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Per Riesenkanone zum Erdtrabanten

In Jules Vernes „Von der Erde zum Mond“ spielen Eisen, Stahl und Aluminium wichtige Rollen als Dekor und in der Handlung


Titelblatt einer Ausgabe von 1874
(Ausschnitt).









(Januar 2008) Zweifellos hatte Jules Verne eine Begeisterung für Eisen, Stahl und Aluminium, die zu seiner Lebenszeit von 1828 bis 1905 die Ära des Exklusiven verließen und in vielen Bereichen des Alltags die bisher dominierenden Materialien Holz und Stein verdrängten. Mit Kapitän Nemos schier unzerstörbarem Unterseeboot, das selbst der Urgewalt der Natur in Gestalt eines Riesenkraken standhielt, und noch mehr in der Mondfahrergeschichte zelebrierte er den Fortschritt mit Hilfe der Metalle: 1865 hatte er „Von der Erde zum Mond“ geschrieben, jene Story der monumentalen Eisenkanone „Columbia“, die von Florida aus ein Projektil zum Erdtrabanten katapultieren sollte und die 1969 anlässlich der Mondlandung der NASA vielfach als seherische Vorwegnahme der Zukunft zitiert wurde.

Der Ausgangspunkt der Story liegt in der US-amerikanischen Stahlindustrie. Die hat nämlich 1865, so der Autor, mit dem Ende des Bürgerkrieges zwischen Nord- und Südstaaten ihren Markt verloren und ist, wie man es heute formulieren würde, in eine schwere Rezession geraten. Doch Impey Barbicane, Präsident des Verbands der Geschützgießer, hat eine Idee: Er will ein Projektil auf den Mond schießen und damit die zivile Leistungsfähigkeit seiner Produkte unter Beweis stellen.
 
Verne bewegt sich bei der Schilderung der Clubmitglieder nah an der Satire, wenn er die Geschützgießer mit Prothesen ausstattet und sie so als Opfer ihrer eigenen Erzeugnisse darstellt. Aber die Grenze zur Technikkritik überschreitet er an keiner Stelle wirklich. Vielmehr lässt er die Kanonenbauer eher lachhafte Figuren sein, und damit hebt er gleichzeitig Barbicane, den Macher mit wissenschaftlicher Denkweise, positiv heraus.

Jules Verne, Autor von „20 000 Meilen unter dem Meer“ in einer Karrikatur
aus der Zeitschrift L'Algerie, 1884.





Einen Gegenspieler haben die Geschützbauer in einem verwandten Wirtschaftszweig, nämlich den Panzerplattenhersteller Kapitän Nicholl. Dessen Branche nämlich steht in „eherner Feindschaft“ zu den Herstellern von Kanonen und Schusswaffen: „Wenn Barbicane ein neues Geschoss erfand, präsentierte Nicholl eine neue Platte. Wenn auf dem Washingtoner Schießplatz einmal Barbicanes Kanone siegte, so schaffte es beim nächsten Mal die Platte von Nicholl.“ Ko-Evolution nennt man in der Biologie den Wettlauf zwischen Angreifer und Verteidiger.

Aber die Kontrahenten ziehen in dem Roman nicht wirklich die Register für eine packende Auseinandersetzung. Verne belässt es bei einer Wette zwischen den beiden Gentlemen, ob das Vorhaben machbar sei oder nicht, die Barbicane natürlich gewinnt.

In die Vollen geht der Autor aber dann, als es um den Bau der Riesenkanone geht. Hier nämlich bewegt er sich auf dem für ihn typischen Terrain der Science-Fiction, jener Mischung aus Technikfaszination gepaart mit reichem Faktenwissen und allerhand seriös klingendem Unsinn.
Schauplatz der Story in Florida
Barbicane hat flugs errechnet, dass wegen des Rückstoßes beim Schuss die Kanone nur in die Erde gesetzt werden kann, und so hebt die eigens gegründete Anteilsgesellschaft in Florida alsbald eine monumentale Baugrube von 270 Metern Tiefe aus, stellt am oberen Rand einen Ring von 1200 Hochöfen auf und lässt am Gießtag auf ein Kommando 68 000 Tonnen Eisen in die Kanonenform laufen. Verne schwelgt hier wie üblich in Tonnagen, Temperaturen und Abkühlzeiten, dass es für die handelnden Figuren als auch für die technikbegeisterten Leser eine Wonne ist.

1200 Hochöfen wurden rund um die Gussgrube entzündet. Illustration
von Henri de Montaut (Ausschnitt).
(*)

Der Guss gelingt. Das war zu erwarten. Eigentlich aber ist damit auch alle Spannung aus der Geschichte raus. Denn das noch ausstehende Herstellen des Geschosses und das Abfeuern der Kanone sollte nach einer Leistung wie dem Guss keine unüberwindbaren Schwierigkeiten mehr bereiten.

