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Prachtstücke im Dornröschenschlaf

Die Oberpfalz verschenkt die touristischen Möglichkeiten ihrer Eisenstraße


Ehemaliges Hammerherrenhaus, Sitz
des Industriemuseums in Theuern.





Ein Jammer ist es mit der Bayerischen Eisenstraße. Anfang der Achtzigerjahre mit viel Initiative ins Leben gerufen, ist aus ihr bis heute nicht viel mehr geworden als das Bergbau- und Industriemuseum in Theuern bei Kümmersbruck. Und auch dieses Schmuckstück scheint mittlerweile in den Dornröschenschlaf zu sinken.

Dabei gibt es entlang der Route zwischen der Ortschaft Pegnitz im Norden und der Stadt Regensburg im Süden alles, womit anderswo im Tourismusgeschäft Aufmerksamkeit erreicht wird: die Region hat Geschichte, war nämlich im Mittelalter einer der bedeutendsten Standorte der Eisenindustrie in deutschen Landen; es sind etliche Zeugnisse aus jener Zeit erhalten, etwa alte Hammerherrenhäuser, Stollenlöcher oder Schleusen des Erz- und Salztransports zu Wasser; es gibt Geschichtchen zu erzählen, etwa die von Auerbachs Keller aus Goethes Faust I; und schließlich könnte man wirtschaftshistorisch den Niedergang der Oberpfalz als Lehrstück für einen vor rund 400 Jahren versäumten Strukturwandel und über die Folgen eines verheerenden Krieges darstellen.
   
Erzählen wir die Industriegeschichte der Region nach und nehmen wir dafür einige moderne Begrifflichkeiten zur Hand.
Erzabbau schon zur Keltenzeit
Schon die Kelten hatten die Erzlager in der Region entdeckt. Unter anderem bei Kelheim am Zusammenfluss von Donau und Altmühl ist Bergbau und Verhüttung seit 300 vor Christus belegt. Es handelt sich um Doggererze aus der Kreidezeit, genauer: Braunerz (FeHO2) und Weißerz (FeCO3). Der Metallgehalt des Gesteins liegt zwischen 25 und 40 Prozent. Das ist nicht viel im Vergleich zu modernen Lagerstätten in Schweden oder Brasilien, war aber für die damalige Zeit sehr gut.
Bergbau ohne Abstützungen, ...
Allerdings: Für die Keltenzeit und lange Jahrhunderte danach von „Bergbau“ zu reden, ist missverständlich. Denn keineswegs trieb man tiefe Schächte in die Erde und ausgehend von ihnen Querstollen. Abgebaut wurde nur das, was nahe an der Oberfläche lag.
... um den Kapitaleinsatz
niedrig zu halten. 

Die Erzgewinnung betrieb man ohne große Technik und ohne viel Kapitaleinsatz: An einer viel versprechenden Stelle buddelte man sich mit Hacke und Schaufel bis zu einem Erzgang in einigen Metern Tiefe – worauf es ankam, war, dass das ohne ein Abstützen der Wände gelang. In der „Tiefe“ höhlte man die Sohle so weit aus, wie das Ganze wiederum ohne Auszimmern stabil blieb. Nach dem Ausbeuten gab man diese Grube wieder auf, buddelte ein paar Schritte nebenan eine neue und verfüllte die alte mit diesem Aushub.
Pingen in den Wäldern
Zeugnis davon legen noch heute die so genannten Pingen ab. Das sind kreisrunde Vertiefungen im Boden an den Stellen ehemaliger Gruben. Mancherorts sind die Wälder der Oberpfalz von ihnen voll.
100 Meter Tiefe erst im
14. Jahrhundert

Erst im 14. Jahrhundert stieß man wirklich in die Tiefe vor und erreichte immerhin schon um die 100 Meter. Vermutlich gab es damals auch schon die ersten Gruben nach heutigen Maßstäben, wo sich, von einem senkrechten Schacht ausgehend, waagerechte Stollen in den Untergrund fraßen.
Bergbau in Würken
Üblich war der Bergbau in so genannten Würken: Ein Würken war ein Zyklus von vier oder mehr Jahren, an dessen Anfang das Niederbringen und Sichern eines Schachtes stand. Darauf folgte die Phase des eigentlichen Abbaus, die manchmal nur einen Winter oder ein bis anderthalb Jahre dauerte. Danach gab man den Schacht wieder auf und ließ ihn absaufen, um in der Nähe das nächste Würken in Angriff zu nehmen. So jedenfalls wird es in dem Ausstellungskatalog Oberpfälzer Eisen (Dirk Götschmann, Band 5 der Schriftenreihe des Bergbau und Industriemuseums Ostbayern) beschrieben.

