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Ein „Prop“ vor dem Hüttenwerk

Richard Serra hat in Dillingen/Saar eine seiner Stahlskulpturen aufgestellt


„Viewpoint“ vor der Dillinger Hütte.



(Dezember 2006) Unverkennbar ist es wieder ein „Prop“. Mit diesem englischen Wort für „Stütze“ bezeichnet Richard Serra seine monumentalen Stahlskulpturen. Die Namensgebung rührt daher, dass die tonnenschweren Skulpturen meist aus dicken Blechen bestehen, die sich aneinander zu lehnen und gegenseitig zu stützen scheinen. Anfang 2006 wurde eine von ihnen in Sichtweite der Dillinger Hüttenwerke im Saarland aufgestellt.

Typisch für den amerikanischen Künstler ist auch bei seinem Dillinger Werk mit dem Titel „Viewpoint“, dass es von vielen als Affront und Provokation empfunden wird. Das kann man verstehen. Denn Serra ist Minimalist, stellt also Objekte her, hinter denen weder Gedankenarbeit noch Handwerk zu stecken scheint.
246 Tonnen Stahl für „Torque“
in Saarbrücken...

So trauerte mancher Dillinger dem nichts sagenden Brunnen hinterher, der zuvor die Verkehrsinsel unweit der Hütte zierte. Bei einem anderen Objekt von Serra im Saarland, den 246 Tonnen Blechplatten für „Torque“ in der Zufahrt zur Universität Saarbrücken, hatten Leser der Saarbrücker Zeitung über die „dämliche Skulptur“ geschimpft, an der „das Beste noch die schön um das Denkmal angeordneten Pflastersteine sind“.
... und 104 Tonnen für „Viewpoint“
in Dillingen

Auch in Dillingen hat Serra wieder aus dem Vollen geschöpft. 104 Tonnen Stahl stehen da aufgeteilt auf zwei jeweils zwei Zentimeter dicke Grobbleche von 19 Metern Länge, die sich in zwei Halbkreisen voneinander entfernen und wieder zusammenkommen. Das Ganze ist 13 Meter hoch und wirkt, wenn man zu Fuß kommt oder mit dem Auto drumherum fährt, als wollte es einen erschlagen. Ist also schon recht bombastisch, zugegeben.
Skulptur mit der Hütte
im Hintergrund

Aber - jetzt müssen wir anmerken, dass wir Serras „Props“ bewundern – was sonst hätte man auf diese jämmerliche Verkehrsinsel mit der Hütte im Hintergrund stellen können, wenn nicht ein Objekt, das es erstens mit den riesigen Gerüsten der Erzkocher aufnehmen kann und das zweitens aus genau jenem Material besteht, von dem die ganze Region seit Generationen lebt? „Viewpoint“ ist ein Geschenk der Dillinger Hütte AG an die Stadt.
Serra lässt seit Jahren
in Dillingen fertigen

Serra, der mit seinen Monumentalskulpturen weltweit vertreten ist, arbeitet seit Jahren mit den Dillinger Stahlkochern zusammen. Dies deshalb, weil, auch wenn seine Kunst-Stücke nur vergleichsweise einfache Formen haben, ihre schiere Größe doch von der Fertigung einiges an Know-how verlangt. Zitieren wir aus einer Pressemitteilung der Hütte: „Die Bleche werden nach der Zeichnung des Künstlers in der Weiterverarbeitung unter einer 2500-Tonnen-Presse in Form gebracht, danach im Autogen-Schnitt auf Maß geschnitten. Schließlich werden die beiden Elemente noch einmal im ‚Nach-Richten’ in die genaue Endform gebracht. Die Skulptur wird anschließend zur Probe in der Werkshalle aufgestellt.“
Penibler Künstler
Dazu muss man wissen, dass Serra äußerst penibel ist. Nicht nur, dass er bei der Aufstellung seiner Werke ständig mit seinen Skizzenblöcken herumläuft. Auch legt er extremen Wert auf Kleinigkeiten: bei „Torque“in Saarbrücken zum Beispiel bestand er auf glatten Oberflächen, und also wurden für das Aufrichten millimetergenaue Ösen in die Platten gebrannt, die dann nach der Montage mit Pfropfen verstopft und verschliffen wurden. Heute ist das 17 Meter hohe Kunstwerk am Boden von Graffiti stark verschmiert.

„Berlin Block for Charly Chaplin“ neben der Neuen Nationalgalerie
in Berlin.





Klar, dass so viel Exotik einerseits und so viel Form-Minimalismus andererseits die diensttuenden Kritiker in Vibrationen versetzt. Wir lesen in Feuilletonistenbeiträgen im Netz, dass der Künstler die traditionellen Verhältnisse zwischen Form und Material umkehre, dass er neue Beziehungen zwischen Umgebung und Werk hervortreten lasse oder dass er neues Sehen herausfordere, um nur einige der Bemerkungen wiederzugeben. Das mag alles wichtig und richtig sein.

