 Ludwig Witthöft.
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(November 2006) Stellen wir uns eine unternehmerische Aufgabe: Unsere Firma könnte wachsen, müsste dafür aber an einen neuen Standort weit vor den Toren der Stadt ziehen; dort wären die Bedingungen eigentlich optimal - nur gibt es kein qualifiziertes Personal.
Was tun Sie als Unternehmer?
Das hier knapp geschilderte Problem dürfte um 1880 viele Fabrikchefs beschäftigt haben. Damals nämlich lagen die Eisenhütten und Walzwerke, die ehedem vor den mittelalterlichen Stadtmauern errichtet worden waren, wieder mitten in der Stadt, weil diese über die alten Begrenzungen hinausgewachsen war.
Ein Beispiel ist das ehemalige Berliner Industriegebiet vor dem Oranienburger Tor (heute rund um den U-Bahnhof gleichen Namens am Nordende der Friedrichstraße). Im Volksmund trug es den treffenden Namen „Feuerland“ und für die Bewohner der ganzen Stadt brachte es Arbeit, aber auch unerträglichen Lärm, Qualm und Verkehr.
In jenen Jahren kam es zur so genannten „Randwanderung“, in deren Verlauf die Industrien etliche Kilometer vor die Stadtgrenzen zogen: Borsig ging nach Tegel, Siemens nach Charlottenburg und die AEG nach Schöneweide.
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| „Randwanderung“ der Industrie |
Zur Erinnerung: diese märkischen Dörfer waren damals noch selbstständige Landstädtchen ein paar Stunden von Berlin entfernt und wurden erst 1920, als die Stadt die Zwischenräume zwischen City und Randgemeinden aufgefüllt hatte, eingemeindet. |
| Mangel an Arbeitskräften |
Eines der Unternehmen, die aufs Dorf zogen, war der Lokomotivbauer BMAG. Wie er das Problem des Mangels an geeigneten Arbeitskräften löste, ist noch heute eindrucksvoll in der Ortschaft Wildau 30 Kilometer östlich von Berlin in Richtung Frankfurt/Oder zu sehen. |
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Rollen wir zunächst die Geschichte des Unternehmens BMAG im Schnelldurchlauf auf: Im Jahr 1851 kauft Louis Schwartzkopff aus Magdeburg in der Chausseestraße 20 in Berlin ein Wohnhaus und einen Holzschuppen und bekommt ein Jahr später die Bauerlaubnis für verschiedene Gießereien sowie Dreherei, Schlosserei und Schmiede mit Kesselhaus und Wasserturm. |
 Fassaden der Werkshallen im Stil englischer Landsitze.
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1860 erkämpft sich Schwartzkopff den Auftrag für den Bau der Vorpommerschen Eisenbahn. Schwerpunktmäßig produziert er nun Weichen, Drehscheiben oder Wasserstationen und Ähnliches, dies in großer Menge. Parallel dazu beackert er ein neues Terrain: 1867 verlässt die erste Lokomotive die Fabrik. Drei Jahre später wird das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit dem sperrigen Titel „Berliner Maschinenbau-Aktiengesellschaft vormals L. Schwartzkopff“ umgewandelt und kürzelt sich BMAG.
Inzwischen ist das Gelände im „Feuerland“, kaum größer als ein Stadtgarten, endgültig zu klein geworden. 1897 kauft man ein Erweiterungsgrundstück in Staaken bei Spandau. Das jedoch erweist sich von Anfang an als zu klein.
