 Vollständige Turnierrüstung um 1600 im Stadtmuseum Köln.
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Dieter Schulze belehrt den Berichterstatter. „Eine Rüstung ist so flexibel, dass man damit nicht nur laufen, sondern sogar Purzelbaum schlagen kann“, stellt er klar. Schulze muss es wissen, denn er ist Rüstungsschmied. Im thüringischen Örtchen Meusebach unweit von Stadtroda betreibt er mitten im Wald eine urige Werkstatt nebst Köhlerei und mittelalterlicher Siedlung. Dort stellt er für Liebhaber und Museen historische Rüstungen aus lange vergangenen Jahrhunderten her.
Schulze hat schnell herausgehört, dass der Reporter über die martialischen Stücke Witze machen will und ist zunächst kurz angebunden. Auf die Frage, ob solch ein altehrwürdiges Stück denn nicht klappere, zuckt er nur die Achseln. Dann erklärt er sozusagen geharnischt: „Die Einzelteile etwa der Armschienen, die Geschübe, sind flexibel mit Lederschnallen verbunden.“ Aber drückt solch ein Panzer nicht fürchterlich? „Er hängt nicht allein an den Schultern, sondern ist auch auf den Hüften abgestützt und zudem an Armen und Beinen festgeschnallt“, stellt Schulze klar. |
Leichter als die Schutzausrüstung der heutigen Polizei |
Sind solche Teile nicht fürchterlich schwer? „Komplett mit Brustpanzer, Bein- und Armzeug sowie Helm wiegt eine Rüstung kaum mehr als 15 Kilo“, bleibt Schulze gelassen. Zum Vergleich: Die Schutzausrüstung der heutigen Polizei bringt 24 Kilo auf die Waage, wobei hier der Schlagstock usw. schon eingerechnet ist. |
Das Blech ist zwar dünn, aber gehärtet |
War das dünne Blech dann überhaupt hinreichend Schild gegen Hiebe mit dem Schwert? „Das Metall ist gehärtet“, knarzt Schulze inzwischen doch leicht genervt, „und zudem hat eine Rüstung spezielle Elemente, die Angriffe unwirksam machten.“ Etwa das Tapul, den nach vorne zu einer Spitze ausgezogenen Brustpanzer, welches einen Lanzenstich zur Seite ablenkt, oder die Brechränder, die einen Stoß gegen die Achseln ableiten. |
 Animalisch aufgerüstet: Die Kraft des wilden Tieres sollte den römischen Kämpfer stark und todesmutig machen.
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Dann stellt er ein Missverständnis bezüglich der früheren Schlacht-Ordnungen klar. „Im Feld wurde kaum mit dem Schwert gekämpft“, sagt, er, "schon gar nicht nach Art der Degenfechtereien, wie man sie aus dem Theater kennt“. Übliche Waffen waren Streitäxte, Hellebarden oder Morgensterne. Mit denen stach man im Gewühl aus ein paar Schritten Distanz gegen den Gegner oder prügelte Mann gegen Mann aufeinander ein. Dafür bot ein Panzer hinreichend Schutz oder war, wenn die Kämpfer gut zusammenspielten, gar eine Art von sicherer Burg, einer mobilen, sozusagen.
