 Zu den Wirtschaftszonen, die nie schlafen, gehören die Häfen. Foto: Barney O'Fair / Pixelio.de
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(April 2008) Manche Begriffe verlieren bei den Nachgeborenen ihren Schrecken und werden gar schick. „Nachtschicht“ ist solch ein Wort. Benannte es ehemals ein Kennzeichen des Arbeiterdaseins in der Fabrik, wonach der auch zu Zeiten, wenn das Bürgertum schlief, seinem Broterwerb nachzugehen hatte, taucht es heute allerorten als witzig gemeinter Name für Discotheken auf.
Die Gesamtheit nächtlicher Aktivitäten hat das Rheinische Industriemuseum in einer Gemeinschaftsausstellung an seinen sechs Standorten zum Thema gemacht. „Nachtaktiv - zwischen Tag und Traum“ ist der Titel der Schau, die je nach Ort noch bis längstens September dort gezeigt wird.
Oberhausen macht dabei unter dem Motto „Der Tag ist nicht genug“ das nächtliche Arbeiten zum Thema, Ratingen zeigt nächtliches Vergnügen („Große Robe, kleines Schwarzes“) und Bergisch-Gladbach als auch Engelskirchen widmen sich dem Thema Licht und Dunkel. Am Standort in Euskirchen schließlich dreht sich alles ums Schlafen. |
In vielen Branchen ist Schichtdienst üblich |
Es wird geschätzt, dass in der Stahlindustrie heutzutage um die 20 Prozent der Beschäftigten regelmäßigen Schichtdienst fahren. Noch mehr sind es in der Gastronomie (44 Prozent). Auch im Bereich Bergbau und Energie, in der Gesundheitsversorgung und in der Logistikbranche gehört das Arbeiten in den Nachtstunden zum Normalarbeitstag. |
Nachtarbeit ist keine Erfindung der Neuzeit |
Nachtarbeit ist dabei keineswegs eine Erfindung der Neuzeit mit ihrer Fabrikarbeit. Vorläufer gab es überall dort, wo sich komplexe Formen des Zusammenlebens herausgebildet hatten. Die mittelalterliche Stadt, um nur ein solches Gebilde zu erwähnen, kannte den Nachtwächter, der Sicherheitsdienst und Feuerwache in einem war. Aus der damaligen Zeit rührt unser heutiges Wort von der Torschlusspanik: es meint die Eile, die Zuspätkommer angesichts der rigiden Schließzeiten der Stadttore an den Tag zu legen hatten – wollten sie nicht entweder draußen bleiben oder sich darauf verlegen, dem Türmer ein paar Geldstücke zuzustecken, damit der ihnen das Mannloch, einen kleinen Durchschlupf in der Mauer, öffnete. |
 Markenzeichen von Großstädten - hier Schanghai - ist, dass sie rund um die Uhr in Aktion sind... Foto: S. Flint / Pixelio.de
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Insofern muss Nachtarbeit wohl auch ihre angenehmen Seiten gehabt haben, nämlich die Möglichkeit zum Nebenverdienst. Heutzutage wird so etwas als offizielle Zulage zwischen den Tarifpartnern ausgehandelt. Schon in Vorzeiten wurden solche Extras im Arbeitsvertrag als Vergütung für besondere Leistungen geregelt: Die Nachtwächterordnung der Stadt Osnabrück von 1776 zum Beispiel setzte für das Ergreifen eines Übeltäters als sozusagen außertarifliche Belohnung „drei Schillinge“ aus, oder, „wenn der Verbrecher mit Geld bestraft wird, den dritten Theil des Brüchtens“. Brüchten ist ein altes Wort für Strafe oder für in Strafe nehmen.
Die unangenehmen Seiten des Schuftens im Mondschein liegen auf der Hand. Die quälende Müdigkeit brachte der Maler Carl Spitzweg 1875 mit dem Eingeschlafenen Nachtwächter aufs Bild. Darüber hinaus können die Folgen handfester medizinischer Art sein: Magen und Darm reagieren empfindlich auf Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus’. Nach neuesten Erkenntnissen wird auch der Haushalt des Hormons Melatonin gestört, was wiederum das Immunsystem beeinträchtigt und vielleicht sogar die Entstehung von Krebstumoren fördert. Erschwert wird das Familienleben und werden soziale Kontakte. |
Persönliche Situation der Nachtarbeiter |
Die Ausstellung in Oberhausen stellt diese Phänomene sehr eindrücklich dar. In Filminterviews erzählen Nachtarbeiter über ihre ganz persönliche Situation. Fotografien dokumentieren Nachtarbeit beispielhaft im Krankenhaus, im Leitstand einer Verzinkungsanlage oder an der Tanzstange im Striplokal – wobei, damit diese Bilder entstanden, auch der Fotograf selbst sich dem Tätigsein zu ungewöhnlichen Stunden unterwerfen musste. |
| Wann ruht ein Hochofen? |
Weitere Aspekte sind: Wann ruht ein Hochofen? Stehen die Montagebänder in der Autofabrik jemals still? Geboten werden dazu auch Exkursionen in Unternehmen, in denen nachts gearbeitet wird. |
 ... und manche machen daraus Spektakel, wie Frankfurt/Main mit der Luminale. Foto: lemontree / Pixelio.de
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Nicht nur die Höhe der Zulagen für die Nachtarbeit wird hierzulande in Tarifverhandlungen festgelegt. Auch die Definition, welche Stunden dazu gehören, obliegt nicht dem Gesetzgeber, sondern Arbeitgebern und Gewerkschaften. Allgemein üblich ist, dass die Stunden zwischen 23 Uhr und 6 Uhr als Nachtarbeit verstanden werden. Je nach Branche gibt es aber auch andere Regelungen: Im Druckgewerbe etwa gilt die Tätigkeit ab 18 Uhr als Nachtschicht, die mit Zuschlägen zu vergüten ist. Solche Zulagen wiederum gehen weitgehend am Finanzamt vorbei.
Mit Sorge stellen Gewerkschafter fest, dass immer mehr Kleinunternehmer während der Nachtstunden arbeiten, etwa der selbstständige LKW-Fahrer, der frühmorgens seine Ware ausfährt, aber als Einzelkämpfer kaum in der Lage ist, bei seinen Auftraggebern Zulagen einzufordern.
Apropos Begriffe: Die Beleuchtungstechnik hat für manche ihrer Gerätschaften dramatische Benennungen erfunden, etwa den Schein-Werfer oder das Flut-Licht. Nackt und nüchtern hingegen klingen Apparate der Neuzeit: Halogenstrahler sind die neueste Lichtmode, Licht aus Neonröhren, ehemals ein Zeichen für Modernität, gilt heute nur noch als billig im negativen Sinn, nämlich als kalt und leblos. |
| Verbundausstellung „Nachtaktiv - Zwischen Tag und Traum“ |
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Zu einer Spätschicht geht es jeden Freitagabend in Hattingen über das ehemalige Hüttengelände |
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