Wasserräder am Polierwerk, einer Außenstelle des Museums.




Vermutlich gab es zweierlei Gründe für diese seltsame betriebliche Verfahrensweise. Erstens wäre bei einem dauerhaften Abbau der Aufwand für den Unterhalt des Schachts – der Kapitaleinsatz – allzu groß geworden. Denn insbesondere das eindringende Grundwasser ließ sich damals nur mit größter Mühe aus der Grube schaffen. Außerdem waren die Würken genau mit der Kapazität der Hammerwerke vor Ort koordiniert, so dass nur so viel Erz gefördert wurde, wie man in den Rennöfen verhütten und in den Schmieden verarbeiten konnte.

Diese Selbstbeschränkung basierte wohl kaum auf einem freiwilligen Entschluss. Vielmehr war es ehedem so, dass jeglicher wirtschaftlicher Aktivität enge Grenzen gezogen waren, nämlich durch die zur Verfügung stehende Energie. Erst vom Ende des 18. Jahrhunderts an sollte es gelingen, mit Dampfmaschine und Eisenbahn die Saisonabhängigkeit der Wasserkraft und die Schwäche von Tier und Mensch zu überwinden.
1341: Wegweisende Hammereinung

Bemerkenswert ist, wie modern sich die Oberpfälzer Industrie schon im 14. Jahrhundert organisiert hatte. Zwei konkurrierende Zentren des Bergbaus und der Verarbeitung waren damals Amberg und Sulzbach. Zunächst hatten sie um die Vorherrschaft in der Region gestritten. 1341 aber taten sie sich zusammen und schlossen die so genannte Hammereinung. Deren Motto war, modern ausgedrückt: Lieber ein geteiltes Monopol als dauernde Konkurrenz. Die Übereinkunft wurde 1387 durch den Beitritt Nürnbergs erheblich ausgeweitet.
Festlegung von Löhnen und Urlaub
Die Hammereinung legte Erzeugungsquoten für die einzelnen Werke, Normen für die Produkte und Warenzeichen für die Produzenten fest. Weitere Regelungen werden in den Schriften des Theuerner Museums (Band 2) aufgezählt: „Ferner wurden Bestimmungen über Löhne, Urlaub und Urlaubsgeld für die Hüttenarbeiter in einer erstaunlich fortschrittlichen Weise getroffen, wie sie in anderen Industrien erst Jahrhunderte später nach schweren sozialpolitischen Kämpfen erreicht werden konnten.“ Für Verstöße gegen die Statuten waren strenge Strafen festgesetzt.
1464: Frühe Arbeitsgerichte
1464 etablierte der Pfalzgraf in beiden Städten Hammergerichte, welche laut Museumsschrift „als echte Arbeitsgerichte angesehen werden müssen, da die Hammerherren und ihre Arbeiter ... sich als gleichberechtigte Partner gegenüberstanden und sich in gleicher Weise dem Spruch des Gerichts zu unterwerfen hatten“.
Blühende Zeiten

In der Folge erlebte die Region gute Jahre, besser: blühende Jahrhunderte. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden in der Oberpfalz rund 290.000 Tonnen Eisenerz gefördert. Verarbeitet wurden sie hauptsächlich zu Schieneisen und Blech, beides eher Rohmaterialien als Fertigprodukte. Bei Schieneisen handelte es sich um Stäbe, die sozusagen in den Export gingen und woanders in Deutschland zu Draht gezogen oder zu vielfältigen Gebrauchsgegenständen ausgeschmiedet wurden. Schwarzbleche zum Beispiel wurden in Nürnberg verzinnt und weiterverarbeitet. Eine verarbeitende Industrie zu etablieren, gelang in der Oberpfalz nie.
Niedergang im 17. Jahrhundert
Das trug im 17. Jahrhundert zum Niedergang bei, ebenso die alte Hammereinung, die doch zuvor, auch wenn sie die Streitigkeiten zwischen dem immer bedeutender werdenden Amberg und den Mitbewerbern nicht hatte ausschließen können, segensreich gewesen war.
Die Hammereinung verhindert Innovationen

Inzwischen waren nämlich von außen neue Konkurrenten auf den Plan getreten, die das Gusseisen als eine der Innovationen mitbrachten. Für es gab es nach 1600 eine enorme Nachfrage – das Militär setzte im Dreißigjährigen Krieg Kanonen in großem Stil ein. Die alte Hammereinung jedoch schrieb für die Verhüttung das Rennverfahren vor, verhinderte also den neuen Holzkohleofen und verbot insofern auch das Gusseisen.

