als Anreger, manche sogar als den „Vater ihrer“ Ideen. Dabei hat er selbst kaum berühmte Bauwerke geschaffen: seine Stahlbauten aus Fertigteilen kamen häufig über Prototypen nicht hinaus, und die „Rostlaube“ der Freien Universität (FU) Berlin, für die er die blecherne Fassade konzipierte, ging unrühmlich in Rost- und Temperaturexzessen unter (wofür er jedoch keine Verantwortung trug). |
Beim Centre Pompidou sorgt Prouvé als Jurypräsident... |
Einzig das Centre Pompidou in Paris ist noch heute eine Attraktion. Allerdings war Prouvé hier nur als Vorsitzender der Jury aktiv - dabei aber soll er durchgesetzt haben, dass jener futuristische Entwurf von Renzo Piano, Richard Rogers und Gianfranco Franchini ausgewählt wurde, der einige wesentliche von Prouves gestalterischen Leitlinien umsetzte. |
| ... für die Umsetzung eines Entwurfs nach seinen Ideen |
So atmet das Kulturzentrum, das 1977 seinen Betrieb aufnahm, den Geist von Anregung und Offenheit (ausdrücklich sollte es Menschen aller Gesellschaftsschichten freien Zugang zum Wissen bieten), sind die Innenräume flexibel gestaltbar (weil der komplette Versorgungsapparat inklusive des Zugangs in dicke Glas- beziehungsweise Blechröhren an die Außenwände verlagert wurde) und kommt es mit wenigen Gestaltungselementen ohne Architekten-Schnickschnack aus. |
| Lange Tradition des Bauens mit Fertigteilen |
Aber der Reihe nach. Entscheidende Impulse für die Entwicklung von Häusern aus Fertigteilen hatte es schon im 19. Jahrhundert gegeben. Damals machten sich viele Siedler nach Australien auf, und Geschäftsleute dachten darüber nach, dass die Auswanderer doch - mangels Baumaterial und Handwerkern auf dem Fünften Kontinent- Unterkünfte aus der Heimat mitnehmen könnten. Als es in den USA 1848 zum ersten Goldrausch kam, entstand eine enorme Nachfrage nach billigen Baukasten-Bauten. |
| Wellblech bringt neue Möglichkeiten |
1844 war das Wellblech erfunden worden. Es stellte sich, nachdem aufgrund der Verbesserungen in der Hochofentechnik Eisen preisgünstig wie nie zuvor geworden war, mit seiner großen Steifigkeit alsbald als Idealmaterial für schnell auf- und abbaubare sowie leicht transportierbare Bauen heraus.
|
 Eines der Markenzeichen von Prouvés Blechhäusern ist, dass sie ohne Gerüst, nur von ein paar Leuten und schnell aufgebaut werden können. Im Bild: Verbinden von Mittelstütze und Dachträger.
|
Schließlich ging auch vom Militär Nachfrage aus. Denn die Zelte, wie sie über Jahrhunderte die Heerlager geprägt hatten, konnten in Zeiten von Bomben und Granaten nur noch fürs Biwak oder für die einfachen Soldaten sein. Für die Offiziere und vor allem den Stab musste etwas Festeres her, und an die Stelle der Behausungen aus Tuch traten eben die Wellblech-Baracken.
