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Nachhaltigkeit im Wald

Die alte Haubergs-Wirtschaft im Sauerland und ihr Beitrag zur Eisenindustrie


Stangenladen in den Haubergen. Foto: LWL-Freilichtmuseum Hagen

  Um Eisen aus dem Erz zu schmelzen, konnte man vor der Zeit von Steinkohle und Koks nur die Holzkohle verwenden. Riesige Mengen wurden in den Schmelzen verfeuert – wie gelang es angesichts der geringen Transportmöglichkeiten, dennoch die Öfen kontinuierlich am Brennen zu halten?
Ausgefeilte Waldwirtschaft
Eine Antwort auf diese Frage haben wir im LWL-Freilichtmuseum Hagen gefunden, dort in jenem Gebäude, das die Hauberge im Sauerland zum Thema hat. Im Sauerland nämlich garantierte eine ausgefeilte Waldwirtschaft über Jahrhunderte, dass der Bestand an Holz, auch wenn er intensiv genutzt wurde, sich immer wieder selbst erneuerte. Nachhaltigkeit ist das Thema der Präsentation, und auch, welche die Bedingungen für ihren Erfolg waren.
Regeln, Kontrolle, Beschränkung
Um Schwärmereien gleich den Treibstoff zu entziehen: in den Haubergen galten strenge Regeln, herrschte eine ebensolche Kontrolle und gab es als Grundsatz die Unterwerfung der Beteiligten unter die Gegebenheiten der Natur. Subsistenz war das maximal Erreichbare und das lag weit unter dem, was man heute unter Wohlstand versteht. Und: es gab vermutlich reichlich Streit unter den Beteiligten, wie man aus Hinweisen schließen kann.
Baumschulen waren noch unbekannt
Nicht gleichsetzen kann man die Hauberge mit der Waldwirtschaft von heute. Denn zu jenen Zeiten betrieb man im Sauerland nicht die Pflanzungen heutiger Prägung, die mit einer Baumschule beginnen, über Jahrzehnte wachsen und am Ende hochwertige Bretter etwa für Möbel liefern.
Zyklen von 15 Jahren


Damals ging es um so genannten Niederwald, der in Zyklen von etwa 15 Jahren bewirtschaftet wurde und eine Vielfalt von Produkten lieferte: halbhohe Stämme wurden abgehackt und erneuerten sich danach von selber; nach der Phase der Holzgewinnung gab es Perioden des Ackerbaus und zeitweilig auch eine Produktion für die Lederwirtschaft.
 
Baumhacken. Foto: LWL-Freilichtmuseum Hagen





Betrachten wir die Niederwald-Wirtschaft im Detail, das von ihrem Ende her, nämlich einer Ernte.

Im März wurde der älteste Teil eines Baumbestands abgeholzt. Mit der „Knipp“, einer Art Machete, zogen die Männer durch diesen „Schlag“. Aus dem abgehackten Unterholz banden die Frauen „Schanzen“, woanders „Faschinen“ genannt. Das war Feuerholz für den Eigenbedarf.

Die größeren Bäume – nach etwa 15 Jahren Standzeit armdicke Stämme – wurden in die Köhlereien verkauft und dort zu Holzkohle für die Eisenindustrie umgewandelt.

Stehen ließ man zunächst die Eichen. Erst zwei Monate später, nämlich im Mai, wenn der Saft neu in die Rinde geschossen war, kamen sie unters Messer. Genauer: unter den „Schöwwel“. Mit dieser Art Löffel löste man von unten nach oben die Rinde von den Stämmen.
Gerbrinde als Zusatzgeschäft
Diese Rinde trug Gerbsäure in sich, an der wiederum waren die Gerbereien interessiert. Der Einfachheit halber ließen die Waldbauern die Rinde einfach am Baum trocknen. Sie baumelte lose von oben herab, bis sie schließlich abgeschnitten, zusammengebunden, gewogen und abtransportiert wurde. Dann schaffte man auch diese Eichenstämme zum Köhler.
Landwirtschaft im Wald

Mittlerweile war es Frühsommer geworden und der Schlag lag offen da. Jetzt gab es für ein Jahr Ackerbau im Niederwald: oberflächlich wurde die Erde um die Baumstrunken herum gelockert. Die herumliegenden Holzreste sammelte man sorgfältig auf, verbrannte sie und verteilte die Asche als Dünger. Dann kam Buchweizen und Winterroggen in den Boden.
 