Verne lässt nun eine Figur auftreten, die konträr zu Barbicane und Nicholl ist, den Franzosen Michel Ardan, Künstler und Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Ardan schlägt vor, statt eines massiven Geschosses eine hohle Kapsel zum Erdtrabanten zu schießen - „ich reise darin mit“, bietet er an.

Das Material für das Geschoss sollte übrigens Aluminium sein, das 1808 entdeckt und 1825 synthetisch hergestellt worden war. Jules Verne zeigt sich hier wieder einmal als wohlinformierter Beobachter der technischen Neuheiten. Am Rande geht er darauf ein, dass dieses Metall ehemals teurer war als Gold, zur Mitte des Jahrhunderts aber schon erschwinglich geworden ist.
 
Ko-Evolution von Angriff und Verteidigung
Wettlauf zwischen Geschoss
und Panzerung

Wir wollen hier nicht den Ausgang der beiden Fortsetzungsromane „Von der Erde zum Mond“ und „Reise um den Mond“ verraten. Wenden wir uns lieber der Ko-Evolution zu, die oben kurz angesprochen wurd, dies für den Fall der Angriffs- und der Abwehrwaffen. Besonders bei Kriegsschiffen wird dieser Wettlauf zwischen Geschoss und Panzerung offenkundig.
Kanonen verändern den Schiffbau
Waren seit den Römern Seeschlachten von den Entermannschaften gewonnen worden, ließ in der frühen Neuzeit das Aufkommen starker Kanonen die Angriffteams zu Kampfeinheiten der zweiten Reihe sein. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts konnten Kanonenkugeln auch aus größerer Distanz die Bordwand des Gegners durchbrechen, also wurden die Schiffe fortan wieder kompakter gebaut, nachdem sie zuvor, um den Enterteams die Attacke zu erschweren, in die Höhe gewachsen waren.
Materialschlachten zur See
In der Folge kam die Materialschlacht als Kampfstrategie auf: voll gepackt mit Geschützreihen fuhren die Schiffe einander gegenüber auf, um sich mit Breitseiten leck oder in Brand zu schießen.
Blechplatten als Panzerung
Als im 19. Jahrhundert die Fortentwicklung der Hüttentechnik die Herstellung von Blech billig machte, wurden metallene Panzerungen üblich. Bereits im Krimkrieg (1853-1856) kamen mit Stahlplatten bewehrte hölzerne Segler zum Einsatz, und 1860 lief auf einer englischen Werft ein Eisenrumpf-Schiff vom Stapel. „Warrior“ war sein treffender Name und es fuhr schon mit Dampfkraft, hatte aber auch noch eine komplette Segelanlage.
 
Doch Pulver und Geschosse nahmen schnell an Durchschlagskraft zu. Das wiederum förderte die Entwicklung von Legierungen, die bei den Panzerungen den nächsten Qualitätssprung brachten.

Innen war die Kapsel mit Leder-
polstern ausgeschlagen. Illustration
von Henri de Montaut (Ausschnitt).
(*)


Wie weit es die Entwickler trieben, zeigt das Militärhistorische Museum Dresden am Beispiel der Kanone „Dora“, die Krupp in Essen seit 1930 auf dem Reißbrett hatte: Das Ungetüm sollte gleichermaßen mühelos Platten von 3,5 Meter Stahlbeton beziehungsweise von 60 Zentimeter Panzerstahl durchschlagen können.

Geplant war das Monstrum, das auf einen Zug montiert wurde und in Feuerstellung 1350 Tonnen wog, eigentlich dafür, die tief in der Erde befindlichen Bunker der französischen Maginotlinie zu zerstören. Bis zum Angriff auf Frankreich im Mai 1940 aber konnte es nicht fertig gestellt werden. Erst im Oktober 1941 fanden auf dem Schießplatz Hillersleben erste Versuche damit statt. Im Juni 1942 gab die Kanone 50 Schuss auf die sowjetische Festung Sewastopol ab. Die Kraft war unvorstellbar: die Schussweite für Betongranaten (7,1 Tonnen Gewicht) betrug 38 Kilometer, Sprenggranaten mit 4,8 Tonnen Gewicht konnte sie bis zu 47 Kilometer weit feuern.

Die Entfernung bis zum Mond hätte jedoch auch solch eine Riesenkanone nicht überbrücken können. Und überhaupt: Wie sollten die Raumfahrer einen Weg zurück zur Erde finden?
 
Zunächst hatte Jules Verne in seinem Roman eine Rückkehr gar nicht in Betracht gezogen. Michel Ardan meint an einer Stelle lapidar, dass er dort oben bleiben wolle.

Natürlich fand der Autor am Ende eine bessere Lösung.
Eine Ausstellung zu Geschichte und Zukunft der Raumfahrt zeigt das Landesmuseum für Technik und
Arbeit in Mannheim noch bis zum 9. April 2007. Spektakuläre Leihgaben wie eine Sojus-Kapsel sind zu sehen und das Museum selbst ist als eine Art Raumstation umgestaltet worden.

  (*) Die Illustrationen wurden einer Seite mit den Illustrationen zum ersten Buch der Mondfahrergeschichte entnommen.