Ludwig Witthöft, die Hauptfigur in unserer Geschichte, ist damals Manager in dem Unternehmen. Bald hat er einen besseren, den optimalen Standort gefunden, nämlich bei dem Dorf Hoherlehme in Brandenburg. Das Terrain bietet ideale Bedingungen: Es ist eine Wiesenbrache direkt an einer wichtigen Bahnlinie, hat im Flüsschen Dahme Kanalanschluss nach Berlin und ist mit seinen 600.000 Quadratmetern schließlich so großzügig bemessen, dass die Firma endlich ihr lange ersehntes „Lokomotiv-Versuchsgleis“ für Testfahrten bauen kann. |
„Wilde Au“ wird Wildau
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Das unwirtliche Gelände hieß damals „Wilde Au“. In der Umgebung fand man außer Viehweiden und ein paar Äckern buchstäblich nichts. Folglich auch keine Arbeiter. |
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Vermutlich sagte sich Witthöft, der bei der BMAG inzwischen Prokura bekommen hatte und damit, um es auf gut Berlinerisch auszudrücken, Chef von’t Janze geworden war, dass er dann wohl die Belegschaft aus Berlin mitnehmen müsse. Geld dafür war da. Nur: gewachsene Berliner aus dem Dunst ihrer Stadt wegzubekommen, ist so leicht nicht. Denn für sie galt (und gilt) der Spruch: Wenn Berlin Berge hätte, wärn’se höher. |
 Mehrfamilienhäuser prägen die Werkssiedlung.
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Witthöft aber war ein kluger Mann, ein unkonventioneller Denker obendrein, und so setzte er gegenüber seinen Aktionären die Erkenntnis durch, dass man dann den Beschäftigten ein verlockendes Angebot machen müsse. So entstand Wildau mit seiner malerischen Siedlung mit Wohnstandards weit über dem Üblichen und mit gemeinschaftlichen Einrichtungen, angesichts derer man nicht umhin kann, an die Kollektiv-Bemühungen der späteren DDR zu denken. Denn Ort und Werk diesseits und jenseits der Bahnlinie sind in einheitlicher Architektur wie ein Gemeinwesen gestaltet, in dem allein schon durch die räumliche Nähe Leben und Arbeiten eng zusammengehören.
Den Werksneubau nutzte Witthöft aber gleich auch für eine Modernisierung der Produktionsabläufe: Fortan fuhren nach einem modernen Materialflusskonzept die Rohmaterialien am nördlichen Eingang der Fabrik in die Hallen hinein, und kamen am südlichen Ausgang die fertigen Loks heraus. Das brachte entscheidende Kostenvorteile. |
Vernachlässingung zu Zeiten der DDR |
Das Orts- und Fabrikensemble ist nach Jahren der DDR-Vernachlässigung inzwischen zum Großteil restauriert und kann besichtigt werden. Die Häuser haben Balkone und Erkerchen, backsteinerne Verzierungen und dumherum Gärtchen. Die Fassaden der Werkshallen, wo sich inzwischen kleinere Firmen angesiedelt haben, zeigen den Stil englischer Landsitze. Beides ist unverkennbar aus einem Guss. |
| Klo in der Wohnung |
Die Wohnungen setzten damals Maßstäbe: es gab Bäder und Innentoiletten, um nur zwei Details zu nennen. Wohlgemerkt: der Weg aufs Klo hatte in den Mietskasernen immer ins Treppenhaus geführt. |
Arbeiter-Weiterbildung in der Schule |
Für den Ort baute die Firma einen Bahnhof und eine Schule, in der übrigens abends die Ingenieure Weiterbildung für die Mitarbeiter machten. Es folgten ein Casino, Sportplätze, ein Kindergarten und Einrichtungen für die Sportvereine. Auch der Kirche stellte das Werk ein Gelände zur Verfügung - schließlich war der Glaube wichtig für die Ordnung im Staate. |
| Leben in der Gemeinschaft |
Das Gemeinschaftliche als Leitlinie lässt sich auch in Witthöfts eigenem Lebensstil wiederfinden. Er gab sich volksnah, berichten die Ortschronisten („Wildauer Heimatbuch“, Band 1, Geiger-Verlag: Horb, 2001, circa 18 Euro): Obwohl oberster Manager mischte er sich bei Betriebsfesten unter die Belegschaft und gab bei der Adventsfeier schon mal den Weihnachtsmann. „Er hatte ... mit den Arbeitern engste Fühlung“, heißt es in einem Zeitungsbericht von damals. |
| Manager mit sozialem Gefühl |
Neben all dem sozialen Engagement zeichnete ihn aber auch das aus, was man gemeinhin als typische Managereigenschaften kennt, nämlich dass er ein „wahres Energiebündel“ war und „völlig in seiner beruflichen Tätigkeit aufging“, wie das „Heimatbuch“ schreibt. Trotz aller Nähe zu den Mitarbeitern machte er als Chef sich nicht mit ihnen gemein: Auch wenn er auf dem Werksgelände residierte, statt, wie für Spitzen-Angestellte damals üblich, im mondänen Berlin-Grunewald, hatte er doch als einziger eine Villa als Domizil. |
Am Zugang zum Werksgelände steht eine Lok aus einer der Serien, für die die BMAG berühmt war.
