| Stein - Bronze - Eisen |
Werkzeuge gehören zur Kultur, so weit die Menschheitsgeschichte zurückgeht. Sie waren zunächst aus Stein oder anderen Materialien aus der Natur, danach aus Bronze, später aus Eisen. Ein Beispiel für das Aufeinandertreffen einer Kultur ohne Eisen mit einer solchen mit Metall war die Eroberung Amerikas durch die Spanier und Portugiesen. |
Kolumbus berichtet, dass die „Indios“ kein Eisen kannten |
Schon 1492, als Kolumbus in der Karibik das vermeintliche Indien erkundete, hatte er in seinem Schiffstagebuch überrascht vermerkt, dass diese „Indios“, wie er die Einheimischen hartnäckig bezeichnete, keine eisernen Werkzeuge kannten: „Sie tragen keine Waffen und kennen sie auch nicht, denn ich zeigte ihnen Schwerter, und sie fassten sie an der Schneide an und schnitten sich aus Unwissenheit.“ |
| Fischzahn als Ersatzmaterial |
Dann drückt er in seinen Worten aus, dass die Indios auf der Stufe der Steinzeit lebten: „Sie haben überhaupt kein Eisen: Ihre Wurfspieße sind Stöcke ohne Eisenspitze, und an manchen von ihnen ist vorne ein Fischzahn befestigt oder etwas anderes.“ |
Obsidian für Messer
|
Materialien aus der Natur hatten das Leben der Ureinwohner Amerikas bestimmt: aus dem Vulkangestein Obsidian machten sie ihre Messer, steinerne Platten benutzen sie zum Mahlen von Getreide und ansonsten behalfen sie sich mit Holz oder Tierknochen. Kolumbus, ganz Kundschafter in Sachen Wirtschaft und Religion, resümierte deshalb am 11. Oktober 1492 in seinem Tagebuch als Botschaft an den König: „Sie müssen treffliche Diener sein... und ich glaube, man könnte sie leicht zum Christentum bekehren.“ |
1500 entdeckt Cabral die Küste des heutigen Brasiliens |
Ähnliches wiederholte sich, als am Ostersonntag 1500 der Portugiese Pedro Alvarez Cabral weiter südlich auf eine Küste stieß. Auch hier kannten die Menschen, die nackt herumliefen, kein Eisen und auch nicht Krimskrams wie Glaskügelchen oder Glöckchen, die die Seefahrer auf ihrem Weg nach Indien nach Erfahrungen aus Expeditionen entlang der Küste Afrikas vorsorglich in größerer Menge an Bord genommen hatten. |
Scheren und Messer statt Krimskrams |
Allerdings lernten die Eingeborenen Südamerikas schnell, was einen wirklichen Wert hatte und was nicht. Brasilianische Forscher haben diese Frühphase ihrer Landesgeschichte detailliert untersucht und festgestellt, dass ihre Vorfahren schon wenige Jahrzehnte nach der Entdeckung „Scheren, Angelhaken, Messer und Äxte“ statt Schnickschnack wollten. Das konstatiert Eduardo Bueno in dem Buch „Náufrago, Traficantes e Degredados“ (Editora Objetiva, 2006). |
| Zeitenwende |
Dieser Vorgang brachte eine Zeitenwende mit sich: „Praktisch von einem auf den anderen Moment verließen die Tupi-Indianer die Steinzeit und betraten das Zeitalter des Eisens“, resümiert der Journalist. |
Äxte zur Gewinnung des Brasilholzes |
Und so wie das Eisen ins Land kam, wurde die Kolonie, mit der die portugiesische Krone bislang nichts anzufangen wusste, wirtschaftlich interessant: auf einmal ließ sich das Brasilholz in großer Menge gewinnen. Wie sehr die eisernen Werkzeuge die frühe Holzwirtschaft Brasiliens beschleunigten, hat ein Wissenschaftler aus Portugal errechnet: ließ sich ein Brasilholz-Baum mit einem Stamm von einem Meter Dicke mit Axt oder Beil nun in 15 Minuten umhauen, hatten die Eingeborenen zuvor dafür rund drei Stunden gebraucht. |
Holzfarbstoff für die Textilindustrie
|
Das Holz wurde vor allem nach Holland geschafft. Dort extrahierte man einen kräftigen Farbstoff für Rot und Purpur, damals die Farben der Herrscher. In der Folge bekam die neue portugiesische Kolonie ihren heutigen Namen nach dem Pau-Brasil, dem Brasilholzbaum. Zuvor hatte sie nach religiösen Motiven Terra da Vera Cruz (Land des wahren Kreuzes) geheißen beziehungsweise war danach nach den Tieren dort in Terra dos Papagaios bekannt worden. |
Exotische Tiere im Tausch
|
Diese exotische Fauna war für die Mannschaften der Schiffe ein begehrtes Mitbringsel für die Märkte in Portugal. Sie betrieben ihrerseits einen heimlichen Handel und tauschten Papageien und Äffchen gegen Eisenwaren. Das nahm allmählich solche Ausmaße an, dass Kapitäne offiziell den Diebstahl von Äxten oder Beilen durch Matrosen konstatieren mussten und drakonische Strafen verfügten. |
Austausch von Gefangenen
|
Derweil erfand die Seite der Eingeborenen ebenfalls sozusagen innovative Methoden, um an die begehrten Waren heranzukommen. Davon berichtet der Deutsche Hans von Staden, der von 1548 bis 1555 in Brasilien lebte und eine Zeitlang von einem kannibalischen Stamm gefangen gehalten worden war. In seinem berühmten Bericht mit dem Titel „Brasilien. Historia von den nackten, wilden Menschenfressern“ (Edition Erdmann 2006) deutet er Lösegeldverhandlungen an: „Erst wenn mein Vater oder Bruder mit einem Schiff voll Waren, nämlich Äxten, Spiegeln, Messern, Scheren und Kämmen ankäme und ihnen das alles gäbe, sollte ich frei sein“, schreibt er. |
| Franzosen beliebter als Portugiesen |
Außerdem erwähnt von Staden, dass seine Geiselnehmer die Franzosen lieber hätten als die Portugiesen. Als Grund für die ungleich verteilte Sympathie der Kannibalen nennt er, dass die Franzosen schließlich Werkzeuge als Geschenke mitbrächten. |
Brasiliens Schiffbau leidet unter Eisenmangel |
Lange Zeit gab es in der neuen Kolonie, die heutzutage einer der weltweit größten Lieferanten von Eisenerz geworden ist, einen gravierenden Mangel an Eisen. Das wiederum führte auch dazu, dass es in Brasilien zwar Holz im Überfluss gab, sich aber dennoch dort keine Schiffbauindustrie etablieren konnte: Nägel waren knapp und konnten offenbar aus Europa nicht herangeschafft werden. So jedenfalls stellt es Fábio Pestana Ramos in dem Buch „Por Mares Nunca Dantes Navegados“ (Editora Contexto, 2008) schreibt. |
Deutsches Werkzeugmuseum Remscheid
|
|