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Wirtschaftswunder von 1848-1871

Museum entwickelt neue Sicht auf die Zeit zwischen Vormärz und Kaiserreich

Noch die romantische Sichtweise einer heilen Welt: Gemälde der Königshütte in Oberschlesien aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts (Ausschnitt).
Standort: Oberschlesisches Landesmuseum, Ratingen. Foto: DHM

 
(Juni 2008) Eine Art Wirtschaftswunder muss es damals gegeben haben: In großer Zahl wurden Firmen gegründet, und es bildeten sich die Strukturen heraus, die Deutschland für etliche Jahrzehnte prägen sollten.
Aufblühen der Montanindustrie
in Deutschland

Die Rede ist von der Epoche von 1848 bis 1871, der das Deutsche Historische Museum in Berlin eine Ausstellung widmet. Das Aufblühen der Montanindustrie hierzulande, verbunden mit Namen wie Borsig, Krupp, Stumm oder Maffei, um nur einige von Nord nach Süd zu nennen, war einer der Dreh- und Angelpunkte im damaligen Geschehen.
Rahmenbedingungen für das Entstehen einer Wirtschaftsblüte
„Gründerzeit“ nennt das Museum seine Schau, die noch bis Ende August 2008 zu sehen ist. Indem dieser Begriff, der normalerweise die Zeit nach der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende benennt, hier auf die 25 Jahre vorher übertragen wird, versuchen die Ausstellungsmacher ein ungewöhnliches Konzept: Sie fädeln auf, was zur damaligen Zeit in der Wirtschaft geschah, in der Kultur ebenfalls und auch in den Lebensbedingungen von Reichen und Armen, und stellen nicht die politischen Akteure in den Vordergrund, sondern Unternehmer, Bürger, Arbeiterführer. Eines der Ziele dabei ist, den komplexen Rahmenbedingungen für das Entstehen einer wirtschaftlichen Blüte auf die Spur zu kommen.
Fertigstellung des Kölner Doms
Nur eines der Großprojekte der damaligen Zeit wollen wir hier nennen: die Fertigstellung des Kölner Doms. Der war seit 1510 unvollendet geblieben und plötzlich, nämlich von 1842 bis 1880, finanzierten Kölner Bürger zusammen mit dem damals im Rheinland herrschenden preußischen König den Weiterbau – ein Vorhaben mit tiefem Symbolgehalt, das sowohl die neue wirtschaftliche Kraft im Land als auch die Aufbruchstimmung dokumentierte. Übrigens: die Türme der Kathedrale waren einst die höchsten Bauwerke der Welt, und der neue Dachstuhl wurde nach dem Vorbild des Kristallpalasts der Londoner Weltausstellung in Eisen statt in Holz errichtet.
Weltbewegende Innovationen:
unter anderem die Eisenbahn 

Die Ausstellung analysiert die Ausgangsbedingungen, die es bis 1840 gab. Eine wichtige Voraussetzung war die Gründung des Zollvereins von 1834 gewesen, der eine Art von Binnenmarkt schuf. Auch gab es weltbewegende Innovationen: namentlich die Eisenbahn kam aus England herüber, das seit 100 Jahren Vorreiter in der Industrialisierung gewesen war. Die Transportkraft der Bahn war einerseits Voraussetzung für das Produzieren und Vertreiben großer Gütermengen, andererseits aber waren gerade ihre Schienennetze und Fahrzeuge auch die wichtigsten Verbraucher für die Produkte der Schwerindustrie.
   
 
Das Plakat zur Ausstellung im Deutschen Historischen Msueum, Berlin.





Damals kam es erstmals in großem Stil zu einer Vernetzung und in der Folge zu einem Aufblühen der Kommunikation – 1840 wurde in England übrigens die Briefmarke erfunden (just zu ebendiesem Zeitpunkt gab es mit der elektrischen Telegrafie aber schon ein noch schnelleres Medium).

In Sachen Vernetzung zu nennen ist auch das Gaslicht. Dessen Brennstoff gewann man als Abfallprodukt bei der Verkokung von Kohle (Koks wiederum wurde für die Hochöfen und die Stahlherstellung nach Bessemer und Thomas gebraucht). Das künstliche Licht, Traum unendlich vieler Generationen von Lesern, eröffnete den Menschen einen neuen Zugang zu Bildung und ebenso den Fabriken die Möglichkeit, die Arbeitszeiten auch in die Nachtstunden auszudehnen.

