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Mehlige Brocken im Untergrund

Raseneisenstein war einst der wichtigste metallische Rohstoff des Eisenzeitalters


Der Raseneisenstein wurde auf den Wiesen ausgegraben und weggekarrt.
Quelle: Archiv Kulturamt Peitz







(Mai 2008) Berufe kommen und gehen, genauso wie Rohstoffquellen gefunden und ausgebeutet werden. Ein Beispiel ist der Eisensteingräber, der über viele Jahrhunderte Raseneisenstein abbaute. Ehemals war das Material die wichtigste Quelle für das begehrte Metall, und folglich sind die hierzulande im Flachland einst häufig vorhandenen Lagerstätten inzwischen ausgebeutet.

Gleich müssen wir eine Begriffsklärung machen: ist die Rede von Eisenstein, ist nicht immer Raseneisenstein gemeint, von dem wir diesmal reden wollen. Mitunter benannte man damit auch herkömmliches Eisenerz, woran etwa der Name von Bayerisch Eisenstein im Böhmerwald erinnert. Allerdings: als Erz wird Eisenstein nur im Bergland gefunden und in der Regel im Bergbau gewonnen; Raseneisenstein hingegen gab es nur dort, wo das Grundwasser hoch steht, also in den tieferen Lagen, zum Beispiel in der norddeutschen Tiefebene im Emsland oder in der Oberlausitz.
Aufsteigendes Grundwasser
Raseneisenstein bildet sich, wenn eisenhaltiges Grundwasser aufsteigt und nahe der Oberfläche mit Sauerstoff in Berührung kommt. Das kann im Boden unter der Grasnarbe oder in einem Bächlein geschehen. Dann wird das im Grundwasser gelöste zweiwertige Eisenoxid zu dreiwertigem umgewandelt, worauf es ausfällt und sich entweder im Bachbett oder unter der Rasennarbe zunächst als rötlich-gelblicher Schlamm absetzt.
Produkt der Eiszeit
Das geschah in großem Stil vor etwa 9000 bis 4500 Jahren, wie es in einer Broschüre des Landes Brandenburg über die einheimischen Böden heißt (pdf). Es hing zusammen mit dem Ende der letzten Eiszeit und den aus den Gletschern abfließenden Wassermassen. Auch heute noch wird Raseneisenstein gebildet, was man in Wiesen- oder Waldbächen am gelblichem Schlamm am Grund und dem Ölfilm auf der Oberfläche erkennen kann.
Krümeliges Material oder
fester Stein

Nachdem das Eisen nun als Schlamm ausgefallen ist, entsteht daraus im Lauf der Zeit, je nach den Bedingungen im Untergrund, ein krümeliges Material als Mischung aus Sand, Ton oder Schluff und Eisenoxid, oder es bildet sich ein Stein, dessen Oberfläche an Torf erinnert. Seine Farbe ist, wenn er viel Mangan enthält, schwarz, seine Konsistenz ist dann richtig hart. Ansonsten hat der Raseneisenstein verschiedene Brauntöne, manchmal auch einen violetten Überzug, und lässt sich wie frisch gebrochener Sandstein leicht schneiden. Auf alten Fotos sieht man Arbeiter, die ihn wie Torf stechen.
 
Allgemein liegt er etwa 30 bis 60 cm unter der Grasnarbe. Er kann „in Form rundlicher Blöcke, schalenförmiger Bänke oder nesterförmig in kleinen Knollen auftreten. Die Größe einzelner Lagerstätten schwankt zwischen 0,8 und drei Kubikmetern“, heißt es in der Brandenburger Broschüre.
 
Brocken von Raseneisenstein im Hessischen Landesmuseum, Kassel.






Irgendwann vor langer Zeit werden die Bauern bemerkt haben, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Raseneisenstein im Untergrund und der Vegetation obendrauf gab: So genannte „Brandstellen“, wo das Gras vorzeitig ins Kraut schoss, aber auch vorschnell wieder verwelkte, gaben Hinweise auf Lagerstätten im Untergrund. Als dann ein paar Jahrhunderte vor Christus das Wissen um die Bearbeitung von Eisen aus südlichen Ländern in den Norden kam, wusste man vermutlich schon, wo der Rohstoff zu finden sein würde.

Für seine Gewinnung bildete sich alsbald ein eigener Berufsstand heraus, der des Eisensteingräbers, schließlich war die Nachfrage nach dem Metall riesig. „Die Eisensteingräber waren bereits in der Knappschaft organisiert, die im Bedarfsfall eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit absicherte“, schreibt die Restauratorin K. Kinzelt in einem Faltblatt, das im Hüttenmuseum Peitz in Brandenburg zu bekommen ist. Die Tätigkeit „wurde häufig über Generation ausgeübt und gesammelte Erfahrungen und Kenntnisse vom Vater auf die Söhne weitergegeben“, heißt es weiter.
Sondieren nach Lagerstätten
im Untergrund

