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Grusel um einen Unbekannten

Viele Geschichten ranken sich um den Mann mit der Eisernen Maske

 
Die Römer setzen im Kampf Gesichts- masken ein, um die Gegner zu erschrecken.






(Dezember 2008) Die Geschichte ist so perfekt ausgedacht, dass eigentlich nur das wirkliche Leben sie geschrieben haben kann: Sie steckt voller Grusel um einen bedauernswerten Mann, der sein Gesicht nie zeigen durfte, ist garniert mit ärgster Härte seitens eines glorreichen, aber auch unsympathischen Herrschers, und mündet nach dem Tod des geheimnisvollen Unbekannten in die Vernichtung aller seiner Spuren. Die Rede ist vom Mann mit Eisernen der Maske, der am 19. November 1703, also ziemlich genau vor 205 Jahren, nach gut 40 Jahren Gefängnis hinter Gittern verstarb.

An zentraler Stelle in dem Grusel, um das Alexandre Dumas der Ältere die dritte Folge seiner Musketiere strickte, steht die metallkalte Maske, die der Unbekannte tragen musste. Selbst das Damen-Conversationslexikon von 1834 kann der Versuchung nicht widerstehen und tischt seinen Leserinnen allerhand Details dazu auf, etwa jenes, dass die Blechhaut mit schwarzem Samt überzogen gewesen sei und am Kinnstück Stahlfedern gehabt habe: „Vermittelst dieser Vorrichtung konnte er essen, ohne sie abzunehmen.“
War die Maske mit Samt gepolstert?
Das macht die Maske einerseits noch gruseliger, lässt sie wegen des Überzugs aus edlem Stoff aber auch andererseits ein wenig modisch erscheinen. Wir merken hier besserwisserisch an, dass nach anderen Quellen der Samt sich unter dem Blech befand, dies zu dem Zweck dass das Metall die Haut nicht aufrieb.
Der arme Kerl stammte aus
besten Kreisen

Dramaturgisch perfekt ist auch das Bild des Betroffenen gezeichnet. Der arme Kerl, der ohne Licht und Luft auf dem Gesicht sich wohl niemals frei und frisch fühlen durfte, stammte mit Sicherheit aus besseren Kreisen – aus besten Kreisen, wahrscheinlich sogar.
Sogar Voltaire recherchierte
zum Thema

Niemand geringeres als Voltaire recherchierte zu dem Thema, und kam zu dem Ergebnis, dass der Unbekannte möglicherweise der Zwillingsbruder Ludwigs XIV. gewesen sei. Dieser heimliche Bruder, Philipp mit Namen, sei gleich nach der Geburt unter Zustimmung der Mutter aus dem Verkehr gezogen worden, damit es nicht später zu Streitigkeiten um den Thron kam.

Bei Voltaire finden wir nun wieder eine ganz andere technische Angabe zu der Maske: sie sei aus Stahlstreifen zusammengesetzt gewesen, schreibt er.
Vielerlei Spekulationen gab es zur Identität des Unbekannten
Zur Person des Maskenträgers kamen spätere Analysen zu dem Schluss, dass es sich nicht um einen Zwillingsbruder des Sonnenkönigs gehandelt haben könne, weil es den nicht geben konnte, weil eine fürstliche Geburt praktisch in der Öffentlichkeit vor sich ging und man insofern ein weiteres Kind nicht einfach hätte verschwinden lassen können.
War er ein Halbbruder des Königs? Oder gar ein Sohn Oliver Cromwells?

Vielmehr habe es sich um einen Halbbruder gehandelt, oder um den Vater des Sonnenkönigs, vielleicht auch um einen Sohn Oliver Cromwells oder um einen Kammerdiener am Hof in Versailles, der ein Staatsgeheimnis erfahren hatte. Wikipedia nennt noch ein paar mehr der Spekulationen.
Für irgendjemand muss er
unbequem gewesen sein

Zum Kammerdiener nun wollen nun wieder wir anmerken, was auch sonstwo schon geschrieben wurde: dass nämlich der Unbekannte, der ja für irgendjemand auch ein Unbequemer gewesen sein muss, für den Fall, dass er ein einfacher Mann aus dem Volk gewesen wäre, schnell und ohne Aufhebens um die Ecke gebracht worden wäre.
Er wechselte von Gefängnis
zu Gefängnis

Ganz anders im realen Fall. Der Häftling mit der Maske zog durch Frankreichs wichtigste Gefängnisse, und, so würde man heute sagen, die Führungskräfte dieser Einrichtungen zollten ihm alle Ehrerbietung - ohne aber dabei jemals sein Gesicht zu sehen.

Tierköpfe an der Rüstung sollen die Kraft der Bestie auf den Kämpfer übertragen.

So hielt sich der Unbekannte von 1662-64 im Staatsgefängnis der Ortschaft Pignerolo auf, die heute in Italien liegt und in der es einen örtlichen Verein gibt, der das Thema für den Tourismus ausschlachtet. Dort wurde der Mann mit der Maske von dem Gefängnisdirektor, einem „sonst so harten Manne“, wie das Damen-Lexikon schreibt, „mit der größten Auszeichnung behandelt“: Der Gefängnischef selbst habe dem Maskenmann das Essen aufgetragen und sich in seiner Gegenwart nie hingesetzt.

