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Zunge aus Stahlblech

Die Maultrommel ist eines der wenigen eisernen Musikinstrumente


„Brummeisen“ ist ein wenig schmeichelhafter
anderer Name für die Maultrommel.




(November 2009) Musikinstrumente sind einer der wenigen Bereiche unseres Alltags, wo Eisen kaum Verwendung findet. Eine der Ausnahmen ist die Stahlglocke, die wir in einer früheren Ausgabe vorgestellt hatten. Dabei gibt es ein Instrument, das jeder kennt und das dennoch kaum irgendwo gespielt wird: „Brummeisen“ ist ein alter Name, „Maultrommel“ der derzeit gebräuchliche.

Wenig schmeichelhaft sind diese Bezeichnungen, und sie sagen schon viel darüber aus, wie viel Kunst dem kleinen Bügel aus Stahldraht zugetraut wird. Dennoch gibt es Virtuosen, vor allem aus asiatischen Regionen wie Sibirien, wo Meister bei ihren Auftritten das Publikum begeistern.
Melodien sind kaum zu spielen

Melodien sind mit der Maultrommel nur ansatzweise zu spielen. Im Vordergrund stehen Rhythmus und Vielfalt der Klänge. Rhythmus wird erzeugt, indem die Zunge des Instruments vom Spieler mit dem Finger angeschlagen wird. Vielfältige Klänge sind möglich durch Variationen der Muskeln rund um den Mund und mit dem Atem.
Anfänger bringen meist nur Lärm zustande

Was Anfänger oder auch selbsternannte Könner jedoch meist hören lassen, ist hingegen meist nicht viel mehr als seltsamer Lärm, erträglich gemacht allenfalls durch die geringe Lautstärke, die sich aus der begrenzten Resonanz der Mundhöhle ergibt.
Mautrommelspielen tut nicht weh
Gespielt wird die Maultrommel, indem man sie mit den Lippen hält und leicht gegen die Schneidezähne drückt. Die Vibrationen sind kaum spürbar und nicht unangenehm. Von Schäden an den Zähnen wurde bisher nie etwas berichtet.
Varianten aus Bambus und Holz
Ein uraltes Musikinstrument ist die Maultrommel unzweifelhaft. Als älteste Darstellung gilt ein Gemälde aus China aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, wie Regina Plate in ihrem Buch „Kulturgeschichte der Maultrommel“ schreibt (Bonn, 1992). Ob das Instrument damals schon aus Eisen gefertigt wurde, ist offen. In Asien findet man noch heute Varianten aus Bambus oder Holz. Der älteste nachweisliche Fund stammt aus dem 12. Jahrhundert.
Gemälde von Pieter Breughel d. Ä.
In Mitteleuropa war die Variante in Metall früher sehr populär. Auf Bildern von Pieter Breughel dem Älteren taucht sie auf, und bekannt ist, dass sie auf Jahr- und Viehmärkten in Massen verkauft wurde. Vielleicht war sie das Instrument der armen Leute, mit Sicherheit war sie beim fahrenden und bettelnden Volk sehr beliebt.
Weg nach Nordamerika
Von Europa aus gelangte sie auch nach Nordamerika. Aussiedler tauschten sie dort sogar gegen Grund und Boden ein. Regina Plate nennt Beispiele dafür.
Große Popularität im 19. Jahrhundert

Große Popularität erlebte die Maultrommel im 19. Jahrhundert, vielleicht in Zusammenhang mit der Romantik. Zahlreiche Virtuosen tourten durchs Land, und es gab selbst Orchesterstücke für das Instrument. Ein bekanntes stammt von Beethovens Kompositionslehrer Johann Georg Albrechtsberger aus dem Jahrhundert vorher.

Gespielt wird die Maultrommel, indem man sie mit den Lippen hält, leicht gegen die Schneidezähne drückt und die Zunge mit dem Finger anschlägt.






Als Virtuose berühmt war der Österreicher Franz von Paula Koch, der 1782 von Werbern ins preußische Heer gelockt wurde. Sein Können auf der Maultrommel fiel ein Jahr später auf, als er als Grenadier während seiner Wache spielte und dabei von einem Offizier ertappt wurde. Normalerweise hatten die Preußen für solche Vorkommnisse rigide Bestrafungen. Kochs Spiel muss jedoch so beeindruckend gewesen sein, dass er einen Auftritt vor der örtlichen Regierung kam.

