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Metall als MedizinEisen und Stahl wurden einst bei Krankheiten oder Unpässlichkeiten gern verabreicht
Gesundheit war nach Paracelsus dann erreicht, wenn die drei „Prinzipien“ Mercurius, Sulfur und Sal sich im Gleichgewicht befanden. Symbolisch steht auf diesem Bild aus „De lapide philosophico“ von 1625 der Hirsch für Mercurius, das Einhorn für Sulfur und der umgebende Wald für Sal.
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(Januar 2008) Um es gleich klarzustellen: Die Sache mit den Unmengen an Eisen im Spinat ist unwahr. Das will der Berichterstatter hier einmal klar herausstellen, auch als späte Genugtuung in eigener Sache, hatte man ihm als Kind doch mit dem labbrig gekochten Grünzeug übel mitgespielt.
Zwar ist im Spinat tatsächlich Eisen enthalten (exakt sind es 3,5 Milligramm pro 100 Gramm, was für Gemüse recht normal ist). Allerdings gilt das für das getrocknete Grünzeug. Weil aber diese Zahl aus Unachtsamkeit auf frischen Spinat übertragen wurde, wo aufgrund des hohen Wasseranteils die Verhältnisse ganz anders aussehen, waren jene sagenhaften 35 Milligramm errechnet worden, die Mütter dazu brachten, wohlmeinend ihren Kindern die grüne Pampe aufzuzwingen.
Andererseits aber auch schade, dass der Unfug zu einem Ende gekommen ist. Denn der Comic-Held Popeye den der Berichterstatter als Halbwüchsiger so liebte, wäre ohne den Spinat-Mythos nicht möglich gewesen. Wir erinnern uns: Der knarzige Seemann mit der Pfeife brauchte nur eine Büchse „Spinach“ zu leeren, und schon platzten seine Oberarmmuskeln schier vor Kraft, und für die Bösewichte setzte es was. |
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Eisen spielt im menschlichen Organismus tatsächlich eine wichtige Rolle. Als Spurenelement ist sein Vorkommen allerdings minimal: ein Mensch von etwa 70 kg hat etwa vier Gramm Eisen in sich. Das meiste davon findet sich im Hämoglobin, das dem Blut seine Farbe gibt und das den Sauerstoff transportiert. Übrigens: Bei den Tieren mit blauem Blut, etwa Tintenfischen, Schnecken und Spinnen, hat eine Kupferverbindung diese Funktion inne.
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| Nachwachsendes Eisen |
Die Altvorderen meinten, dem Eisen müsse etwas Lebendiges innewohnen. So heißt es 1615 in der Schrift „Ein nützlich und lustig Gespräche von Stahl und Eisen“, dass es auf der Insel Sardinien einen Ort gäbe, wo man Eisenerz abbaue, das immer wieder nachwachse. Ähnliches gäbe es auf Zypern, wo Eisenspäne gar auf den Äckern ausgesät und mit Wasser begossen würden, worauf sie „wunderlicher Weise wachsen“ und zur Ernte „eingesammelt werden“. |
Raseneisenstein erneuert sich immer wieder |
Dass so etwas nicht nur in den Ländern des Mittelmeers, sondern auch hierzulande vorkomme, belegt der Autor jenes Büchleins mit Verweis auf den Raseneisenstein, „welcher unter dem Rasen gegraben wird, dass er in zehen Jahren wieder wächset.“ Tatsächlich erneuern sich diese Eisenbrocken über größere Zeiträume wieder. Das kommt dadurch, dass das Eisen mit dem Grundwasser aus tieferen Erdschichten aufsteigt, an der Oberfläche ausfällt und so den Eisenstein als bröckelige Erde oder auch als festes Gestein entstehen lässt. |
 Zahnarzt bei der Behandlung eines Patienten (Ausschnitt), Lucas van Leyen, 1523 Rijksmuseum, Amsterdam.