Ausführlich behandelt wird in der Ausstellung auch die chemische Industrie, die aus Steinkohlenteer, einem weiteren Abfallprodukt der Verkokung, unter anderem die Anilinfarben herstellte. Noch nie zuvor hatte es Farbstoffe mit solcher Leuchtkraft gegeben - zu derart günstigen Preisen erst recht nicht.

Auch wurde damals der Markt an Finanzmitteln zu einem globalen Betätigungsfeld. Banken entstanden in großer Zahl und förderten neue Investitionen und auch Spekulationen. Verstärkt noch durch die Goldfunde in Kalifornien und Australien gab es plötzlich eine Geldmenge zuvor nicht gekannten Ausmaßes auf einem weltweiten Kapitalmarkt.
Mehrwert erwirtschaftet wie
nie zuvor, ...

Ein Mehrwert zuvor nicht gekannten Ausmaßes wurde in den Fabriken und mechanisierten Werkstätten erwirtschaftet. Allerdings kam er zunächst nur der kleinen Schicht des Unternehmer-Bürgertums zugute. Die Ausstellung konstatiert: Statt dass, wie die 1848er Revolutionäre gehofft hatten, es infolge der Abschaffung der Adelsprivilegien zu einer geeinten Gesellschaft gleicher Bürger kommen würde, gab es eine Spaltung der Bevölkerung in Klassen, nämlich Arbeiterschaft und Besitzbürgertum.
... aber ein Großteil der
Bevölkerung wird zu Proletariern

Während ein Großteil der Menschen im Land im Elend lebte und als Proletarier unablässig ums pure Überleben zu kämpfen hatte, schwelgten die Besitzenden im Reichtum, und führte der Firmeninhaber sein Unternehmen wie weiland ein Fürst. Sozialleistungen wurden im Unternehmen nur für unbedingtes Wohlverhalten gewährt und konnten jederzeit gestrichen werden.
Bürgertum bewundert die Antike
Die Ausstellung dokumentiert die Kultur dieser Bürger: ihren Besitz hatten sie mit der Industrie gewonnen, in den Künsten aber, etwa der Architektur, himmelten sie die so unendlich weit entfernte (ungeblich heile) Welt der Renaissance und Antike an.
Lasalles Ehernes Lohngesetz:
Dilemma als Dauerzustand

Dargestellt werden auch die Lebensbedingungen der Arbeiter. Als einzigen Ausweg aus deren Misere sahen viele Denker nur den Sturz der Kapitalisten. Ferdinand Lasalles „Ehernes Lohngesetz“ soll uns Beispiel für solche Gedankengänge sein: Löhne könnten, so der Ausgangspunkt der Überlegung, immer nur auf dem Niveau des Existenzminimums liegen, weil Lohnerhöhungen immer nur zu höheren Geburtenzahlen führen würden, welche wiederum immer nur ein Überangebot an Arbeitskräften und damit wieder sinkende Löhne zur Folge haben könnten.
Rapides Ende des Booms
vom Jahr 1873 an

1873 kam der Wirtschaftsboom jedoch zu einem rapiden Ende, nachdem unter anderem durch eine Änderung des Aktiengesetzes und die Reparationszahlungen aus Frankreich viele Aktien nicht hinreichend abgesichert und viele Spekulationen faul waren. Der Niedergang dauerte bis zum Ende der 1870er. Ein berühmter Name ist hier der des Eisenbahnmagnaten Bethel Henry Strousberg, dessen Imperium 1873 zusammenbrach. „Vielfach konnten sich die Preise erst ab 1890 erholen“, heißt es in der Ausstellung.


Doch: „Aus der Mangelgesellschaft der Restauration entstanden die Grundlagen nationalen Wohlstands“, bilanziert die Ausstellung die bisher in der Geschichtsforschung wenig wahrgenommenen Jahre zwischen Vormärz und Kaiserreich.


Gründerzeit 1848-1871. Industrie und Lebensträume zwischen Vormärz und Kaiserreich. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 31. August 2008