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Clickety-clack

Die Schreibmaschine hat die Welt verändert und ist schon wieder Geschichte


Blick in das Deutsche Schreibmaschinenmuseum in Bayreuth.







(März 2008) Wissen Sie, lieber Leser am Bildschirm, noch was Kohlepapier ist? Und eine Schreibmaschine, haben Sie auf so etwas schon mal geschrieben?

Massenweise gab es im 20. Jahrhundert mechanische Schreibmaschinen, die, nach außen ganz unscheinbar und mit ihren Tasten und Typenkränzen eher abweisend, in ihrem Inneren doch mechanische Wunderwerke aus Stahl waren und die von 1850 an mithalfen, dass das Industriezeitalter ins Laufen kam.

Auffallend waren sie allenfalls wegen des Lärms, den sie machten: da konnte dem Nachbarn in der Wohnung untendrunter schon mal quasi die Decke auf den Kopf fallen, wenn obendrüber der Student auf dem Weg zur Semesterarbeit stundenlang in die Maschine hämmerte. Nicht zu verfehlen war ehemals der Weg zu den Schreibstuben der Handelsfirmen: man musste über die Fluren nur in Richtung des clickety-clack gehen, wie es die englische Sprache sehr schön lautmalerisch beschreibt.
Urmodell aus Holz
Der Lärm war dem Stahl der Hebel geschuldet, die in dieser menschengetriebenen Maschine unablässig die Typen auf die Walze mit dem Papier schlugen, um sofort und von selbst wieder in die Ausgangsposition zurückzufallen. Dabei war die erste Schreibmaschine, die diesen Namen verdient, nicht aus Metall, sondern aus Holz gebaut.
Vorläufer gehen bis vor
das Jahr 1800 zurück 

Vorläufer gehen bis vor das Jahr 1800 zurück. Von manchen ist nicht mehr bekannt, als dass es sie gab; von anderen weiß man schon mehr, etwa dass ihre Mechanik so kompliziert war, dass jemand, der mit der Hand schrieb, viel schneller war. Wobei hier noch nicht einmal von Stenografie, sondern von ganz normaler Schönschrift die Rede ist.
Weltweite Bemühungen...

1861 konstruierte der brasilianische Priester Francisco de Azevedo eine Maschine zum Schreiben, über die Technikgeschichtler außerhalb Südamerikas die Nase rümpfen. In Europa baute drei Jahre später der Österreicher Peter Mitterhofer eine Schreibmaschine ganz aus Holz. Sie ging zwar nie in Serie, hatte aber schon große Gemeinsamkeiten mit den heutigen Geräten. Wenig später kam der Däne Rasmus Malling Hansen mit einem Modell heraus, das 1870 in Produktion ging. Auf den Weltausstellungen in Wien 1873 und Paris 1879 bekam er Goldmedaillen dafür.
... führen zu 52 voneinander unabhängigen Erfindungen
Solch eine Maschine zu bauen lag offenbar damals in der Luft, denn Historiker haben insgesamt 52 voneinander unabhängige Erfindungen der Maschine fürs Schreiben gezählt. Denn seit die Eisenbahn und das Fließband erfunden worden waren, hatte die Warenproduktion einen nie gekannten Aufschwung genommen, bei dem die Buchhalter in den staubigen Comptoirs mit ihren dicken, handgeschriebenen Wälzern nicht mehr mithalten konnten. Statt dass an Stehpulten – übrigens – Männer in penibler Handschrift Zahlenkolonnen in Tabellen eintrugen, brauchte man nun schnelle Tipper für eilige Korrespondenzen und termingebundene Rechnungen.
Zeit ist Geld
Denn Zeit war Geld geworden, und die Einhaltung von Terminen etwa beim Zahlungsziel konnte geldwerte Vorteile bringen.
Erfolgsmodell Sholes-Glidden 
Die USA waren dabei, sich zur führenden Wirtschaftsmacht zu entwickeln, und alsbald spielten sie die erste Geige auf dem Markt für Schreibmaschinen. Ein frühes Erfolgsmodell war die Sholes-Glidden, die in einer Nähmaschinenfabrik hergestellt wurde. „Beim dem Modell von 1874 diente das Pedal der Nähmaschine zum Auslösen des Wagenrücklaufs und Zeilenvorschubs“, sagt Hans Gebhardt vom Deutschen Schreibmaschinenmuseum in Bayreuth. In der Wagnerstadt können Besucher anhand von mehr als 200 Exponaten die Entwicklung der Schreibmaschine von 1874 bis heute nacherleben.
 
Die älteste Schreibmaschine in Eisen: Sholes-Glidden im Deutschen Schreibmaschinenmuseum.





Das Patent der Sholes-Glidden wurde später an Remington verkauft. Underwood war ein anderer großer Player in dem Geschäft, und damit sind wir in jener Epoche angekommen, als in Manhattan die ersten Bürohochhäuser in die Höhe wuchsen, in denen, vor der Erfindung des Aufzugs, die Etagen für die Chefs zu ebener Erde lagen und die Hammerwerke der schreibenden Truppen sich, entsprechend dem Status und der Bezahlung der meist weiblichen Beschäftigten, in den oberen Geschossen befanden.

Während viele der frühen Maschinentypen schon über eine Tastatur verfügten, bei der sich früh die heutige Anordnung der Buchstaben durchsetzte, litten sie noch an einer Schwäche, dem so genannten Unteraufschlag: Die Typen schlugen von unten gegen das Papier, so dass das Geschriebene nicht gleich zu sehen und zu lesen war, sondern es erst nach oben kam, wenn die Walze sich ein paar Zeilen weitergedreht hatte.

