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Als die Zeit das Laufen lernte

Mit der Eisenbahn erfanden die Menschen das Zeitsparen als neuen Lebensstil


Kanzelsanduhr von 1711. Sie sollte den Redefluss der protestantischen Prediger auf eine Stunde begrenzen. Im Alltag aber spielte die Uhrenzeit  für die Menschen damals keine
Rolle: Sie standen mit den Hühnern auf und legten sich schlafen, sobald es dunkel wurde.









Das Ereignis, mit dem eine ganze Epoche zu Ende ging, geschah am 26. Oktober 1977 und zwar exakt um 16 Uhr 04. Damals beendete die Deutsche Bundesbahn das Dampflokzeitalter, das mit den regelmäßigen Fahrten des „Adlers“ zwischen Nürnberg und Fürth (Dezember 1835) in Deutschland begonnen hatte. Die Reichsbahn der DDR zog ziemlich exakt elf Jahre später nach.

Es waren die Dampfloks als erste Form der Eisenbahn, die beim Entstehen der Welt von heute Geburtshelfer gewesen waren. Sie haben - zusammen mit der Industrialisierung, die sie erst ermöglichten und von der sie gleichzeitig auch ein Teil waren - nicht nur einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und den modernen Wohlstand gebracht, sondern unter anderem auch den Städtebau radikal verändert und völlig neue Lebensgewohnheiten hervorgebracht, etwa das Pendlertum oder den Massentourismus, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Am prägendsten aber war ihr Einfluss auf das Zeitempfinden der Menschen: War „Nutze die Zeit“ zuvor die allgemein geltende Leitlinie für die Lebensführung gewesen, lautete das Motto fortan „Spare die Zeit“.

Um Zeit zu gewinnen entwickelten die Menschen mit Hilfe der Eisenbahn dreierlei Kulturtechniken: Geschwindigkeit, Gleichzeitigkeit und Pünktlichkeit. Natürlich waren es nicht die Züge allein, die den Bürgern diese Verhaltensweisen beigebrachten. Zu Pünktlichkeit zum Beispiel hatte schon die allgemeine Schulpflicht die Kinder erzogen, und auch die Fabriken hatten seit Generationen die Menschen unter das Diktat der Uhrenzeit gezwungen. Außerdem: Das Leben nach der Uhrenzeit war lange zuvor in den Klöstern des Mittelalters entwickelt worden.
Auf einmal mussten alle
Menschen die Zeit beachten

Neu mit der Eisenbahn aber war, dass von allen Menschen fortan ein zuvor unbekanntes Tempo, eine Verdichtung der Abläufe und ein Beachten selbst kleinster Zeiteinheiten verlangt wurde.
Die Dampfmaschine ließ die Transportleistung förmlich explodieren 
Apropos Geschwindigkeit. Ihr waren über Jahrtausende die Grenzen die Tierkraft gezogen gewesen. Nun ermöglichte die Dampfmaschine auf Schienen eine extreme Beschleunigung des Transports, gleichzeitig auch eine enorme Steigerung der Transportleistung.
Das sich drehende Rad als
Sinnbild der modernen Zeit 

Das sich drehende Rad wurde zu einem Sinnbild der modernen Fabrikzeit in den Städten, und auch auf dem Land lässt sich aus alten Dokumenten ablesen, wie die Dinge das Laufen lernten: So wird in alten Fahrplänen für Lokalzüge immer wieder darauf hingewiesen, dass man mit bestimmten Verbindungen den Weg zu einem Stadtmarkt morgens hin und abends wieder zurück erledigen könne – eine enorme Ersparnis für einen Händler und damit eine Effektivierung seines Warenumschlags.
Zeitmaschine Speisewagen
Apropos Gleichzeitigkeit. Da auf längeren Strecken die Dampfloks zum Wassertanken an einem Bahnhof halten mussten, wurde es alsbald üblich, dies mit einer Mittagspause und einem Restaurantbesuch für die Fahrgäste zu verbinden. Kuriosität am Rande: Küche und Bedienung kamen dem Ansturm häufig nicht nach, so dass mit dem Abfahrtsignal halbvolle Teller auf den Tischen blieben...
 
Alsbald hatte die Bahn jedoch den Speisewagen entwickelt, wenn auch zunächst nur für die besseren Klassen. Hier wurde das Speisen gleichzeitig mit dem Unterwegssein erledigt.