Später war der Häftling unter anderem auf der Insel St. Margaretha im Mittelmeer im Knast. Hier war es das einzige Mal, dass er sich gegen die Peiniger auflehnte. „Er kritzelte nämlich eines Tages in unbewachter Minute etwas mit dem Messer auf einen silbernen Teller und warf diesen aus dem Fenster des Thurmes, der ihm zum Gefängniß diente, gegen ein Schiff, das beim Fuße desselben am Ufer lag“, so das Damen-Lexikon.
Einmal machte er fast einen Ausbruchsversuch. Fast.
Einen Versuch

Solche Versuche sind, wir kennen das aus dem Kino, immer beliebt, weil sie den Zuschauer bei der Stange halten, führen aber nie zum Erfolg. In unserem Fall war es ein dummer Fischer, dem der Teller in den Kahn fiel und der nichts Besseres damit zu tun wusste, als das Geschirr dem Gefängniskommandanten zurückzubringen. Darauf wurde er sofort festgenommen, und man ließ ihn erst wieder frei, als er glaubhaft versichern konnte, dass er wirklich kein Wort zu lesen vermochte und dass er den Teller auch niemand gezeigt hatte.

Unser Damen-Lexikon legt hier noch eines drauf: „Ein anderer Bericht dieses Ereignisses behauptet, St. Mars (der Knastchef, d. Red) habe den Fischer tödten lassen.“
Jedenfalls hatte er Stimme
und sang zur Gitarre

Das ganze Geschehen muss man nun vor dem Hintergrund betrachten, dass der Betroffene eine wohl recht umgängliche Person war. Das Damen-Lexikon jedenfalls widmet sich diesem Thema mit einigen Sätzen: „Er sang oft mit höchst angenehmer Stimme zur Guitarre und schon seine sanfte, wohlklingende Sprache nahm für ihn ein.“ Und: „ Der Unbekannte war jung, von ungewöhnlich hoher, edler Gestalt und liebenswürdig in seinem ganzen Wesen.“ Im Ganzen war die Noblesse nicht zu übersehen: „Er beklagte sich nie, noch ließ er je vermuthen, wer er wohl sein könnte.“

Metallene Rüstungen und Masken geben der Figur etwas eiskalt Bedrohliches.







Natürlich hat Alexandre Dumas der Ältere solch ein exzellentes dramatisches Motiv für seine Romane entdeckt, und natürlich hat Hollywood sich mehrfach daran versucht. Zuletzt 1998 mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle und Gerard Dépardieu als einem der Musketiere. Die Filmstory basierend auf Dumas’ Roman ist folgende: Aramis von den Musketieren ist inzwischen Jesuitengeneral geworden und stößt sich, genau wie die Kompagnons, an dem Lebenswandel des Königs. Da stoßen die Musketiere auf den verborgenen Bruder Philipp, und um das Land zu retten, wechseln sie Ludwig und Philipp heimlich aus. Aber gibt es Misstrauen, als der König auf einmal so menschenfreundlich und sozial agiert. Die Musketiere und D’Artagnon als Sicherheitschef des Königs geraten in ernsthafte Verwicklungen...

So neu war das Motiv der eisernen Maske dabei eigentlich gar nicht. Von den alten Römern wissen wir, dass ihre Offiziere im Rahmen der psychologischen Kriegsführung sich vor einem Kampf gerne gold- oder silberglänzende Metallgesichter überzogen, um die Feinde zu erschrecken – es scheint so, als dass ein menschliches Gesicht ganz ohne Bewegung als zum Fürchten empfunden wird.
Vielleicht steckt hinter dem Grusel vor der Maske die Angst vor dem Tod

Auch die Ritterhelme und -rüstungen aus dem Mittelalter haben etwas Gruseliges. Aus jenen Jahrhunderten stammen auch Schandmasken als besonderes Thema der Bestrafung. Vielleicht steckt hinter dem Gruseln vor der Maske die menschliche Angst vor dem Tod. Im Karneval allerdings funktionieren diese falschen Visagen ganz anders, das ist bekannt.
Im „Krieg der Sterne“ taucht
das Motiv auch auf

Übrigens: George Lucas hat in seinem „Krieg der Sterne“ das Motiv aufgegriffen. Wenn Darth Vader ganz in Schwarz und mit Maske vor dem Gesicht sich durchs Weltall röchelt, ist die Bedrohung durch das Böse handfest zu spüren. Übrigens: 1978 erlebte der Film seine Uraufführung in Deutschland – auch ein rundes Datum zum aktuellen Jahr 2008.
Der Unbekannte wurde nach seinem Tod sofort unter die Erde gebracht
Zu unserem Mann mit der eisernen Maske ist noch eins zu ergänzen: Nachdem er gestorben war, wurde er sofort beerdigt. Der Leichnam sei in ungelöschten Kalk gelegt worden, damit niemand ihn später ausbuddelte. Damit nicht genug, so das Damen-Lexikon: „Das Zimmer, das er bewohnt hatte, erfuhr die sorgfältigste Durchsuchung, man kratzte die Wände ab und riß sogar die Dielen auf, um zu sehen, ob vielleicht etwas Geschriebenes darunter verborgen sei.“
„Der König athmete tief auf...“
Und: „Der König athmete tief auf, als ihm der Todesfall gemeldet ward und warf den darüber erhaltenen Bericht augenblicklich nach der Lesung in's Kaminfeuer.“
 
Der Vorhang zu und alle Fragen offen, wie jemand zu sagen pflegte. Aus solchen Ingredenzien wird spannender Lesestoff gemacht.

Film „Der Mann in der Eisernen Maske“

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