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Schnippschnapp

Scheren sind seit alters her in der Menschheitsgeschichte dabei


Unentbehrlich im Haushalt: von der Nagel- bis zur Geflügelschere.
Fotos: Peter Becker
Es wurde bisher nie statistisch ermittelt, aber wir haben Anlass zu der Vermutung, dass in den Wintermonaten die Schere mit größerer Häufigkeit als sonst im Jahr zum Einsatz kam und kommt: da war ehemals die Arbeit mit Nadel, Faden und eben Schere die Beschäftigung der Frauen während der langen Abende, wurden in den dunklen Stunden die Dochte der Kerzen mit der so genannten Lichtputzschere zurückgeschnitten („geschneutzt“), benutzten und benutzen die Kinder fürs Geschenkebasteln die Haushalts- und bei komplizierteren Fällen auch die Nagelschere, und geht es zu Weihnachten mit der Geflügelschere dem Gänsebraten ans Eingemachte.
Wenig öffentliche Aufmerksamkeit

Überhaupt scheint die Schere ein bisschen benachteiligt in Sachen öffentlicher Aufmerksamkeit zu sein, vielleicht deshalb, weil, anders als mit Messer oder Kettensäge, mit ihr nur selten grausige Mordfälle geschehen.
Konrad, der Daumenlutscher im Struwwelpeter

Oder sollte es umgekehrt so sein, dass mancher von uns aus alten Kindertagen gar Angst vor dem Werkzeug hat, weil er den Struwwelpeter kennt, in dem dem Daumenlutscher Konrad – schnippschnapp – die beiden Finger abgesäbelt werden? Auf dem Titel des Buches gibt’s gar ein Bild des Namensgebers Peter, der mit überlangen Fingernägeln und ungekämmten Haaren dasteht, was Böses erarten lässt.

Zum Zurückschneiden des Kerzendochtes gab es Lichtputzscheren, die das abgeschnittene Stück auffingen.





Wie dem auch sei. In der Umgangssprache kommt die Schere in vielen schönen Bildern vor: Journalisten können sie im Kopf haben, sie kann zwischen arm und reich oder oben und unten auseinanderklaffen, oder ein wahrlich irre gewordener Gärtner kann dadurch auffallen, dass er seinen Rasen mit der Schere trimmt.

Mehr noch: Ein Scherengitter lässt sich auf- und zuklappen, das Spiel Stein-Schere-Papier kennt jeder, und der Ausdruck „wie ein Affe aufm Schleifstein“ hängt auch mit dem Haushaltswerkzeug zusammen: Er geht auf die wandernden Scherenschleifer zurück, die als Marketingmaßnahme gerne ein dressiertes Äffchen dabei hatten. Zu guter Letzt: die Männchen mancher Krabbenarten haben eine Hand als große Schere ausgebildet und drohen gerne damit, was die Menschen wiederum geren als freundliches Winken interpretieren.


Allgemein verständlich: gestrichelte
Linie und Scherensymbol
Auf den ersten Blick erkennbar ist, was eine gestrichelte Linie mit einer stilisierten Schere bedeutet: zum Ausschneiden hier entlang! Gar nicht mehr dazugesagt werden braucht die folgende Ermunterung: Heb’ mich auf, lös’ mich ein!

Schwerstarbeit war der Umgang mit der Bügelschere der Tuchmacher. Gesehen im Museum für Hamburgische Geschichte.



Wann die Menschheit die Schere erfunden hat, liegt im Dunkel der Geschichte. Vorläufer der heute üblichen Gelenkschere mit den zwei quasi gekreuzten Klingen und zwei Griffen („Augen“) war wohl die Bügelschere, die aus einem rund gebogenen Stück Eisen besteht. Sie wurde von den Tuchmachern benutzt: Nachdem der Stoff verfilzt aus dem Walken gekommen war, ging es darum, ihn zu glätten; dafür wurde er zunächst aufgeraut und wurden dann die hoch stehenden Fusseln abgeschnitten. Das geschah mit mächtigen Bügelscheren – eine Knochenarbeit angesichts des Gewichts dieser Werkzeuge.

Heute gibt es Bügelscheren nur noch in der Schafschur. Die findet nun nicht in der dunklen Jahreszeit statt, sondern erstmals im Jahr vor Anfang Juni, weshalb die danach häufige auftretende Wetteranomalie als Schafskälte in die Kalender eingegangen ist.

Ob beim Schuhmacher, Beutler, Kürschner oder Schneider – während die Beschäftigten nur den Faden führten, blieb das Zuschneiden mit der Schere ehemals dem Meister vorbehalten. Denn es galt als qualifizierte Tätigkeit, dies auch deshalb, weil Tuch immer teuer war und ein Fehler ins Geld gehen konnte.
Die Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen zeigt den Werdegang von Scherenrohlingen.  
Deutsches Klingenmuseum, Solingen.  
Woran man gute Scheren erkennt.