So kann es nicht verwundern, dass auch bei Prouvés Entwürfen der Krieg eine wichtige Rolle spielte, hier der Zweite Weltkrieg. Damals riefen die französischen Pioniere nach demontierbaren Brücken, und später gab es großen Bedarf nach Unterkünften für Flüchtlinge und Kriegsversehrte. Prouvé, der übrigens eine Zeitlang in der Résistance aktiv war, entwarf die Konstruktionen und lieferte mit seiner Fabrik im Vorort Maxéville seiner Heimatstadt Nancy die entsprechenden Teile: etwa für die so genannten Fliegenden Schulen (Écoles Volantes) für Flüchtlinge, die, aus Blech-Fertigteilen und -stützen gebaut, Schlafräume im Obergeschoss sowie ebenerdig Säle für Unterricht und Verpflegung boten. |
| Prouvé fordert „industrielles Bauen“ |
Es war ein „industrielles Bauen“ das er zeitlebens forderte. Damit meinte er nicht den Verzicht auf gute Gestaltung, ganz im Gegenteil, wie seine vielen und berühmt gewordenen Entwürfe für Einrichtungsgegenstände zeigen. Vielmehr forderte er eine Beschränkung auf das Wesentliche, dies auch um Eigenheime für die ärmeren Schichten erschwinglich zu machen. |
| Seitenhiebe auf die Baulobby |
Nur zu gern legte er sich dabei mit der Baulobby an, die, so darf man vermuten, mit Argwohn seine Ideen und Materialien beäugte. So äußerte er einmal, dass, obwohl industrielles Produzieren im Allgemeinen doch zu Verbilligung und fortwährender Verbesserung der Produkte zu führen pflege, davon am Bau nicht viel zu spüren sei: „Die einzige Industrie, die nicht funktioniert, ist die Bauindustrie.“ |
Aufgewachsen in einer Künstler- und Intellektuellenfamilie |
Dieser Rundumschlag zeigt, dass ein Mangel an Selbstgewissheit seine Sache nicht war. Das überrascht auch nicht. Denn zwar hatte Prouvé nie ein Studium absolviert, sondern war als Lehrling in einer Schmiede gestartet. Allerdings stammte er aus einer künstlerisch orientierten Intellektuellenfamilie, in der Vater und Mutter Freigeister waren. „Künstlerisches Schaffen“ habe zuhause im Mittelpunkt gestanden, sagte er einmal in einem Interview, und man kann vermuten, dass zumindest der Vater Victor, der selbst ein Gestalter von Rang sowie Mitbegründer und später Direktor der wichtigen Kunstschule École de Nancy war, den Kindern das Selbstvertrauen für ungewöhnliche Ideen mitgab. |
| Zahlreiche Patente für Metallteile |
Schon mit 23 Jahren gründete Prouvé seine erste Werkstatt für Metallbearbeitung und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem Spezialisten in diesem Metier. Von 1929 an bekam er zahlreiche Patente, etwa für verstellbare Trennwände, für Metalltüren oder für Schiebefenster. Seine Werkstatt, die später zu einer Art Fabrik mit in Spitzenzeiten 250 Arbeitern wurde, produzierte Aufzugskabinen aus Stahlblech und Kioske, Stühle aus Rohr oder gekantetem Blech und - nach Anschaffung einer monströsen Biegemaschine, die Platten von vier Metern Breite knicken konnte - Teile für Vorhängefassaden oder Baukastenelemente für Ferienhäuser. Solche Freizeitbauten entwarf Prouvé übrigens als Reaktion auf das damals neue Gesetz über bezahlten Urlaub für Arbeiter. |
 Als er aus seiner Firma ausscheiden muss, nimmt Prouvé von dort Reststücke mit und baut daraus sein Familienhaus in Nancy.
|
Schauen wir uns seine Stahlhäuser genauer an, hier zunächst nicht jene Konstruktion, die er in Kooperation mit den Dillinger Hüttenwerken konzipierte und die, erhalten nur durch private Initiative, in Saarbrücken ein unauffälliges Dasein fristet. Widmen war uns dem Tropenhaus, das er 1949 für die Hauptstadt des damals belgischen Kongo konzipierte und das im Jahr 2005 für eine Ausstellung des Hammer Museums der University of California (UCLA) an seinem Standort demontiert und zeitweilig in Los Angeles wieder aufgebaut wurde.
1949 erbaut, besteht es größtenteils aus Aluminium mit ein paar tragenden Stahlteilen und erfüllt perfekt Prouvés Diktum der wenigen Standardelemente. Diese waren hier nicht nur wenige an der Zahl, sondern zudem auch noch so klein gehalten, dass sie per Flugzeug von der Fabrik in Lothringen nach Zentralafrika transportiert werden konnten. |
Mittelstütze in Form eines umgedrehten „U“ |
Kern des Bauwerks auf einer Grundfläche von rund elf mal 15 Metern ist die stählerne Mittelstütze, ein umgedrehtes „U“, das auf seinen zwei Beinen die Last des Daches trägt. In der Bodenfläche liegt ein Gitternetz von Stahlträgern, auf denen sowohl die Stütze als auch die Außenwände stehen. Die Außenwände sind aus Aluminiumblech mit runden Glasöffnungen und verschiebbar. |
| Blechhäuser für die Tropen |
Dass die Außenwände beweglich waren, war eine Anpassung an das tropische Klima. Ursprünglich war der Auftrag an Prouvé nur dadurch zustande gekommen, dass zwei ihm bekannte Kolonialbeamte sich über die unerträgliche Hitze und stickige Luft in ihren Betonhäusern in der Kolonie beklagt hatten. |
| |
Prouvé stellte sich dem Problem: durch Verschattungselemente sorgte er dafür, dass kein direktes Sonnenlicht auf die Wände fällt; eine Art Shed im Dach bewirkte eine Zirkulation der Luft; die Wände mit vielen kleinen Bullaugen ließen einerseits Licht und Luft in das flache Gebäude, standen aber andererseits nicht in direkter Verbindung mit den Schatten spendenden Teilen. Die Fußbodenkonstruktion war, wie bei Prouvé üblich, zwecks einfacherer Bauweise vom Untergrund abgehoben. |
 Fassade des Tour Nobel von Prouvé im Pariser Stadtteil La Défense.
