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Unverzichtbar für die Handarbeit



Fingerhüte gehörten ehemals zum Nähzeug und damit in jeden Haushalt.
Foto Ria Speicher











Plaudern wir ein wenig sozusagen aus dem Nähkästchen, über Handarbeit, über die Pflanzenfamilie Digitalis und über uralte Begriffe. Denn das Wort Fingerhut ist ähnlich wie der Handschuh zweifellos leicht daneben, aber dennoch im Bild so treffend, dass man es besser gar nicht ausdrücken könnte.

Fingerhüte sind diesmal unser Thema. Sie haben die Menschen seit Urzeiten begleitet, wie Funde von Exemplaren aus Knochen oder Stein beweisen. Mit den Hochkulturen der Antike und deren Wissen um die Metalle kamen Bronzefingerhüte auf, die ungleich haltbarer und auch schon elegant im Vergleich zu den Exemplaren aus Naturmaterial waren. Lange dürfte ihre Bezeichnung aber noch recht schmucklos gewesen sein, etwa Druckstein oder Nadelstößer.

Da die Handarbeit – auch so ein Begriff, dessen Bedeutung sich gerade verändert – Bestandteil jeder Haushaltsführung war, gab es eine enorme Nachfrage nach diesem Hilfsmittel für die Nadelarbeit. Wie es in dem Buch „Gespräche über Fingerhüte. Eine kulturhistorische Betrachtung“ (Helmut Greif, Carinthia Verlag, Klagenfurt 1983) heißt, gab es ab 1537 in Nürnberg eine erste „Fingerhüter-Ordnung“, die festlegte, dass nur Bürger der Stadt die Produktion erlernen und ausführen durften. Was auch bedeutete, dass die Mitglieder dieses Wirtschaftszweigs nicht mehr aus der Stadt fortziehen konnten.


Seit 1700 Produktion mit Maschinen
Dann schlug die Industrialisierung zu, und um 1700 gelang es einem Holländer in London, Fingerhüte aus dünnem Eisen mit einer Maschine herzustellen. In der Folge etablierten sich Produktionsstätten an verschiedenen Orten auf dem Kontinent. Von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia wird berichtet, dass sie – zunächst erfolglos – mit Spionen das Know-how der Produzenten in Nürnberg klauen wollte, aber schließlich, als das nicht gelingen wollte, einige Meister im Strohwagen aus der Stadt herausschmuggeln und in Lichtenwörth in Österreich in Häusern mit Vorgärten ansiedeln ließ.
 
Der Fingerhut gehört zu den prächtig-
sten Wildpflanzen hierzulande.
Foto: Bertram Feld







Was die Produktion der kleinen Werkzeuge aus Eisen immer teuer gemacht hatte, waren die Grübchen, mit denen ihre Oberfläche bestückt sein muss. In diese Vertiefungen wird nämlich das stumpfe Ende der Nadel eingesetzt, um anschließend mit Fingerkraft durchs Stoffgewebe hindurch gedrückt zu werden.

Eine Maschine zur Herstellung der Grübchen hatte nach vielen Misserfolgen 1824 der Silberschmied J. F. Gabler aus Schorndorf entwickelt. Damit schuf er die Grundlage für eine frühe deutsche Exportweltmeisterschaft: Um 1900 kamen 85 Prozent der Weltproduktion an Fingerhüten aus Süddeutschland. So heißt es auf den Internetseiten des Fingerhutmuseums bei Creglingen.

Natürlich ging es schon lange nicht mehr nur um das bloße Werkzeug für die Arbeit im Haushalt. Die Damen aus besseren Häusern, für die die Handarbeit eine Form des Zeitvertreibs war, wünschten sich aufwändig gearbeitete Schmuckstücke. Das Museum unweit Rothenburg ob der Tauber zeigt Fingerhüte aus Meißner Porzellan oder Exemplare als Kombination mit Riechfläschchen und Metermaß. Handarbeit sozusagen an und für sich sind gehäkelte Fingerhüte, wie sie das Museum zeigt.

Mit unserer modernen Zeit und dem neuen Frauenbild ist die Nachfrage eingebrochen. Kurios, dass woanders in der Freizeitbranche eine neue Verwendung aufgetaucht ist – in der Waschbrettmusik braucht man gleich für jeden Finger eine metallene Kappe, diese zudem in unterschiedlichen Größen, wie sie die Hersteller schon immer fertigten.
Medizinpflanze gegen Herzschwäche




Als Werkzeug des Alltags hingegen sind die Fingerhüte praktisch verschwunden.

Die Pflanze aber, die zu den Prachtstücken unserer heimischen Blüher zählt, weiß sich zu behaupten. Ihr rot blühender Vertreter, Digitalis purpurea mit Namen, diente den Altvorderen auch als Medizin. Denn ihre Blätter sind hochgradig giftig, jedoch können die Inhaltsstoffe, wenn in richtigem Maß genossen, ein stärkendes Mittel bei Herzschwäche sein.

Etwas sehr Schönes erzählen die alten Sagen zu der dekorativen Pflanze: von den Blüten heißt es, dass das Elfenvolk in Wald und Wiese sie als Kopfbedeckung nutze. Insofern ist das Wortspiel mit den Finger-Hüten wieder gar nicht so weit hergeholt.
Das Fingerhutmuseum bei Creglingen
ist weltweit das einzige seiner Art.