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Wanderer zwischen den Welten

Julian Voss-Andreae: Stahlskulpturen zwischen Quantenphysik und Molekularbiologie

Der Quantenmann gibt einen Eindruck von den Verhältnissen in der Quantenwelt.
(Fotos: Julian Voss-Andreae)
Diplom in Experimentalphysik,
danach Kunststudium

Gleich in mehrfacher Hinsicht ist Julian Voss-Andreae ein Wanderer zwischen den Welten: nach einem Studium der Experimentalphysik wechselte er in die Bildhauerei und macht derzeit unter anderem Stahlskulpturen, die – Wanderung rückwärts, jetzt – wiederum Themen etwa aus der Quanten- oder der Molekularphysik künstlerisch umsetzen. Wanderer ist er auch insofern, als er als gebürtiger Hamburger in Portland im US-Bundesstaat Oregon lebt, nachdem er nach seinem Diplom in Naturwissenschaften hierzulande noch in den USA ein Studium der Kunst und den Bachelor of Fine Arts draufgesattelt hatte.
Eine der Skulpturen ist der „Quantenmann“

Reden wir zunächst über eine der Arbeiten des 36-Jährigen, den „Quantenmann“. Hier hat er die Figur eines Schreitenden in dünne Schnitte aus Stahl zerteilt, so dass je nach Standort des Betrachters das Kunstwerk sich immer anders darstellt.
Phänomene wie die
Unschärferelation oder...

Voss-Andreae will mit seinen Arbeiten mit Schweissgerät und Winkelschleifer Aspekte der Quantentheorie anschaulich machen, die, zugegeben, man sich eigentlich gar nicht mehr vorstellen kann. Etwa besagt die Unschärferelation, dass man, vereinfacht ausgedrückt, allenfalls ungefähre Aussagen über den exakten Ort eines Elektrons oder Atoms möglich sind.
... den Welle-Teilchen-Dualismus anschaulich machen
Und der Welle-Teilchen-Dualismus gar konstatiert, dass ein Teilchen auch eine Welle sein kann, was völlig der Logik widerspricht, da Materie einerseits zwar immer als individuelle Teilchen nachgewiesen wird, sich aber andererseits auch als über den Raum verteilte Welle bewegt.
Schwer vorstellbare Quantenwelt 
Das ist jetzt, zugegeben lieber Leser, abstrus. Die Quantenwelt ist aber so, zumindest nach dem, was die Forscher bislang über sie wissen. Wohlgemerkt: Quantenphänomene zeigen sich nur auf der Ebene der Atome und Moleküle. Auf der Ebene der menschlichen Wahrnehmung sind sie nicht direkt feststellbar. Insofern ist, sagen wir, ein Baum immer noch ein Baum, und wer dagegen rast, wird das nachdrücklich feststellen. Auch wenn eigentlich dieser Baum nichts ist als eine wirre Wolke von Atomen und Molekülverbindungen, die sich mit jedem Lichtstrahl, der auf sie fällt, verändert, um doch nur gleich wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren...

Die Hämoglobin-Skulptur aus Corten-Stahl mit einem symbolischen roten Blutstropfen in der Mitte unmittelbar nach der Aufstellung...






Voss-Andreae ist einerseits fasziniert von diesen schwer nachvollziehbaren Phänomenen in der Natur. Andererseits aber stellt er - ganz im Sinne der Aufklärung - den Anspruch an sich, die Phänomene zu erklären, das heißt: sie sinnlich erfahrbar zu machen, und das eben mit seinen Skulpturen. Wobei er hier wiederum nicht einfach nur die Natur abbilden will, sondern sich erlaubt, sie in der Abbildung zu verändern.

Etwa im Fall der Proteine, die es ihm seit einiger Zeit angetan haben. Das sind Molekülketten, die im Menschenkörper und in allen Lebewesen eine Vielfalt von lebenswichtigen Funktionen haben: Manche werden in bestimmten Zellen gebildet und von anderen Zellen aufgenommen, wo sie als Botenstoff neue Funktionen in Gang setzen. Andere sind einfach nur die Bausteine aller Muskeln, Sehnen, Knochen usw.

Steigen wir mit Voss-Andreae hinab auf die Ebene dieser Moleküle. Hier ist ein Protein nur mehr ein wirres Knäuel von chemischen Verbindungen, vorstellbar etwa ähnlich einem Pflänzchen, das einen Stamm als Rückgrat hat, von dem wiederum Verzweigungen und Blätter ausgehen. Wobei man sich die Protein-Komplexität ungefähr so vorstellen kann, als würde jedes Blatt seine Nachbarblätter anziehen (oder gegebenenfalls auch abstoßen), und sich so mit seiner Umgebung mächtig verknäueln. Was dem Protein erst seine Chemie und damit seine Eigenschaften gibt...

... und nach einigen Wochen im Freien.










Ermitteln kann man diese Strukturen heutzutage mit Röntgenstrahlung und mit gewaltigen Computerberechnungen.