Schmiedehämmer im Hammerwerk,
einer Außenstelle des Museums.






In diese Krise aufgrund von Management-Fehlern platzte dann der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648, dem die Pest folgte und der in großen Teilen Deutschlands menschenleere Landstriche hinterließ. Die Oberpfalz erholte sich nicht mehr von dieser Folge von Katastrophen. Wissenschaftler vermuten, dass das nicht allein an den unglaublichen Verwüstungen lag – schließlich schafften andere Landstriche einen Neuanfang -, sondern dass es mit einem Verlust an Fach- und Führungskräften aufgrund politischer Gegebenheiten zusammenhing: Als es nämlich nach der Reformation in der Oberpfalz zu Herrschafts- und Religionswechseln kam, seien ganze Industriellenfamilien abgewandert, heißt es in Band 2 der Schriftenreihe des Museums.

Zwar gab es später dann doch wieder eine Eisenindustrie, und war in der Neuzeit mit der Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg ein großer Betrieb dort aktiv. Aber die Bedeutung, die die Oberpfalz ehemals innehatte, konnte sie nie mehr erreichen. Inzwischen ist auch die Maxhütte stillgelegt und rottet vor sich hin - anders als die Völklinger Hütte im Saarland, die es als Weltkulturerbe zu neuem Leben gebracht hat.
 
Auch die Maxhütte könnte ein Schmuckstück an der 120 Kilometer langen Bayerischen Eisenstraße sein. Der aber fehlt es generell an einem roten Faden und an touristischem Marketing.
Hammerherrenhaus
dokumentiert Reichtum 

Immerhin lohnt sich der Besuch im Museum in Theuern. Es gibt einen Überblick über die Bergbau- und Industriegeschichte der Region. Das ehemalige Hammerherrenhaus, in dem es untergebracht ist, dokumentiert mit seinem schlossähnlichen Stil Reichtum und Macht der Industriellen von damals.
Außenstellen im Dornröschenschlaf
Schon nicht mehr gut bestellt ist es aber um die Außenstellen des Museums, selbst für diejenigen, die nur wenige Schritte entfernt in Theuern liegen. Am Polierwerk, wo nach dem Ende der Eisenzeit Spiegelglas geschliffen wurde, verrotten die prächtigen Wasserräder im Vilskanal – dabei wurde die gesamte Anlage betriebsfertig restauriert! Nur dem Engagement der Mitglieder eines Fördervereins ist es zu verdanken, dass hier und im Hammerwerk nebenan überhaupt noch sonntags für Besucher aufgeschlossen wird.
Auerbachs Keller

Ganz ab vom Schuss liegt die Museums-Außenstelle in Auerbach-Nitzlbuch. Dort wurden von 1904 bis 1978 aus 141 Metern Tiefe 16 Millionen Tonnen Eisenerz gefördert, was die Anlage zu Bayerns bedeutendstem Bergwerk machte. Zu sehen sind die Fördertürme und eine Maschinenausstellung. Sie ist nur einmal im Monat sonntags geöffnet.


Wir wollen jedoch nicht weiter granteln, sondern lieber auf den eingangs angesprochenen Auerbachs Keller aus Faust I eingehen: Der hatte ein reales Vorbild, nämlich jenen Auerbachs Keller in Leipzig, den 1532 Dr. Heinrich Stromer eröffnete. Dieser Mann wiederum hatte seine familiären Wurzeln in der Oberpfälzer Eisenstraßen-Ortschaft Auerbach. Er brachte es in Leipzig zum Rektor der Universität und Mitbegründer der Messe. Das Wappen seiner Familie findet man im Sitzungssaal des Rathauses in Auerbach.
Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern, Schloss Theuern, 92245 Kümmersbruck

Bayerische Eisenstraße