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In einem Zug

Draht - in Altena wird die Vielfalt des Werkstoffs anschaulich gezeigt


Drahtzieher beim Aufwickeln. In der Mitte und rechts Zieheisen.






(November 2008) Die Gelegenheit ist günstig, mal wieder Bezug auf Martin Luther zu nehmen. Nicht nur, dass 2008 aus Anlass von 500 Jahren Reformation die Lutherdekade ausgerufen wurde. Auch passt der berühmte Satz aus der Bibelübersetzung, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in den Himmel komme, in unser Thema. Denn damit schilderte der Reformator in einfachen Worten das Prinzip der Drahtproduktion: hier muss ein zu dickes Ausgangsprodukt durch ein so genanntes Zieheisen hindurch bugsiert werden.

Draht wird gezogen, so der wenig spektakuläre Fachbegriff. Besonderheit ist, dass dabei kein Abfall entsteht, weil lediglich die Moleküle innerhalb des Materials umgeschichtet werden.

Wie das geht und was es damit auf sich hat, wird ausführlich im Deutschen Drahtmuseum auf der Burg Altena dargestellt. In der Ausstellung, die sich zu Recht als „Erlebnismuseum“ bezeichnet, gibt es eine Experimentierstation, wo die Besucher ausprobieren können, wie viel Kraft ehemals für das Ziehen von Draht aufzuwenden war.
Ehedem war die Drahtproduktion mühsame Handarbeit
Denn die Produktion war Handarbeit, bevor die Wasserkraft nutzbar gemacht wurde, und bevor erste Maschinen die Arbeit übernahmen. Trickreiche Erleichterungen sind in alten Darstellungen belegt: So zeigt das Museum ein Bild, wo ein Drahtzieher auf der Schaukel sitzt und deren Pendelenergie für seine Arbeit nutzt. Festgehalten wurde der Draht mit einer Zange, die immer wieder weiter vorn anpackte, und vor dem Einfädeln ins Zieheisen wurde sein Ende angespitzt, damit es durchs Nadelöhr hindurchging.
Das Ziehen musste möglichst kontinuierlich erfolgen
Das Knowhow der Werker bestand unter anderem darin, die Querschnittsreduzierung nicht zu stark zu machen, weil sonst der Draht spröde wurde und riss. Wichtig war auch, dass das Ziehen kontinuierlich erfolgte. Das Museum zeigt das Modell einer Zögersbank, bei der der Draht schubweise gezogen wurde und deshalb mit den so genannten Zangenbissen behaftet war.

In Rollen wird Draht transportiert.







Neueren Datums sind Maschinen, die in mehreren Stufen ohne neuerliches Einspannen die gewünschte Dicke erreichen. Als Gleitmittel wurde ehemals Sand und wird heute Öl benutzt. Draht kann übrigens nicht nur rund sein, sondern jedwede Form haben, in die er sich mit dem Zieheisen bringen lässt.

Genauso besteht Draht keineswegs nur aus Eisen oder Stahl. Dünne Fäden aus Edelmetall sind und waren beliebt für Gewänder des kirchlichen Ritus’ oder für Uniformen – sie sollten hier nichts zusammenhalten, sondern dem Stück Glanz und Wert geben.

Tatsächlich gibt es kaum ein Einsatzgebiet, das sich Drähte der unterschiedlichsten Dicke nicht erobert hätten: die Saiten der Musikinstrumente sind aus speziellen Legierungen gemacht, Zahnspangen werden in der Medizin eingesetzt, jeder Hühnerpferch ist mit Maschendraht eingezäunt und auch die Einkaufswagen bestehen nur aus Draht, wenn auch aus dickerem. Meist traurig ist die Rolle des Stacheldrahts.
Stahlseile spielen in der
Architektur wichtige Rollen

