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„Vaterländisches“ Material

Gusseiserner Schmuck war einmal ein Exportschlager Preußens und Berlins


Gusseiserne Rahmen für die Uhr
oder für Personenportraits waren im 19. Jahrhundert sehr beliebt.

Nur 70 Jahre lang hatte sie Bestand und doch wirkte sie entscheidend mit am Aufstieg Preußens zu einer Industriemetropole, und berühmt in ganz Europa war für eine Weile ihr „Fer de Berlin“ (Berliner Eisen). Dabei waren die Ausgangsbedingungen für die Königliche Eisengießerei zu Berlin, von der hier die Rede sein soll, eigentlich denkbar ungünstig, zumindest was die Umstände und was ihren Standort anging. Denn die Rohstoffe, die man für den Betrieb brauchte, nämlich Roheisen und Kohle, gab es weit und breit in der Mark nicht hinreichender Menge.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Situation in Preußen um 1800. War das Königreich unter Friedrich dem Großen ein vergleichsweise moderner Staat gewesen, fiel es nach dessen Tod 1786 in Erstarrung. Den neuen Denkansätzen der französischen Revolution drei Jahre später standen große Teile der Elite in Berlin nur irritiert gegenüber.
In Preußen standen um 1800
Reformen aus

Aufgeklärte Kreise hingegen forderten immer lauter Reformen. In wirtschaftlicher Hinsicht wollten sie England und seine Industrialisierung als Vorbild nehmen und Adam Smiths Liberalismus an die Stelle des althergebrachten staatlichen Protektionismus’ treten lassen. Einer der Modernisierer war Freiherr vom Stein, der 1786/7 durch England reiste, um dort Näheres über den Stand der Dinge in der Eisenindustrie zu erfahren.
Bemühungen um das Know-how
von Englands Industrie

Allerdings wollten die Reformen in Preußen nicht so leicht gelingen. So blitzte von Stein bei seinen Spionageversuchen in den Fabriken ab, so dass er schließlich die Reise als „ein verlorenes Jahr“ bezeichnete. Der Grund für den Misserfolg war, dass das Inselreich etwa von 1750 an keine ausländischen Besucher mehr in die Werke ließ und auch die Abwerbung seiner Fachleute für den Kontinent unter Strafe gestellt hatte.
Oberschlesien hatte den ersten
Kokshochofen auf dem Kontinent

Zum Ende des Jahrhunderts aber gelang der Technologie-Transfer, vulgo: der Know-how-Klau, dann doch. 1796 ging in Gleiwitz der erste Kokshochofen auf dem europäischen Kontinent in Betrieb. Der Ort, heute Gliwice in Südpolen, war damals das Industriezentrum Preußens in Oberschlesien mit reichlichen Kohlevorkommen und auch Eisenerz.
 
Damit nun, und hier kommen wir auf Berlin und die zu noch zu gründende Königliche Eisengießerei zurück, änderten sich für diese die Bedingungen schlagartig. Denn nun konnte man billig und schnell Roheisen und Kohle über die Oder und Kanäle in die Hauptstadt an der Spree schaffen.
Schmuck mit Gießkanälen.


Plötzlich hatte der eigentlich für eine Eisenindustrie wenig interessante Standort sogar eindeutige Vorteile: Zum einen finde man in Berlin hinreichend „taugliche“ Arbeiter, schrieb ein Minister, und außerdem gebe es in der Stadt eine Nachfrage nach den Produkten der Gießerei, nämlich „einen Begehr nach kleinen und feinen Gußwaaren“. Dass die Stadtbürger solche Güter tatsächlich schätzten, hatten die Kundschafter in London, Paris und St. Petersburg in Erfahrung gebracht.