Malerisch geht die Geschichte weiter, wie Regina Plate sie erzählt: Koch begeisterte den Kronprinzen und wurde an den Hof nach Berlin geholt, wo er die Prinzessin Friderike so sehr faszinierte, dass sie seine Entlassung aus dem Militärdienst durchsetzte. Später zog er als Virtuose durchs Land, und seine Tagebuchnotizen erwähnen als einen der Zuhörer Goethe, natürlich.
Sésia-Tal in Italien
Schon lange vorher hatten sich bestimmte europäische Regionen als Produktionszentren etabliert. Dazu zählte das Sésia-Tal in den italienischen Alpen nördlich von Turin. In Spitzenzeiten stellten die Heimhandwerker dort circa 5000 Instrumente pro Tag her, und man achtete sorgsam darauf, den Markennamen als Qualitätsnachweis erkennbar und Kopierer fern zu halten. So hatte schon um 1700 der Herzog von Mailand verfügt, dass, wer mit Fälschungen Handel trieb, im schlimmsten Fall auf die Galeere geschickt wurde.
Flecken Molln in Österreich

In Österreich war der Flecken Molln in der Steiermark das Zentrum der Produktion. Dort gab es seit 1679 sogar eine Zunft der Handwerker mit Schutzheiliger und exakter Buchführung. Hier kam die Produktion auf bis zu 8000 Stück pro Tag.
Draht und Blech
Maultrommeln herzustellen ist Arbeit mit Draht und Blech. Der Bügel der hierzulande üblichen rundlichen Variante wird aus einem eckigen Drahtstück unter Wärme mit der Zange gebogen. Das Oval ist für die korrekte Form noch zu Hämmern und zu Feilen, bis am Mittelpunkt der Konstruktion mit einer Handpresse eine Nut für die Zunge des Instruments eingegeben wird.
Viele Produktionsschritte...
Die Zunge ist zuvor aus einem dünnen Stahlblech geschnitten worden, wobei, um das Blech entsprechend herzurichten, es lange und sorgfältig gehämmert werden muss. Zum Schluss wird die Zunge so aufgewölbt, dass man sie beim Spiel anschlagen kann, manchmal auch noch mit einem Gewicht versehen, damit sich ihre Schwingungsdauer verändert. Es folgen die Arbeitsschritte Härten, Feilen sowie Einschlagen in die vorgefertigte Nut.
... in Handarbeit
Dann werden noch Grate und Fehlstellen beseitigt und die fast fertigen Stücke, damit sie nicht rosten, mit Goldbronze überzogen. All das geschieht in Handarbeit – typisch für die vielen Varianten der damaligen Kleineisenindustrie.
Maultrommeln aus Gusseisen
Auch gibt es Fälle von Maultrommeln aus Gusseisen. Diese Art der Herstellung erlaubt mehr Verzierungen am Metall. Zu erwähnen sind schließlich noch ausgefeilte Mehrfach-Kombinationen von Instrumenten in unterschiedlicher Tonlage, zwischen denen der Spieler hin- und herwechseln und so komplizierte Melodien spielen kann.
Wiederenteckt in den 1970ern
Seit den 1970ern ist die Maultrommel in Mitteleuropa wieder aufgetaucht, wenn auch nur in kleinen Kreisen. Dort besteht häufig auch Interesse am Schamanismus aus den sibirischen Ländern, bei dem sie eine wichtige Rolle spielt.
Zeitschrift für die internationale Gemeinde
Von 1982 an gab es gar für kurze Zeit gar eine Zeitschrift für die internationale Gemeinde. Zwar erschien das Blatt mangels Texteinsendungen nur wenige Male, trug aber, nicht zuletzt auf Grund seiner Erscheinungsweise im Zweiwochen-Rhythmus, einen klangvollen Namen: „Vierundzwanzigstel Jahresschrift der Internationalen Maultrommelvirtuosengenossenschaft“.

Ein Maultrommel- und Harmonikamuseum unterhält in Molln in Österreich der Hersteller und Spezialist für Volksmusik Karl Schwarz.
 

Alles über Maultrommeln: 1, 2.
 

Hörenswert
Virtuos
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