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Es waren die Alchemisten, die Eisen als Mittel in die Medizin holten. Denn nach ihrer Weltsicht sollte jedes Material einen typischen Charakter haben, der wiederum über die medizinischen Wirkmöglichkeiten des Stoffes entscheide. Dem Eisen, so heißt es in dem Büchlein von 1615, wohne ein „hitziges Temperament“ inne, weil es aus Schwefel und Quecksilber entstehe.
Daraus wiederum folgt nach alchemistischer Sicht, dass Eisen zweierlei Energie in sich trägt: von Seiten des Schwefels die innere Wärme und vom Quecksilber die Kälte. Allerdings sei es wohl „der Wärme näher denn der Kälte“, mutmaßt der Text, der auf eine Schrift des einst renommierten spanischen Arztes Nikolás Monardes (1493-1588) zurückgeht.
Von dieser Feststellung ausgehend werden in dem Büchlein die therapeutischen Möglichkeiten einer Eisenmedizin abgeleitet: Einerseits könne sie „erwärmen, verzehren, trocknen, öffnen, stärken, Appetit zum Essen und andere wunderliche Sachen mehr“ auslösen. Andererseits habe das Metall auch die Kraft „zu kälten, zu gerinnen oder zu gelieffern, dicke zu machen, zusammen zu ziehen, allerlei Flüssen zu wehren, Hitze zu temperieren und sonsten aufzurichten, was andere kalte Sachen zu tun pflegen“.
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| Als Getränk einnehmen |
Wo sich ein berühmter Fachmann wie Monardes so positiv zur Eisenmedizin geäußert hatte, blieb für die Zeitgenossen eigentlich nur noch die Frage, wie man das Mittel denn nun einnehmen solle. Über Jahrhunderte propagierten die diensttuenden Ärzte zwei Anwendungen: das Metall in Form von „gestähltem Wasser“ zu trinken, oder daraus ein Pulver herzustellen und dieses einzunehmen.
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„Gestähltes Wasser“
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Die Methode mit dem „gestählten Wasser“ beschreiben noch die Gebrüder Grimm um 1860 in ihrem Wörterbuch: Man lege Stahl für eine Weile in Wasser oder Wein oder lösche ihn glühend damit ab; die Flüssigkeit trinke man. „Bekompt nützlich der schwacheit desz magens, und des miltzes“, heißt es. Ein Bad im Stahlwasser diene „zur Stärkung des leibes“. Damit heutige Nachahmer im Selbstversuch diese Rezepturen nicht durcheinander bringen, sei darauf hingewiesen, dass früher Eisen und Stahl als zwei unterschiedliche Metalle angesehen wurden. |
Eisenmedizin in Pulverform
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Auch wie man zur Eisenmedizin in Pulverform kommt, beschreibt unser Büchlein von 1615: Eisenspäne, die man mit der Feile gewonnen habe, gebe der erfahrene Medizinmann in ein Gefäß, „gieß’ scharfen Essig drauf, stopfe es zu, setze es an einen sichern Ort, lass 30 oder zum wenigstens 27 Tage stehen. Nach diesem tue es heraus, so hat es eine Kupferfarbe bekommen, lass trocknen, reib’s zu Staube und heb’s auf zum Gebrauch.“ |
| „Verdeckt halten bis faulet“ |
Noch andere Methoden beschreibt das Büchlein. Man könne Eisenpulver auch aus süßem Wasser waschen, heißt es, durch ein Tuch sieben, in ein sauberes Gefäß tun, darin „verdeckt zu halten bis faulet, darnach waschen’s und heben’s auf“. Als Alternativen zu Essig oder süßem Wasser kämen Ziegenmilch, Molke oder süßes Mandelöl in Frage, schreibt der Autor weiter und verweist auf Fachkollegen, die es ausprobiert hätten. |
| Feine Späne abfeilen |
Die ihm liebste Methode teilt er ebenfalls mit: Er feile Späne „aufs kleinste“ ab, wasche sie mehrmals in Wasser, tue sie in einen Topf und gieße weißen Weinessig darauf, „dass es wie ein Teig untereinander gerührt werde“, verschließe das Ganze und lasse es 30 Tage stehen, wobei er es alle acht Tage ein wenig umrühre und gegebenenfalls etwas Essig nachgieße. Danach sei es „calciniert worden“, und er breite es zum Trocknen auf einem Tuch im Schatten aus, zerstoße es mit einem eisernen Mörser und siebe es zweimal durch, „bis kein Bröcklein mehr zwischen den Fingern empfunden wird“.