1804 wurde die Berliner Gießerei in Betrieb genommen. Und natürlich, sind wir doch in Preußen, stand sie gleich in den Diensten des Militärs und produzierte reichlich Kanonen und Munition, dies vor allem 1813-1815 für die Befreiungskriege gegen Napoleon und später für die Einigungskriege 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich.
Die Königliche Gießerei war Innovationszentrum
Daneben fungierte sie aber auch als Innovationszentrum und als Agitator für die Modernisierung. So wurde 1816/17 ihr Produktmagazin als Musterbau in Sachen Gusseisen errichtet, in dem, neu für Preußen, eiserne Bögen und Balken die Decke des Erdgeschosses trugen. Neuheit war auch, dass eine Treppe, mehrere Fenster, sogar die Dachziegel und noch einiges mehr aus dem Material waren.
Ausbildung von Fachleuten 
Neben der Ausbildung von Fachleuten, die der Wirtschaft zur Verfügung standen, erstellte die Königliche Gießerei Musterbücher für gusseiserne Haushaltsgegenstände, die, mit Emaille verfeinert, schnell reißenden Absatz und allerorten Nachahmer fanden: vom Gartenzaun bis hin zur Suppenterrine wurde eigentlich alles hergestellt.
Gefälliges Design
bei Alltagsgegenständen

Damit nicht genug: für die Landwirtschaft lieferte die Gießerei komplette Stalleinrichtungen, und unter „Bausachen“ rangierten in den Produktlisten Treppen, Säulen, Pfeiler, Radabweiser, Fenster, Gitter, Beschlagteile und vieles mehr. Indem standardisierte Einzelteile kombiniert werden konnten, erreichte man Vielfalt zu niedrigen Kosten. Berühmt war die Kombination aus ansprechender Gestaltung, also Design, und Nutzbarkeit.
Weitere Betriebe siedelten sich an..,
Parallel modernisierte sich der Staat durch die Stein-Hardenbergschen Reformen. Und die wirtschaftliche Blüte, die seit 1838, augelöst auch durch die Berlin-Potsdamer-Eisenbahn, einsetzte, gab den Reformern recht. So siedelten sich in der Gegend um den königlichen Betrieb Gießereien und Weiterverarbeiter an, namentlich die Maschinenbauer Borsig, Schwartzkopff und Egells. Sie entwickelten Lokomotiven (an denen des Königs Fachleute zuvor gescheitert waren), erdachten im Brückenboom in den Zwanzigern neuartige Konstruktionen, oder ließen die Öfen glühen, um die Gussrohre für die Gasversorgung herzustellen.
... so dass die Berliner fortan
von ihrem „Feuerland“ sprachen 

Die Gegend hieß bei den Berlinern alsbald nur noch „Feuerland“, und die „Erziehung zur Industrie“, die der Gewerbeförderer Peter Christian Wilhelm Beuth 1817 zu einem seiner Ziele erklärt hatte, trug schnelle Früchte.

Warwick-Schalen aus Gusseisen
fanden im 19. Jahrhundert reiche Nachfrage.



Während so ziemlich alle Produkte der Gießerei aus diesen Alltags-Sparten verloren gegangen sind, da sie, wenn neue Moden oder bessere Materialien aufkamen, eingeschmolzen wurden, sind von den künstlerischen Stücken viele erhalten geblieben. Denn sie erreichten einen hohen gestalterischen Rang und wurden als filigranes „Berliner Eisen“ („Fer de Berlin“) europaweit zu einem Exportschlager. Dass, anders als über Jahrtausende zuvor, plötzlich Eisen als Material für Schmuck hoch geschätzt wurde, hängt mit dem Zeitgeist zusammen und mit einer PR-Kampagne.

Als nämlich Napoleon Europa beherrschte, hatten die Bürger Preußens und anderswo plötzlich ihren Hang zu „vaterländischen“ Materialien, so der Begriff damals, entdeckt. Dazu gehörten Findlinge aus Granit, die auf den Feldern herumlagen (die für Beständigkeit standen), Backstein aus heimischem Ton gebrannt (der als „preußischer Marmor“ tituliert wurde) sowie Gusseisen und anderes mehr.
Gusseisen wurde
patriotisch überhöht