Voss-Andreae nun nimmt sich die Proteinstrukturen der Wissenschaftler vor und reduziert sie zunächst um alle diejenigen Verästelungen, die von dem „Stamm“ abgehen. Was bleibt, ist das „Rückgrat“ des Proteins. Auch es verläuft keineswegs gerade und aufwärts gerichtet wie bei unserem Pflänzchen, sondern vielfach gebogen, verdreht, vorwärts- und rückwärts laufend, kreuz und quer.

Er hat nun einen Trick gefunden, diesen bizarren Weg des „Stamms“ nachzustellen: jeden Biegepunkt definiert er als Gehrungsschnitt und erhält damit eine Folge von Einzelstücken, die in Winkeln voneinander abbiegen. Umgekehrt heißt das für die Montage seiner Protein-Skulpturen, dass die einzelnen Teile nur noch in den vorgegebenen Winkeln aneinander angesetzt werden müssen.

Eine seiner neueren Arbeiten ist die Hämoglobin-Skulptur. Dieses Protein steckt in unseren roten Blutkörperchen und agiert, weil es an bestimmten Stellen Eisen-Atome enthält, als Transportfähre für den lebenswichtigen Sauerstoff. In der Skulptur hat Voss-Andreae das Knäuel nachgebildet. Die Besonderheit dieser Struktur ist, dass sich in ihrer Mitte nichts befindet. Der Künstler hat sich das zu nutze gemacht und an diese Stelle sinnbildhaft eine rote Glaskugel für den Blutstropfen eingebracht.
Für Voss-Andreae sind Kunst und Wissenschaft keine Gegensätze, sondern...
Er sei „ganz fasziniert davon, die Natur anzugucken“, nennt Voss-Andreae als Antrieb für seine Arbeit, und er habe „leidenschaftliches Interesse zu verstehen, was da vor sich geht“. Vor diesem Hintergrund ist sein Wechseln zwischen Naturwissenschaft und Kunst dann auch gar kein Überbrücken großer Distanzen mehr. Denn sowohl bei Kunst als auch bei der Wissenschaft handelt es sich lediglich um „zwei unterschiedliche Wege, die zu demselben Ziel (Erkenntnis nämlich, d. Red.) führen“. Keine der Sphären hat dabei Vorrang, so unser Künstler: „Wenn das Endprodukt in beiden Domänen gleichzeitig Sinn macht, ist das am besten.“
... zwei unterschiedliche Wege zum
selben Ziel, nämlich die
Welt zu verstehen

Sein Lebensweg war anfangs eher in Richtung Kunst ausgerichtet. Als Abiturient malte er viel. „Das Studium der Physik habe ich eher als eine Art Ausflug verstanden“, erzählt er. Bei einem Workshop über Kunst und Spiritualität für angehende Naturwissenschaftler bekam seine Orientierung dann plötzlich eine neuen Richtung: Er bandelte mit einer Teilnehmerin aus den USA an, die aus einer Familie von gedanklichen Grenzgängern stammt. „Ich habe dann meine Diplomarbeit fertig geschrieben und bin zu ihr nach Portland gezogen“, sagt er lakonisch, so als wäre das alles nichts.
Diplomarbeit über Quanteneffekte
auf der Molekülebene

Inzwischen ist er mit ihr verheiratet - die beiden haben gerade ihr 3. Kind bekommen - und scheint auf dem besten Weg zu sein, dass er von seiner Kunst leben kann. Prägend für seinen Werdegang war auch ein Vortrag des Wiener Experimentalphysikers Professor Anton Zeilinger, der, wie Voss-Andreae sagt, „sich vorrangig von philosophischen Fragestellungen leiten lässt“. Den konnte er als Betreuer für seine Diplomarbeit über „Kohärente Moleküloptik mit Fullerenen“ an der Freien Universität Berlin gewinnen. Dabei konnte Voss-Andreae zeigen, dass es Quanteneffekte nicht nur auf der Ebene der Atome, sondern auch bei der nächst größeren Einheit, den Molekülen, gibt.

Julian Voss-Andreae.

Hat er nach der Quantenkunst und den Proteinskulpturen schon ein neues Thema im Blick? „Ja“, sagt er mit Verve und nennt die neue Blickrichtung: „Am meisten interessiert mich immer noch der Mensch.“ Also denkt er derzeit darüber nach, seinen „wissenschaftlich inspirierten künstlerischen Blick“ auf die Darstellung von Menschen zu übertragen, also etwa mal eine Gruppe von Menschen wie eine Gruppe von Atomen zu betrachten. „Atome schließen sich zu stabilen Molekülen zusammen, die ihnen ein Energieminimum ermöglichen – auch Menschen streben danach, zueinander günstige Konstellation zu erreichen.“
 
Ohne dass er hier den Mensch als tote Materie betrachten will, ist er sich sicher, dass man anhand der Quantenphysik Erkenntnisse über menschliches Verhalten und Zusammenleben erkennen kann. „Ich glaube, in der Quantenwelt schlummern noch zahllose Bilder, die nur darauf warten, hervorgeholt und Teil der menschlichen Kultur zu werden.“
http://www.julianvossandreae.com