 Wurzelstöcke zum Austreiben
Klar, ein wirklicher Acker war das nicht – so viel zur Effektivität der Landwirtschaft in den Haubergen.

Aber herausreißen wollte man die Strünke natürlich nicht. Denn nachdem im selben Oktober der Buchweizen und im nächsten Frühjahr der Winterroggen geerntet worden war, hatten die Wurzelstöcke wieder ausgetrieben.
Schonzeit für den Schlag

Jetzt begann wieder ein Zyklus von 15 Jahren. Um die Bäumchen zu bewahren, gab es zunächst eine Schonzeit für den Schlag: fünf bis sieben Jahre betreten die Genossenschaftsbauern den Hauberg nur, um Ginster zu schneiden oder Beeren und Pilze zu sammeln. Ginster wurde getrocknet und war Brennmaterial, Beeren wurden zu Marmelade verkocht.
Anschließend Waldweide
Hätte man hingegen diese Schonzeit nicht eingehalten und, wie damals üblich, das Vieh auf die Waldweide getrieben, hätten die Tiere die jungen Triebe abgefressen. Nach fünf Jahren aber jedoch waren die Triebe verholzt.

Dann durfte man für zehn Jahre die Schafe, Ziegen und Kühe ins Gelände. Bis zum nächsten Erntejahr.
 
 
Die Waldwirtschaft von heute ist mit den Haubergen nicht zu vergleichen. Foto: Peter Becker

Man erkennt: Nachhaltigkeit ist möglich. Jedoch braucht sie Management. Und sie braucht feste Regeln. Die hatten sich die Menschen der Hauberge in Form von Genossenschaften gegeben. In ihnen waren Familien, Dorfgemeinschaften sowie Gewerbe- und Industriebetriebe die Mitglieder. Ein Vorstand legte fest, welcher Schlag für die Abholzung reif war und vor allem: wie viel Fläche jedem Genossen nach seinen Anteil am Gesamtbesitz zustand.

Per Losentscheid wurde festgelegt, wer welchen Teil des Schlags abernten durfte. Mit so genannten Haubergsruten, das waren gerade Stöcke mit Markierungen, wurde das jeweilige Terrain abgesteckt und danach von den Genossenschaftsmitgliedern mit persönlichen Markierungspfählen gekennzeichnet. Fotos in der Ausstellung zeigen, wie dies in einer Gegend noch um 1917 geschah.
Permanenter Quell für Streit
Der Rundgang durch die anderen Gebäude im Freilichtmuseum lässt ahnen, dass diese nachhaltige Niederwaldwirtschaft ein wohl leider auch ein permanenter Quell für Streit war. So gab es nicht nur Zank um angebliche und echte Übergriffe auf die Erntefläche des Nachbarn. Auch sorgte der Gestank der Gerbereien permanent für Ungemach – dies zwar an ganz anderem Ort, jedoch wäre ohne den Verkauf von Eichenrinde das Wirtschaftsmodell der Hauberge vermutlich nicht rentabel gewesen.
Hohe Komplexität
Noch ein Hinweis auf die Komplexität der Niederwaldwirtschaft. Auch die Hirten spielten in ihr eine wichtige Rolle, wie eines der anderen Häuser im Freilichtmuseum zeigt: Sie hatten dafür zu sorgen, dass das Vieh der Genossenschaftsbauern fett wurde, und standen mit diesem Wirtschaftsziel sozusagen zwischen Baum und Borke.
 
Um 1900 zerbrach das ökonomische Geflecht der Haubergswirtschaft.

LWL-Freilichtmuseum Hagen

Am 12. September 2010 gibt es im Freilichtmuseum einen Waldtag mit einem Programm für Kinder und Erwachsene. Von der Jagd und den Tieren über Forst und Öko bis hin zu Märchen und Klettern werden viele Aspekte behandelt.


Buch zum Thema:
„Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs“ (Ulrich Grober, Verlag Kunstmann, 2010, 19,90 €)