In der Architektur wurden mit Drahtkonstruktionen Akzente gesetzt, etwa im Olympiastadium München, oder mit Drahtseilen berühmte Brücken gespannt, wie bei der Golden-Gate-Bridge in San Franzisko. Neuerdings sind Gewebe und Geflechte aus dünnem Edelstahldraht bei Gestaltern sehr beliebt, da sich mit ihnen transparente und elegante Fassaden vor spröde Gebäudemauern hängen lassen. Die Ausstellung in Altena zeigt die ganze Vielfalt der Anwendungsgebiete
Sehenswerte Abteilung über Kunst
im Deutschen Drahtmuseum

Aus dem Rahmen eines konventionellen technischen Museums heraus fällt die Abteilung über Draht in der Kunst. Spektakulär sind Günther Ueckers Nagelbilder, in denen „Drahtstifte“, das ist der Fachbegriff für Nägel, zu wellenförmigen Bewegungen komponiert sind. Der Reiz anderer Kunstwerke wie denen von Reng Rong oder Udo Sander besteht darin, dass sie mit dem Material räumliche Eindrücke von Schweben und Schwerelosigkeit schaffen. Besonders originell ist das Objekt von Axel Fischer: er hat nur einen Draht hoch und runter in ein paar typische Rundungen gelegt, und dennoch ist der Mann beim Pinkeln mit dem ersten Blick erkennbar. Kurz und dennoch vielsagend hat der Künstler das Werk „Ohne Titel“ genannt.
 
 
Drahtkunst von Axel Fischer, Ohne Titel(1985).






Zu sagen, dass die Welt am Draht hängt, ist keineswegs übertrieben. Die Sprache hat deshalb eine Fülle von Begriffen, in denen das Wort vorkommt: da ist jemand auf Draht, macht ein anderer einen Drahtseilakt, hat jemand Nerven wie Drahtseile oder sucht wieder ein anderer einen heißen Draht zu etwas. Der Drahtesel ist nicht nur bei Kindern beliebt.

Obwohl in der Computerwelt das „wireless“ die Datenübertragung bestimmt und allerorten „hot spots“ für die Funkübertragung eingerichtet werden, wird dies die Kommunikation per Draht nicht verdrängen. Das sieht man an den mächtigen Überseekabeln, die als Backbones des weltweiten Netzes immer stärkere Datenmengen von Kontinent zu Kontinent durch die Glasfasern in ihrem Mantel aus Stahlseilen jagen.

Das Drahtmuseum befindet sich auf der Burg im malerischen Städtchen Altena. Im Ort wird an vielen Stellen an die Geschichte als Zentrum der Drahtherstellung in Deutschland erinnert, unter anderem mit dem Splenterrölleken am Busbahnhof, das die Wasserräder der Drahtziehereien nachbildet, mit der Zögerplastik an der Fußgängerbrücke über die Lenne oder mit dem Drahtzieherrelief über dem Eingang der Bungerpassage.
Altena war Zentrum der Drahtherstellung
Bemerkenswert an Altena und dem Märkischen Sauerland ist, dass beide auch Zentrum der Drahtherstellung blieben, als die eigenen Erzgruben erschöpft waren. Der Grund lag in der Wasserenergie, die in der bergreichen Gegend reichlich vorhanden ist.
Luther saß einem
Übersetzungsfehler auf

Noch ein klärendes Wort zu Luther: mit seiner Übersetzung aus dem Griechischen der Bibel ins Deutsche saß er einem Fehler auf, den die Schriftgelehrten vor ihm gemacht hatten. Denn sie hatten die Wörter kámêlos und kamilos vertauscht – ersteres bedeutet Kamel oder Karawane und letzteres Schiffstau oder dickes Seil.
 
Es geht also eher ein Tau durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt, so die eigentliche Bedeutung des rätselhaften Satzes aus dem Markusevangelium (10,17-30).
Deutsches Drahtmuseum, auf der Burg Altena

Lutherdekade 2017 – 500 Jahre Reformation