Das Aufeinandertreffen von Bahn
und gemütlichem Landleben war ein beliebtes Thema der Karrikaturisten. Übrigens: Anfangs wurden die Schienen mit Schranken abgesperrt, nicht der Geh- oder Fahrweg!





Viele der Maschinen, die sich heute in unseren Haushalten finden, tragen unter anderem eine Gleichzeitigkeits-Funktion in sich. Die Kaffeemaschine zum Beispiel brüht das Aufwachgetränk, während man die Morgentoilette erledigen kann. Das bringt einen Gewinn zwar von nur wenigen, aber besonders wertvollen Minuten, die man länger im Bett bleiben kann.

Die Waschmaschine hat einen ähnlichen Nutzen, abgesehen davon, dass sie das Wäschewaschen leicht macht. In dieselbe Güterkategorie gehören all jene modernen Produkte, die nur noch die Zeit im Produktnamen haben, etwa die „Fünf-Minuten-Terrine“: Versprochen wird hier eigentlich nur noch Zeitgewinn, wobei allerdings der Begriff der „Terrine“ noch Anklänge an Großmutters Küche hervorrufen soll).

Apropos Pünktlichkeit. Allerlei Kuriositäten aus der Frühzeit der Bahn gibt es hier zu berichten. So stellten die Bahnhofsvorsteher gerne jene Uhr, die zur Stadt zeigte, heimlich vor, damit auch Zuspätkommer noch ihre Züge schafften. Die Vorschriften verboten solche kundenfreundliche Ungenauigkeit dann aber.

Anfangs hatten die Bahngesellschaften bei ihrem Personal noch mit einer heute nicht mehr bekannten Form der Unpünktlichkeit zu kämpfen, nämlich der Verfrühung: Das Abfertigen und Abfahren der Züge vor der Fahrplanzeit muss recht häufig gewesen sein, denn in den Reglements wird es ausführlich behandelt und unter Strafe gestellt.
Die Minute wurde zur
bestimmenden Zeiteinheit

Allmählich wurde die Minute zur bestimmenden Zeiteinheit. Eine Rolle dabei spielte die Armbanduhr, mit der die Zeit dem Menschen buchstäblich auf den Leib rückte. Sie galt zunächst als Symbol dafür, dass ihr Träger sich als moderner Mensch verstand – heute empfindet mancher sie nur noch als eine Art von Handfessel. Übrigens: mit dem Handy hat sich wieder ein Gerät mit Zeitfunktion in unseren Pelz eingenistet; dazu später mehr.
Spott über das Bemühen
um Zeitsparen

Den modernen Lebensstil des Zeitsparens hatten natürlich die Spötter schnell ins Visier genommen. Zur Beschleunigung etwa wurde ein treffender Aphorismus erfunden, demzufolge „unsere Zeit unverkennbar schneller und schneller läuft - schließlich erlebt man ständig, dass die Minute nur noch 60 Sekunden hat“. Stan Nadolny hat sich 1983 in dem Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ der Gegenbewegung gewidmet. Inzwischen gibt es einen Verein zur Verzögerung der Zeit und das Städtebündnis Cittàslow, eine 1999 in Italien gegründete Bewegung zur Entschleunigung und Erhöhung der Lebensqualität.

Spott über den Tempowahn der Schnellzüge: Wie sich der kleine
Pepi den Blitzzug zwischen Wien
und Paris vorstellt
(Fliegende Blätter, Ausschnitt).







Über Pünktlichkeit in Zeiten von Kriegen und Luftangriffen machte sich der tschechische Schriftsteller Bohumil Hrabal in der Kurzgeschichte „Scharf überwachte Züge“ lustig: „Die feindlichen Tiefflieger behinderten den Bahnbetrieb so sehr, dass die Morgenzüge erst mittags fuhren, die Mittagszüge abends und die Abendzüge in der Nacht, und so konnte es geschehen, dass der Nachmittagszug pünktlich auf die Minute nach Fahrplan, eintraf, doch das war dann der Personenzug vom Vormittag, der vier Stunden Verspätung hatte.“

Dem Zeitsparen als solchem, wie es entsteht und wohin es führen kann, widmete sich Michael Ende in „Momo“, der Geschichte von dem kleinen Mädchen beim Kampf gegen die graugefärbten Zeitdiebe.