Schwierigkeiten hatten die Konstrukteure auch lange damit, ein schnelles Rückfallen der Tasten zu erreichen. Das aber blieb die Voraussetzung für wirklich schnelles Schreiben, da sich andernfalls die Hebel miteinander verheddern.
Oberaufschlag perfektioniert
die Konstruktion

Um 1920 war mit dem Oberaufschlag die Konstruktion perfektioniert. Schon 1902 hatte es einen elektrischen Antrieb gegeben, der jedoch nicht in ein Produkt gegossen worden war, und 1921 kamen die deutschen Mercedes-Werke mit ihrer legendären „Mercedes Elektra“ auf den Markt, die sich zwar gut verkaufte, aber keineswegs die Branche aufmischte. Lag das daran, dass an den Schreibmaschinen Frauen arbeiteten, deren Arbeitsbedingungen den männlichen Chefs gleichgültig waren?

Unverwüstlich mit Tasten aus Bakelit: Adler von 1951 im Deutschen Schreibmaschinenmuseum.


Der elektrische Antrieb setzte sich erst nach den 1960ern durch, und zwar als Innovation aus den USA mit den Kugelkopfmaschinen der Firma IBM. Sie waren zwar, wenn sie auch weniger stampften, keineswegs wirklich leiser als ihre mechanischen Vorgänger, brachten aber andere Verbesserungen: das Anschlagen war nun wirklich nur noch ein Antippen der Tasten, es gab ein Korrekturband, so dass sich Tippfehler einfach und ohne große Unterbrechungen im Schreibfluss ausmerzen ließen, und der Kugelkopf, etwa in der Größe eines Golfballs, konnte mit wenigen Handgriffen ausgewechselt werden. Folglich ließ sich das Schriftbild gestalten, indem man unterschiedliche Schrifttypen einsetzte - fortan legten die Gelegenheitsautoren wie etwa unser oben genannter Student bei seiner Abschlussarbeit nicht mehr nur Wert auf Inhalt und Form, sondern auch auf Gestaltung – Design zog einmal mehr in den Alltag ein.
Elektronische Maschinen
Der nächste Schritt wenige Jahre später waren die elektronischen Maschinen. Sie tippten mit Typenrädern und hatten vor allem einen internen Speicher mit Memory-Leiste, auf der das Geschriebene zu lesen und zu korrigieren war. Hier begann sich schon das Virtuelle des kommenden Computerzeitalters abzuzeichnen, das sich zum Beispiel in einer Entkoppelung von Ursache und Wirkung zeigt: an den elektronischen Maschinen tippte man und es tat sich zunächst nichts, bis die Maschine plötzlich loslegte und den Text wie besessen aufs Papier hämmerte.
Computer
Beim Computer geht das noch weiter: Bei ihm ist das Drucken auf ein separates Gerät ausgelagert, der wie ein stummer Diener auf den Befehl zum Loslegen wartet. Bekommt er ihn nicht, bleibt alle Information digital – das gab es bei der Schreibmaschine nicht.
Beschleunigung der Kommunikation
Gewiss: Die Schreibmaschine hat die Welt verändert. Erstens half sie mit bei der Beschleunigung der Kommunikation, ohne die die Industrialisierung anders verlaufen wäre. Zweitens bot sie in der Stadt den jungen Frauen aus ärmerer Herkunft, denen zuvor nur die Arbeit als Dienstmädchen blieb, die Möglichkeit zu einer Tätigkeit im Büro. Eine Volkszählung in den USA vom Jahr 1910 ergab, dass 81 Prozent der Schreibkräfte in den Büros Frauen waren.
Schnelle Anschläge,
geringe Fehlerzahl

Später entstand mit den Datentypistinnen ein Berufsfeld, in dem es um nichts als um schnelle Anschläge bei minimaler Fehlerzahl ging: Diese Tippsen geben Zahlenkolonnen etwa von Scheckeinreichungen mit Bankleitzahlen, Kontonummer, Zahlungsbeträgen und Vermerken des Absenders ein.
Verschlüsselungsgeräte 
Hatten die Schwerverbrecher die Schreibmaschine alsbald als ideales Kommunikationsmittel entdeckt, legten die Kriminalisten schnell nach und ermittelten, dass jede Maschine identifizierbar ist und genauso jede Person ihren individuellen Anschlag hat. Ein Sonderfall der Schreibmaschine waren die Verschlüsselungsapparate, die für die militärische Kommunikation der Truppen eine wichtige Rolle spielten. Ein beinahe mythischer Apparat war hier die deutsche „Enigma“, die es auf 150 Billionen Schlüsselvarianten und mehr brachte. Im 2. Weltkrieg ließen die Briten eine Gruppe von Mathematikern, Linguisten und Militärs den Code der Maschine knacken. Das Abhören des deutschen Funkverkehrs half ihnen, die Nachschublinien der Hitler-Armee in Nordafrika zu zerstören und die Landung der Alliierten in der Normandie vorzubereiten.
 
Apropos Kohlepapier. Es stimmt ja gar nicht, dass es ganz aus der Bürowelt verschwunden ist. In der E-Mail-Kommunikation lebt es weiter, nämlich als das CC im Adressfeld: die Anweisung „CC“ bedeutete ehemals „Carbon Copy“ also „mit Durchschlag an“.
Deutsches Schreibmaschinenmuseum in der Forschungs- und Ausbildungsstätte für Kurzschrift und Textverarbeitung, Besuch kostenlos, nach Voranmeldung, Bernecker Straße 11, 95448 Bayreuth, Telefon 0921 / 234 45, Mail: info@forschungsstaette.de  
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