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Naheliegend, dass er auch in der technischen Infrastruktur eine Symbiose zwischen Fabrik und Ort schuf: Das Wasserwerk stellte gleichzeitig Brauchwasser für die Fabrik und Trinkwasser für die Siedlung her, und aus dem Maschinenhaus kam der Strom für den Ort. Eine Kuriosität am Rande wird in dem Buch „Technische Denkmäler in Brandenburg“ (Trescher Verlag: Berlin, 2002, 12,95 Euro) erwähnt: In der Anlage, die Sauerstoff für die autogene Metallbearbeitung lieferte, wurden auch Eis und Limonade sowie andere alkoholfreie Getränke für die Arbeiter hergestellt. „Lok und Limo“ titelt das Buch.
Jedenfalls erlag Witthöft nicht der Versuchung zur Gewinnmaximierung durch Monopolbildung, wie sie von manchen Fabrikanten zum Beginn der Industrialisierung praktiziert worden war. Häufig hatten diese nämlich ihre Arbeiter gezwungen, die Lebensmittel überteuert in Werksläden einzukaufen. |
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Dennoch - oder vielleicht wegen dieser Ideen? - fand Witthöfts Karriere in der BMAG ein unrühmliches Ende, und wurde in späteren Firmenunterlagen sein Name gar totgeschwiegen. |
| Schwerer Konflikt |
Um das Jahr 1907 herum muss es zu einem schweren Konflikt zwischen Witthöft und der BMAG gekommen sein. Um was es ging, ist nicht bekannt, jedenfalls ließ er schließlich sein Lebenswerk hinter sich und wanderte zu dem konkurrierenden Lokomotivbauer Henschel nach Kassel ab. In einem Zeitungsbeitrag von damals heißt es knapp, der Grund sei „eine jener Protektionsaffären (gewesen), wie sie heute im traulichen Kreise der Aufsichtsratsfamilien geboren werden“. Und weiter: „Der Abschied des trefflichen Mannes ist schmerzlich für den Scheidenden und die Zurückbleibenden“. |
| Gedenktafel im Ort |
1918 setzte sich Witthöft beruflich zur Ruhe und zog nach Berlin-Bohnsdorf, wo er 1937 starb. Inzwischen wurde in Wildau eine Straße nach ihm benannt und bekam er an der Oberschule im Ort eine Gedenktafel. |
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Berühmt wurde die Wildauer Fabrik unter anderem mit jenen Dampfloks in Stromlinienform, die damals als Symbol von Modernität und Geschwindigkeit galten. Nach dem zweiten Weltkrieg demontierten die Russen das Werk. Die DDR produzierte später Schwermaschinen. Die mächtige Dampflok, die vor dem Gelände steht, wurde zwar nicht in Wildau gebaut, stammt jedoch aus der legendären Baureihe 01 der Deutschen Reichsbahn, an der das Werk großen Anteil hatte. |
| Wildau ist über die S-Bahn an Berlin angebunden. Durch den Ort auf der einen Seite der Bahnlinie und durch das Fabrikgelände auf der anderen kann man hindurchspazieren. |
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Stadtführungen durch das Berliner „Feuerland“:
Mitte(n)mang Museumspädagogischer Dienst Berlin Industriekultur |