Eine der Arbeiten war, mit angespitzten Holzspießen oder Eisenstangen in den Untergrund zu stechen. Stieß man über eine größere Fläche auf Widerstand, deutete das auf eine Lagerstätte hin; angeblich konnten die erfahrenen Eisensteingräber anhand des Klangs der Stange Rückschlüsse auf die Lagerstätte ziehen. Danach wurde der „Claim“ abgesteckt und wurden die Grassoden abgehoben. Dann musste meist ein halber Meter Erde abgetragen werden, was mit Spaten, Schaufel und Rodehacke geschah, wobei Letztere zum Ausgraben des Wurzelwerks diente.
Abbau nur in den
Sommermonaten

Mancherorts konnte wegen des anstehenden Grundwassers der Abbau nur in den trockenen Sommermonaten erfolgen. War die Lagerstätte ausgebeutet, kamen Erde und Grasschollen wieder an ihre Stelle „und die Fruchtbarkeit der Wiesen stellte sich nach geraumer Zeit wieder ein“, wie es in einer Broschüre aus Bad Muskau („Raseneisenerz und Eisenhüttenindustrie in der nördlichen Oberlausitz“, Wolfgang Koschke, 2002) heißt.
Streit um die  Beschädigung
der Wiesen und Wege

Dass die Flur überhaupt wieder hergestellt wurde, hatte nichts mit der Liebe der Vorfahren zur Natur zu tun. Vielmehr wurde jede Weidefläche gebraucht, jeder fruchtbare Acker sowieso, und gab es wegen der Schäden bei Abbau und Abtransport schon hinreichend erbitterten Streit zwischen den Eigentümern der Flächen und den Eisensteingräbern beziehungsweise den Fuhrleuten.
 
Bezahlt wurde den Grundeigentümern eine bestimmte Summe pro gewonnenem Kasten Eisenstein oder nach Verhüttung eine bestimmte Zahl von „Stangen“ des verhütteten Eisens. „Stangen“ waren die übliche Transportform des Metalls etwa für den Weg zur Schmiede im Hammerwerk und hatten in ihrer Form Ähnlichkeit mit Schwertern.

Eisenbarren von Wichdorf, im Hessischen Landesmuseum, Kassel. Wegen ihrer Gestalt „Schwertbarren“ oder „Schwurschwerter“ genannt.
Der scheinbare Griff am oberen Ende zeigt dem Verkäufer die Verformbarkeit und gibt so Auskunft über die Qualität des Materials.










Zurück zur Lagerstätte. Mit dem Ausgraben war das Material keineswegs vorbereitet für die Verhüttung im Rennofen. Zunächst noch musste das taube vom eisenhaltigen Material geschieden werden. Das geschah durch Waschen: das Rohgut wurde in hölzerne Kisten mit Löchern gepackt und im Wasser geschüttelt und geschwenkt, so dass Sand und Ton sich lösten und fortgespült wurden. Dann legte man das Material zum Trocknen aus. Wenn es einen hohen Anteil an Schwefel hatte, kam noch das Rösten hinzu, das heißt das Erhitzen auf einer Art Pfanne zum Abscheiden des Schwefels.

Mit Schubkarren wurde es danach zu den Sammelstellen gebracht, von wo aus es mit Fuhrwerken oder per Kahn zu den Rennöfen ging. Die lagen nahe an Wäldern, aus denen die Holzkohle als Brennstoff kam.

Über Jahrhunderte gewann man auf diesem Weg das Ausgangsmaterial für das Meiste von dem Eisen, das in Gebrauch war, und, kein Wunder, dass die Vorkommen mit der Zeit zur Neige gingen. „Mitte des 17. Jahrhunderts scheint der Vorrat an einheimischem Raseneisenerz erschöpft gewesen zu sein“, schreibt die Bad Muskauer Broschüre über die Situation in der Oberlausitz.

Es kam der Dreißigjährige Krieg, der die Wirtschaft zusammenbrechen ließ, und danach waren in anderen Regionen billigere Rohstoffquellen gefunden sowie bessere Verhüttungsverfahren entwickelt worden. Mit ihnen konnten die Eisenproduzenten in Lausitz und Emsland nicht mehr mithalten. Zwar versuchte man sich noch an Torf als Brennstoff und an Vorformen der Hochöfen, aber die Bedingungen waren nicht mehr rentabel.



Länger noch war Raseneisenstein als billiges Baumaterial im Einsatz. Friedrich Schinkel verwendete ihn für sein erstes wichtiges Bauwerk, das Molkenhaus in Bärwinkel bei Neuhardenberg in Brandenburg. Die Stadtmauer des Örtchens Dahme an der Landesgrenze von Brandenburg zu Sachsen besteht zum Großteil aus dem Material, weshalb sie den Spitznamen „Eiserne Mauer“ bekommen hat, und vielerorts sind Brocken des Materials neben Findlingen in Kirchen verbaut worden.


Inzwischen hat es der Raseneisenstein sogar zum Rang einer touristischen Attraktion geschafft: Rund um Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern gibt es ein Netz von Rad- und Wanderwegen, die zu entsprechenden Bauwerken oder zu Zeugnissen der einstigen Gewinnung führen.


 
LINKS:

Infos zu Raseneisenstein: 1, 2
Modellprojekt zum Schutz von Bauten aus Raseneisenstein