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 Peter Bruegel, Stich von 1556/7: „Das Herausschneiden des Steins der Tollheit“, satirische Darstellung der mittelalterlichen Quacksalberei, (Ausschnitt). Bibliothèque Royale Albert I.
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Klar, dass in unserem Büchlein auch die zu solcher Medizin passenden Krankheiten behandelt werden. Für den schwächelnden Magen eine Stärkung sei ein „halbes Quentel“ Stahlpulver „mit Rosenzucker gemischt, nüchtern gebraucht“, auch „verzehre es die übrgen Feuchtigkeiten darinnen, wehret aller Fäulnis, macht Lust zur Speise, stärket die innerlichen gliedmaßen, sonderlich die Leber und Miltz, mit Spezereien vermischt gibt es dem verblichenen Antlitz seine natürliche Farbe wieder“.
Und einer Personengruppe tue die Metallmedizin besonders gut: „Insonderheit aber dienet dies Pulver den Weibspersonen, welche gemeiniglich Verstopfungen haben... denn es öffnet allenthalben sehr wohl.“ Insgesamt greife es positiv in den Körper ein, „reiniget die Mutter und bereitet dieselbe zur Empfängnis“.
Wenn wir nun schon so weit gekommen sind, dürfen natürlich kosmetische Anwendungen nicht fehlen. Wir lesen: „Die Weiber... nehmen ein neues eisernes Pfännlein, lassen es glühen, darnach haben sie weißen Wein im Munde, sprützen denselben in das glühende Pfännlein so lang bis es auslösche, bedecken das Angesicht mit einem Tuch und lassen also den warmen Brodem ins Angesichte geben. Darnach glühen sie solch Pfännlein wiederumb, streuen gestoßenen Myrrhen darein und lassen den Dampf ebener Maßen ins bedeckte Angesicht gehen, legen sich also bedeckt zu Bette: Auf solche Weise alle acht Tage einmal gebrauchet, behalten sie das Angesicht ohne Runtzel, dass sie hernach im Alter junghaft aussehen.“ |
| Zuber als Sauna |
Für beiderlei Geschlechter wird der Zuber als eine Art Sauna empfohlen: In ihm soll man glühende Eisenluppe mit Wasser übergießen, dies derart, dass oben aus dem Zuber der Kopf des Badenden herausschaut, „dass er den Dampf nicht empfinde, und lassen den gantzen Leib wohl schwitzen“. |
| Eisen im OP von heute |
Wir sehen: Damals wie heute kommt die Menschheit um Eisen im Behandlungszimmer nicht herum, und sei es heutzutage auch nur in modernen Formen wie Tupferhaltern oder Klemmscheren. Manchmal werden dabei auch im OP recht starke Dosen an Metallmedizin verabreicht, etwa wenn Nägel, Klammern und Schrauben aus Edelstahl in den Körper eingesetzt werden oder wenn Scheren dort unabsichtlich verbleiben. |
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Übrigens: Erfreulich zu hören war in Zeiten der Pisa-Tests, dass Eisen auch schlau macht. Bereits ein leichter Eisenmangel könne die Gedächtnisleistung beeinträchtigen, heißt es in der Zeitschrift „Stil“ (3/2004) der Salzgitter AG. Das habe eine US-Studie ergeben, bei der junge Frauen über 16 Wochen hinweg 60 Milligramm Eisen als Nahrungsergänzung zu sich genommen hatten. Verbessert hätten sich Kurz- und Langzeitgedächtnis sowie die Aufmerksamkeit. |
| Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité zeigt zahlreiche, teils gruselige Exponate aus Rudolf Virchows Sammlungen an Krankheiten und Missbildungen, von denen manche aus einem Mangel an Spurenelementen resultieren. |
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