Aha. Lassen wir für einen Moment unseren Rüstungsschmied in Frieden und schauen wir in die Historie. Schon die alten Griechen und Römer hatten Rüstungen im Einsatz, zumindest für die Offiziere. Dabei handelte es sich um Panzer für die Brust und Schienen für Arme und Beine. Das Kettenhemd, das vom 2. Jahrhundert v. Chr. an in den Legionen auch für die Mannschaften zur Ausrüstung gehörte, soll von den Kelten entwickelt worden sein. |
| Brustpanzer mit Muskeln |
Beliebt bei den Römern war übrigens, dass die Kämpfer sich das Fell eines wilden Tieres überhängten. Damit sollte, zusätzlich zum passiven Schutz durch die Rüstung, die animalische Kraft der Kreatur auf den Soldaten übergehen. Die muskelbepackten Brustpanzer, wie man sie aus den Asterix-Comics kennt, waren genauso beliebt, dies bei den höheren Rängen oder Feldherrn. |
Wettlauf zwischen Angriffswaffe und Panzerung |
Eine bedeutende Neuerung im Wettlauf zwischen Angriffswaffe und Panzerung gab es um das 11. Jahrhundert, als in Mitteleuropa die Armbrust aufkam. Mit ihr bekamen die Pfeile eine solche Durchschlagskraft, dass Papst Innozenz III. auf dem zweiten Lateralkonzil sich des Themas annahm und die neue Waffe als „mörderisch und unchristlich“ verdammte. Die kirchliche Schlussfolgerung aus dieser Feststellung war aber nur, dass in den Truppen dieses Mordwerkzeug allein gegen Heiden zum Einsatz gebracht werden sollte. |
| Pferde waren so wertvoll, dass es auch für sie Panzer gab |
Irgendwann war man bei der Vollrüstung für den ganzen Körper angekommen. Und irgendwann zog man auch den Pferden eine Panzerung über – schließlich waren die Krieger dazu übergegangen, auch die Tiere zu attackieren und zu Fall zu bringen, um so den Gegner reif für den tödlichen Stoß zu machen. Zuvor hatte man die Vierbeiner geschont, waren sie als Kriegsbeute doch sehr wertvoll. |
 Das Tapul, der spitz ausgezogene Brustpanzer, sollte Stichattacken seitwärts ablenken.
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Allmählich entstand bei den Rüstungen eine Massenproduktion, die früh die Prinzipien der späteren Industrie vorwegnahm. Etwa die arbeitsteilige Fertigung: Die Plattner stellten die Blechplatten nicht mehr selber her, sondern kauften sie in den Hammerwerken. Dieses Vorprodukt trieben sie durch sensibles und penibles Hämmern in die gewünschte Form.
Dann ging das Stück zum Härter, der das Aufkohlen besorgte, anschließend zum Schleifer, der den Harnisch „wischte“, also die Spuren der Hammerschläge beseitigte. Ein Sattler schnitt Lederriemen als Verbindungen zwischen den Einzelteilen zurecht und setzte sie mit Nieten an, und bei komplizierteren Stücken brachte der Schlosser auch noch Scharniere an. Zuletzt trug der Ätzmaler eine Rostschutzschicht auf.
Handelte es sich gar um ein Stück für Repräsentationszwecke, etwa einen Schmuckpanzer, gab brachte der Ätzmaler eine Gestaltung nach der jeweils aktuellen Mode auf. Solche Exemplare waren Kunstwerke und Maßarbeit: Als Muster für die Fertigung diente meist ein Kleidungsstück des Auftraggebers, damit der nicht dauernd zum Anprobieren antraben musste. |
Die Paraderüstungen machten alle Moden mit |
Dieter Schulze macht das alles selbst. Was die Moden der jeweiligen Zeit betrifft, kennt er sich detailliert aus. Denn die Stilrichtungen sind gut dokumentiert, was wiederum exakte Datierungen historischer Stücke erlaubt. Ein paar Beispiele: Um 1530 war die Kleidung der Landsknechte auf die Paraderüstungen übertragen worden, was zu gewaltigen gepufften Armteilen aus Blech führte; nach 1650 war der so genannte gotische Rüstungsstil in Mode, der die damals üblichen Schnabelschuhe im Blech nachformte; wenig später trug man Treter mit verbreiterter Spitze, Kuhmaulschuhe genannt. |
Die Stücke für den Kampf wurden im Zeughaus gelagert |
Weniger modisch ging es bei den Ausstattungen für das Schlachtfeld zu. „Der Landsknecht bekam eine Rüstung, die in Massenproduktion gefertigt, billig eingekauft und zunächst im Zeughaus gelagert worden war“, sagt Dieter Schulze. Das Einkleiden und das Anpassen der Ausstattung verlief bei den Söldnern von damals wohl nicht anders als bei den Wehrpflichtigen von heute. |
 Rosskopf eines Pferdeharnischs des brandenburgischen Kurfürsten um 1560. Gesehen im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam.
