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Mehr als gewalzte Worthülsen

Im Hüttenmuseum in Thale ist ein ungewöhnliches DDR-Museum erhalten geblieben


Hüttenmuseum Thale, Außenansicht.
Dieses Museum ist ein Schmuckstück. Nicht dass es besonders prunkvolle Schätze beherbergen würde oder dass sein Thema ein ganz außergewöhnliches wäre. Nein, im Hüttenmuseum des Städtchens Thale am Rande des Harzes geht es nur um die Geschichte jenes Werkes, das 1686 dort als „Blechhütte“ gegründet worden war.

Allerdings hatte es 300 Jahre später ein rundes Jubiläum zu feiern, zu dem es sich eine Ausstellung gab – wobei die Besonderheit nun ist, dass Thale 1986 in der DDR lag und dass heute diese Präsentation aus sozialistischen Zeiten fast unverändert erhalten geblieben ist. Und das ist einmalig in deutschen Landen.
Im Museum herrscht keineswegs
das DDR-typische Grau-in-Grau 

Dabei wird der Besucher gleich noch weiter überrascht: Denn in dem Museum herrscht weder das DDR-typische Grau-in-Grau noch die Plaste-und-Elaste-Kultur, die durch ihre Schmucklosigkeit auch die beste Präsentation immer lustlos erscheinen ließ. Vielmehr sind zum Beispiel die Texttafeln aus Edelstahl – ein Metall, das der DDR-Bürger im Alltag sonst nur selten in die Hand bekam. Etwa die Hälfte der Tafeln widmet sich den technischen Etappen der Verhüttung vom Renn- zum Hochofen und späteren Verfahren wie dem Elektroschmelzen oder dem Tiegelinduktionsofen.
Auch fehlt die Lobhudelei
auf die Partei

Auffallend an dem Museum ist auch, wie wenig nur man auf die sonst östlich der Elbe zwanghafte Lobhudelei auf Partei und System des „Ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden“ stößt.
Hatten die Genossen die Gefolgstreue
der Arbeiter verloren?

Wir interpretieren: Diese Ausstellung zeigt, dass der Sozialismus schon 1986 die Gefolgstreue der von ihm verbal angehimmelten Arbeiterklasse verloren hatte. In der Thaler Schau jedenfalls feierten die Stahlwerker sich selbst, ihre Leistungen und ihr Know-how in Sachen Eisenverhüttung und -verarbeitung. Partei und System als gemeinhin obligatorische Urheber alles Guten kommen allenfalls am Rande vor.
Selbstbewusstsein klingt aus den Darstellungen zur Hüttentechnik
Interessant auch, wie viel Selbstbewusstsein aus den Darstellungen zur Technik klingt. Offenbar verstanden sich die Ausstellungsmacher als auf der Höhe der Zeit. Dies zumindest im Vergleich mit den sozialistischen Bruderländern.

Das Kochgeschirr aus Thale wurde
nur in den Westen verkauft.





So wird die Sowjetunion keineswegs als übermächtiger großer Bruder, sondern als Mitstreiter auf gleicher Augenhöhe dargestellt: Hinweise auf Technologieimporte oder Know-how-Transfers von dort werden zwar vermerkt, aber ungleich mehr Platz eingeräumt wird zum Beispiel der Pulvermetallurgie, in der die DDR in den Achtzigern einige Erfolge erzielte. Wo die Rede auf internationale Zusammenarbeit kommt, spricht die Ausstellung von Arbeitsteilung unter gleichberechtigten (Ost-)Partnern und lässt durchblicken, dass diese doch bitteschön ihre Anstrengungen in Forschung und Entwicklung besser koordinieren sollten.

Dieses Selbstbewusstsein der Thaler Stahlwerker war übrigens keineswegs unberechtigt, hatten sie doch trotz der sozialistischen Rahmenbedingungen in einigen Punkten internationales Niveau erreicht. Etwa in der Emailletechnik: das Kochgeschirr, das im Westen in den Haushalten stand, stammte meist aus dem Werk jenseits der innerdeutschen Grenze. Von dort war es von großen Kaufhäusern und Versandhändlern in die Bundesrepublik eingeführt worden. Häufig gab es Ärger unter den Deutschen im Osten, weil diese - schicken und modischen - Waren für sie unerreichbar blieben.
In der Emailletechnik hatte
das Werk Weltniveau erreicht

Die Emailletechnik war immer ein Schwerpunkt der Fabrikation gewesen. Schon 1887 war das Vorgängerwerk hier weltweit führend und belieferte ein Zehntel der globalen Nachfrage, heißt es in der Ausstellung.
Natürlich zeigt die Ausstellung die sozialistische Sichtweise der Welt
Natürlich findet man in der Schau aber auch immer wieder die Überbleibsel der sozialistischen Sichtweise der Welt – warum auch nicht, eigentlich? So werden beim historischen Rückblick technische Neuerungen im Werk, die vor der Zeit der DDR getätigt worden waren, als Investitionen, die „den Profit der Aktionäre sichern“ sollten, nur verdammt. Von 1949 an hingegen werden Neuerungen immer positiv interpretiert: mit ihnen „verbessern sich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen wesentlich“, so die Lesart.

Die DDR-Propraganda nahm häufig kuriose Formen an, zu sehen im Agrarhistorischen Museum in Alt Schwerin.







Um noch einmal in den Dunst der sozialistischen Terminologie einzutauchen, wollen wir uns hier ausführlich eine Passage der Texttafeln genehmigen, da sie die Meisterschaft die DDR im Walzen von Worthülsen lebendig hält. Zum Thema „internationaler Austausch“ wird für das Jahr 1979 („30 Jahre DDR“) auf einen Kooperationsvertrag mit dem Metallurgischen Kombinat in Baschkirien („60. Jahrestag der Baschkirischen ASSR“) hingewiesen: „Gemeinsam unternehmen Metallurgen der Partnerbetriebe höchste Anstrengungen, die Energie- und Materialökonomie zu verbessern, die Leistungen der Schmelzaggregate zu steigern, die hohe Qualität metallurgischer Erzeugnisse zu sichern und die Technologien sowie Arbeitsinstruktionen gewissenhaft zu erarbeiten und einzuhalten.“

Nicht mehr vorhanden ist der originale Ausstellungsteil zum Thema Umweltschutz. In jenem Raum war die SED-typische Sichtweise der Welt dann doch ausgebreitet gewesen. Dort wird nun, leider sehr knapp, moderner über das Thema informiert, und man kann auch hier gleich fragen, ob und welcher Denkrichtung nun gefolgt wird.
Die Edelstahlplatten waren
trickreich beschafft worden

Zu den noblen Chrom-Nickel-Platten für die Texttafeln kam die Ausstellung übrigens auf DDR-typische Art und Weise: man organisierte sie im Stahlwerk in der Ortschaft Burg an der Elbe. Heute würde man sagen, dass die Thaler ihr „Netzwerk“ nutzten.
 
In dieser Hinsicht war der Nahe Osten damals notgedrungen wirklich weiter voran als der Westen. Ohne Kontakte ging nichts.

Hüttenmuseum Thale
Walter-Rathenau-Straße 1
06502 Thale

Das Museum bietet Spezialführungen etwa zu Verfahren der Stahlproduktion in Thale seit dem Mittelalter oder zu den Umweltaspekten der Schwerindustrie.