Eisen als eines der Materialien dieser Bewegung wurde von 1813 an regelrecht überhöht: Am 17. März jenes Jahres, einen Tag nach der Kriegserklärung Preußens an Napoleon, stiftete Friedrich Wilhelm III. das Eiserne Kreuz. Es sollte an Personen verliehen werden, die im Kampf um die Freiheit und Selbstständigkeit des Vaterlands außerordentliche Verdienste erworben hatten, und zwar ausschließlich in den Befreiungskriegen. Friedrich Schinkel kreierte das Ehrenzeichen basierend auf einer Ideenskizze des Königs.
Kampagne „Gold gab ich für Eisen“
Gleichzeitig hatte Marianne von Preußen bei den preußischen Frauen Stimmung gegen Napoleon gemacht. Im „Aufruf der königlichen Prinzessinnen an die Frauen im preußischen Staate“ forderte sie deren Beteiligung an der Männersache Befreiung von der Fremdherrschaft, dies indem die Damen ihre Schmucksachen dem Staat schenken sollten. „Gold gab ich für Eisen“ war der Slogan der populären Kampagne.
Für den Ersten Weltkrieg wurde
die Kampagne wiederbelebt

Dazu schreibt Elisabeth Bartel vom Stadtmuseum Berlin, die mehrere Ausstellungen zum Thema organisiert hat, dass es seltsamerweise kaum Bilder von adligen Damen oder Frauen aus der Königsfamilie mit solchem Zierrat gibt: „Dem Volk hatte man weismachen können, Eisen als vaterländische Pflicht zu tragen, und das wenige Gold, das in ihrem Besitz war, dafür zu opfern“, konstatiert sie in einem Ausstellungskatalog. Übrigens: Im Ersten Weltkrieg wurde die Kampagne wiederbelebt; diesmal lautete der Slogan „Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr“. Das Eiserne Kreuz war inzwischen zu einem Symbol für deutschen Militarismus geworden.

Grabmalgestaltung in Eisenkunstguss auf dem Garnisonfriedhof in Berlin-Mitte.









In einer wahren Schwemme an  Gedenkstätten verbreiteten sich die Arbeiten der Königlichen Gießerei über das Land und verbreiteten den nationalen und Freiheitsgedanken. Höhepunkt war das „Volksdenkmal für die Befreiungskriege auf dem Tempelhofer Berg“, das Friedrich Schinkel schuf und das noch heute auf der in Kreuzberg umbenannten Erhöhung zu bewundern ist.

Imagefördernd für die Produkte der Gießerei war auch, dass der König zum Jahreswechsel besonders sorgfältig bearbeitete Stücke als Geschenk bekam, und dass er seinerseits gerne Staatspräsente an andere Herrscher bei seinen Gießern in Auftrag gab.

1874, also nach 70 Jahren, aber war der Betrieb an der heutigen Invalidenstraße schon wieder eingestellt. Das Eisengießen sei unrentabel geworden, berichten die Chronisten, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass das Schmiedeeisen den gusseisernen Bruder in den Hintergrund gedrängt hatte und dass bei den Künstlern der Bronzeguss wieder an die erste Stelle getreten war. Gold, Silber und Edelsteine standen bei den Schmuckmaterialien wie Jahrtausende lang wieder an erster Stelle, dies nicht zuletzt deshalb, weil Eisen für den Kontakt mit der nackten Haut sehr viel mehr Pflege verlangt.
Heute residiert dort das Bundesverkehrsministeruim
Wo sich von 1804 bis 1874 die Königliche Eisengießerei befand, residiert heute das Bundesverkehrsministerium in einem repräsentativen Bau, der schon 1875 für die Königliche Geologische Landesanstalt und Bergakademie errichtet worden war.
 
Drei Orte erinnern dort an des Königs Gießerei: in der Eingangshalle des Ministeriums befinden sich der schlafende und der wachende Löwe aus königlichem Betrieb, die Christian Daniel Rauch für die Pariser Weltausstellung 1867 gießen ließ; links neben dem Gebäude beschreibt eine Tafel das „Feuerland“; gegenüber auf dem Platz vor dem Neuen Tor gibt es ein paar Pflanzkübel aus Eisen mit einem Hinweisschild.
Ausstellung „Eiserne Zeiten. Ein Kapitel der Berliner Industriegeschichte“ im Stadtmuseum Berlin, bis zum 2. März 2008  


LINKS:
Eisenkunstguss im Berliner Stadtmuseum
Stadtführungen durch das Berliner „Feuerland“
(12, 3)