Spätestens seit „Momo“ ist klar, dass es so einfach mit dem Zeitsparen nicht ist, hat es doch zuvor unbekannte Phänomene in den Alltag eingebracht, welche die eingesparte Zeit gleich wieder auffressen können. Etwa den Rebound-Effekt: danach lässt die zunehmende Schnelligkeit unserer Verkehrsmittel uns keineswegs weniger Zeit in Eisenbahn, Auto oder Flugzeug verbringen - vielmehr haben die zurückgelegten Strecken zugenommen (wir sind mobiler geworden) und gibt es den Stau als rasenden Stillstand.
 Zeitmaschine Waschmaschine

Ähnliches ist im Bezug auf den Zeitspareffekt der Waschmaschine zu beobachten: Unsere Garderobe ist ungleich größer, als es die unserer Vorfahren jemals war. Auch sind die Vorstellungen von Reinlichkeit und Mode heute ausgefeilter als früher.
Wie Zeitsparen gelingen kann
Um Zeitsparen wirklich erfolgreich werden zu lassen, sind deshalb verschiedene Faktoren zu beachten: eingesparte Zeit muss am Stück vorliegen, nicht gestückelt; man muss auch die Verfügungsgewalt haben, wann man die eingesparte Zeit abruft; man muss die eingesparte Zeit planen, sonst zerrinnt sie wie im Vorbeigehen.
Gut' Ding will Weile haben
Für die entwickelte Konsumgesellschaft gilt die uralte Weisheit, dass gut' Ding Weile haben will: Vor einer Kaufentscheidung sollte man nicht allein das Preis-Leistungs-Verhältnis überprüfen, sondern sich auch fragen, ob man hinreichend Zeit für ein bewusstes und genussvolles Konsumieren des haben wird. Wenn die Antwort Nein ist, macht ein Kauf keinen Sinn, selbst wenn der Preis stimmt und man hinreichend Interesse hat. Der einzige Lustgewinn, den man andernfalls gewinnen könnte, wäre der Spaß am Geldausgeben.
 
„Adler“ (Nachbau) neben ICE im DB-Museum, Nürnberg.



Computer und Internet geben dem Zeitsparen einen neuen Schub, indem Alltagsgeschäfte sich von zuhause aus schnell und zu jeder Zeit erledigen lassen. Auch hat das weltweite Netz die Informationsbeschaffung enorm erleichtert; allerdings nimmt nun auch die Menge an Information zu, die wir vernünftigerweise vorbereitend beim Kauf auswerten sollten.

Eine ganz neue Komponente hat das Handy in den Alltag eingebracht, nämlich das Verfügbarsein rund um die Uhr. Mit SMS (und E-Mail) können nicht nur blitzschnell Informationen ausgetauscht werden. Permanent besteht auch die Möglichkeit, den Kontaktpartner oder den Mitarbeiter anzuklingeln. Aus dem ehemals betulichen Anrufen ist heutzutage ein permanentes Aufrufen geworden. Im Brasilianischen trägt die SMS den hübschen Begriff „torpedinho“ – kleiner Torpedo.
Kinder müssen lernen, mit
Zeit umzugehen

Vielleicht, dass wir in Zeiten entwickelten Zeitsparens unseren Kindern den Umgang mit den maximal 24 Stunden, die der Tag hat, gezielt beibringen müssen. Robert Levine weist in seinem Buch „Eine Landkarte der Zeit“ darauf hin, dass die Probleme von Kindern der Unterschicht in den USA vielfach auf Unwissenheit über das Strukturieren von Zeitabläufen basierten: Da die Eltern nicht zur Arbeit gehen und auch nicht zu bestimmten Zeiten zurückkommen, würden diese Kinder einfachste Zeitroutinen nicht erlernen; Anweisungen wie „Räum dein Zimmer auf, bevor du Fernsehen schauen darfst“ gebe es nicht, weil sich niemand um sie kümmere und außerdem der Fernseher permanent laufe.
Unterschichten-Kinder kennen
keine Zeitraster

Wenn diese Kinder dann aber in die Schule kämen, würden sie plötzlich mit einem Übermaß an zeitlichen Regelungen konfrontiert, so Levine: Sie würden zum Beispiel aufgefordert zu malen, und gerade dann, wenn sie vielleicht nach Anlaufschwierigkeiten wirklich loslegen wollten, nehme man ihnen das Blatt weg und sage, dass nun Pause sei und sie etwas essen sollten. „Die Verwirrung und Frustration, die diese Kinder erleben, führt häufig dazu, dass sie rebellieren oder sich zurückziehen“, schreibt der Autor.
 
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Dauerausstellung „Speisen auf Reisen“ im Deutschen Technik Museum, Berlin
„Tempo“ war Thema des Studienpreises der Körberstiftung
Zeitsoziologie