Einfacher ausgedrückt dürfte es schlicht das Spiel mit Schwerkraft und Balance sein, das die „Props“ so faszinierend macht. Etwa sein „Berlin Block for Charly Chaplin“: nichts als ein dicker Würfel, massiv und wieder tonnenschwer, so dass neben der Berliner Neuen Nationalgalerie die Decken der Museumsräume im Untergeschoss aufwändig verstärkt werden mussten. Ein Ärgernis also wieder, aber auch wieder ein großartiges Objekt. Denn dieser Block, so unbeweglich er auch daherkommt, ist an einer Ecke leicht geneigt, so als wäre er ein wenig gerutscht oder würde vielleicht jeden Augenblick ins Rutschen kommen.
Gefühl von Leichtigkeit
Ähnlich ist es mit dem Dillinger „Viewpoint“ oder den „Berlin Curves“ am Haupteingang der Berliner Philharmonie. Wieder erschlägt die Masse des Materials auf den ersten Blick, aber die Durchgänge locken den Passanten auch ins Innere, wo die Bleche mit ihrer eleganten Kurve eher ein Gefühl von Leichtigkeit als von Bedrückung auslösen.

Ähnlich ist es auch mit der „Bramme für das Ruhrgebiet“, 1998 auf der Halde Schurenbach aufgestellt. 14,50 Meter hoch steht die monumentale und 70 Tonnen schwere Walzstahlplatte als Solitär auf dem Berg (13,50 Meter tief ist sie im Boden verankert), und ihre leichte Neigung von drei Grad nimmt der Betrachter so wahr, als wäre sie dabei, in den Boden einzusinken.
Arbeit mit heißem Blei

Zu Beginn seiner Künstlerkarriere arbeitete der 1939 in San Franzisko geborene Serra viel mit heißem Blei, das er gegen die Wände warf und erkalten ließ. Ende der Sechziger entdeckte er den Stahl, vielleicht in Erinnerung an seine Studienzeit, während der er in einem Stahlwerk Geld verdient hatte. Bevorzugt verwendet er die Sorte Corten, die sich mit einer Rostschicht überzieht und sich so eine Patina gibt.
„Terminal“ für die documenta 6
Fortan baute er seine „Props“ sowohl für Innen- als auch für Außenräume. „Terminal“ war das Wahrzeichen der documenta 6 im Jahr 1977 in Kassel und besteht aus mehreren meterhohen, aneinandergelehnten Stahlplatten. Es wurde von der Stadt Bochum erworben und steht jetzt vor deren Hauptbahnhof.
Heftige Kontroversen um
Serras Skulpturen 

Von Anfang hatte es Kontroversen um Serras Kunst-Stücke gegeben. Heftigst gestritten wurde um den „Tilted Arc“, einen Bogen, den er 1981 auf die Federal Plaza in New York stellte. Die Debatte war durch Büroangestellte angefacht worden, die klagten, dass nun ihr Weg geradeaus über den Platz verstellt sei. Dazuzusagen ist, dass Serras Werk, eine Wand von 37 Metern Länge und dreieinhalb Metern Hohe, wenn auch nur sechseinhalb Zentimetern Dicke, tatsächlich ohne jeden Bezug auf die Umgebung oder irgendwelche Rücksichten die Fläche rigoros verstellte. Nach einer öffentlichen Anhörung sollte der Bogen zunächst woanders neu aufgestellt werden, was aber Serra mit dem Argument verhinderte, das sei technisch nicht möglich. 1989 wurde das Werk schließlich demontiert und verschrottet.

„Berlin Curves“ am Haupteingang der Berliner Philharmonie.

Vergessen ist bei so viel öffentlicher Aufmerksamkeit für die monumentalen Stücke, dass Serra auch ein zeichnerisches Werk vorzuweisen hat. Sogar als Filmemacher betätigte er sich, unter anderem mit „Steelmill/Stahlwerk“, einem 26-minütigen Dokumentarstreifen, den er zusammen mit Clara Weyergraf in den Hattinger Thyssen-Stahlwerken drehte. Dort hatte er zuvor seine Skulpturen fertigen lassen. „Ein stummer, eindringlicher Film, der die Kräfte der gewaltigen Maschinen in Relation zum menschlichen Maßstab setzt und die schwere physische Arbeit der Stahlwerker zeigt“, heißt es auf einer Seite des Westfälischen Kunstvereins dazu.

Für das Berliner Holocaust Memorial legte er zusammen mit Peter Eisenman einen Entwurf für das später realisierte Stelenfeld vor, schied aber dann wegen Unstimmigkeiten aus.
 

LINKS:
Biografie
Fotos von Serras Kunst
Skulptur „Blade Runner“
„Lemgo Vectors“