|
Dieselben Grundprinzipien hatte schon das saarländische Stahlhaus von 1945 verfolgt, das ganz aus Stahlblech bestand: keines der Elemente war zu schwer, als dass nicht zwei Personen es hätten bewegen können; für den Aufbau wurde kein Gerüst gebraucht; die Wände bestanden aus Formblechen; Fußboden und Dach bestanden aus einem Netz von Gitterelementen. Entworfen wurde es in Kooperation mit den Dillinger Hüttenwerken, die damals im besetzten Saargebiet lagen.
Quintessenz dieser Reduktion der Bauteile auf das Mindeste war Prouvés „Tabouret“-Prinzip: an tragenden Teilen bestand das Stahlhaus nur noch aus zwei Elementen, nämlich einer Stütze und einem Balken, aus denen rechteckige Rahmen entstehen konnten, in die wiederum die vorgefertigten Wandelemente eingesetzt wurden. Die Geschossdecken ruhten auf breiten Lagern und konnten aus Metall oder Beton sein. Waren Hallen zu bauen, kamen Mittelstützen dazu.
Bekanntes Beispiel in Deutschland für diese Konstruktionsweise ist die „Rostlaube“ der Freien Universität (FU) Berlin. Allerdings gereichte sie Prouvé und den Architekten nicht zum Ruhm. Zunächst gab es das Dilemma, dass die Außenhaut aus Corten-Stahl, einem Blech, das sich mit einer Rost-Patina überziehen und dadurch haltbar werden soll, versagte und munter weiterrostete. Dann wurden in den Seminarräumen unerträgliche Sommertemperaturen gemessen. Schließlich gab es ein Problem mit den Asbestverkleidungen. |
Erzwungenes Ausscheiden aus der Firma, die...
|
Was Prouvés Tropenhäuser betrifft, die auf Bildern wie japanische Gartenhäuser aussehen, wissen wir nicht, ob sie sich in den tropischen Extremen bewährt haben. Jedenfalls brachten sie Prouvé keinen Erfolg, im Gegenteil: die Kolonialbeamten mokierten sich über deren ungewöhnliches Aussehen, und schließlich waren die Elemente in Produktion und Transport einfach zu teuer. Das führte schließlich so weit, dass Prouvé auf Betreiben seines Hauptaktionärs Aluminium Français aus der Führung der Firma ausscheiden musste.
|
| ... wohl für die neuen Chefs nicht genug auf Rentabilität ausgerichtet war |
Die neuen Chefs wollten offenbar das Unternehmen zu mehr Rentabilität bringen. Denn obwohl Prouvé zeitlebens für Massenfertigung plädiert hatte, gab es zu seiner Zeit in der Firma nie ein Fließband, dafür aber viele Ecken, in denen der Chef mit seinen Leuten neue Ideen ausprobieren konnte. |
 Blechfassade aus Fertigteilen: Rostlaube der FU Berlin.
|
Vielleicht um es seinen Nachfolgern noch einmal richtig zu zeigen, errichtete Prouvé nach seinem Ausscheiden für sich und seine Familie in Nancy ein Wohnhaus, das ausschließlich aus Resten bestand, welche er aus der Firma mitgenommen hatte. Das war 1954, und das Haus wurde innerhalb weniger Wochen fertig - schließlich kamen sämtliche Teile, obwohl aus verschiedenen Projekten, doch aus derselben Ideenwerkstatt.
Bekannt war Prouvé damals schon für sein Möbeldesign, für das er ebenfalls vielfach Blech verwendete. Insgesamt umfasst sein Design-Oeuvre Entwürfe vom Brieföffner über Tür- und Fensterbeschläge bis hin zu Leuchten. Bewundert wurden und werden dabei die überraschend einfachen Konstruktionen, die bis ins kleinste Detail durchdacht sind. |
Die Ausstellung „Jean Prouvé - die Poetik des technischen Objekts“ im Vitra Design Museum, Weil am Rhein, konzentriert sich auf die Designarbeiten. Bis 28. Januar 2007.
Stahlhaus in Dessau. |
|
|
|