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Die Stadt Köln war seit dem Mittelalter ein Zentrum des Metallgewerbes und der Waffenproduktion. Das Stadtmuseum zeigt zahlreiche Rüstungen aus der damaligen Zeit und schreibt über die Rolle der Kriegsgüter für das städtische Exportgeschäft: „Im 17. Jahrhundert erreichte der europaweite Handel mit Waffen und Rüstungen seinen Höhepunkt, als die verschiedenen Parteien des Dreißigjährigen Krieges das neutrale Köln als Nachschubbasis nutzten.“ Heftig muss schon damals die Aufrüstung betrieben worden sein: „1512 bestellte Heinrich VIII. für sein Fußvolk 2000 ... Rüstungen, die in Florenz geschmiedet wurden“, ist bei Wikipedia zu lesen.
Zurück nach Thüringen zu Dieter Schulze. Etwa zwei Monate arbeitet er an einem Dreiviertelharnisch. Pro Jahr fertigt er je nach Auftragslage etwa drei Stück. An einem komplizierteren Teil kann er auch schon mal ein ganzes Jahr lang arbeiten, „allerdings mit Unterbrechungen, weil ich nicht immer nur Hämmern kann, auch wenn es mir noch so viel Spaß macht“. Daneben schmiedet er Schwerter.
Spaß hat er seit seiner Kindheit an der alten Waffentechnik. Damals versuchte er sich „zunächst mit Ofenblech“, wie er, inzwischen aufgetaut und leutselig, erzählt, bis er schließlich die ersten Erzeugnisse auf Trödelmärkten anbieten konnte. Während er Ausbildungen als Zerspaner und in der Forstwirtschaft absolvierte, verfeinerte er sein Wissen über die alte Waffentechnik. Schon zu DDR-Zeiten hatte er sich einen Namen als Experte gemacht. Nach der Wende machte er seine Leidenschaft zum Beruf. |
| Alte Handwerkskunst als Herausforderung |
Eine der Herausforderungen in seinem Job sieht er darin, der Handwerkskunst vergangener Jahrhunderte auf die Spur zu kommen. „Wenn die damals das konnten, kann ich es auch“, lautet sein Motto bei kniffligen Aufgaben. Mitunter muss er lange tüfteln und ausprobieren, bis er einer alten Machart auf die Spur gekommen ist. Soweit es möglich ist, benutzt er die Werkzeuge der damaligen Zeit und auch die damaligen Bearbeitungstechniken. |
Manchen Gepanzerten traf nur der Hitzschlag |
Ein ernsthaftes Gewerbe also, das er da im thüringischen Wald abseits der Hauptstraße betreibt. Und nun lässt er sich auch Anekdoten entlocken, etwa zum Problem der Sonneneinstrahlung: „Im Sommer konnte so ein Vollharnisch sich ganz schön aufheizen“, sagt er und bestätigt damit eine Episode von 1415, als in der Schlacht von Azincourt der Herzog von York wohlgerüstet und gegürtet nicht an Feineinwirkung, sondern an einem Herzkollaps infolge von Überhitzung starb. |
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Übrigens: Auch das Nachbessern einer Rüstung für den Fall, dass der Träger aus der Form geraten war, trieb die Altvorderen um. „So wie heute der Schneider bei teuren Kleidungsstücken eine Naht auftrennt und ein Stück Stoff einsetzt, so wurden damals die Lederschnallen gelöst, um ein Stück Blech einzufügen“, fasst Schulze zusammen. |
Stadtmuseum Köln |
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