home suche kontakt impressum
 

Pechvögel und Schmiergeld

Bei der Umwandlung von Holz zu Holzkohle wurden wertvolle Nebenprodukte gewonnen


Teerofen bei Sparow in Mecklenburg-Vorpommern.
 
Die riesige Nachfrage aus der Eisenverhüttung nach Holzkohle trug zumindest dazu bei, dass die Menschen auch den Wert der Nebenprodukte aus der Verkokung entdeckten. Als jedoch die Steinkohle in den Hochöfen benutzt werden konnte und das Eisen billig und alltäglich wurde, war es gerade das Eisen, das diese Produkte wieder verdrängte.
Pech, Holzteer und Holzessig

Erzählen wir einmal die Geschichte von Pech, Holzteer und Holzessig. Damit verbunden ist der Beruf des Teerschwelers, der heute völlig vergessen ist. Der Teerofen Sparow in Mecklenburg-Vorpommern hält diesen Teil der Historie wach.
Teerofen als Technologie
Wahrscheinlich hatten die Menschen schon vor ewigen Zeiten beim Verkohlen des Holzes festgestellt, dass bei bestimmten Temperaturen flüssige Stoffe aus dem Meiler austraten. Um sie gezielt zu gewinnen, wurden so genannte Teeröfen üblich: sie haben in einem äußeren Ring eine Brennkammer, dessen Feuer das Holz in der inneren Kammer auf etwa 500 Grad bringt. Dann entstehen neben Holzkohle weitere Stoffe, die als Flüssigkeiten austreten.

Zufahrt zum Teerofen Sparow.

Besonders begehrt war der Holzteer. Denn er ließ sich durch Verkochen (Destillation) in Pech umwandeln. Dessen weite Anwendung spiegelt sich noch heute in vielen Redensarten: Pech diente als Klebstoff, unter anderem zum Fangen von Singvögeln für den Grill – die Fänger bestrichen einfach Zweige damit. Kürzlich fanden Wissenschaftler heraus, dass schon die Neandertaler die Klebewirkung des schwarzen Materials für ihren Alltag nutzten.

Im Schiffbau setzte man es beim Kalfatern ein. Dabei wurden die Planken des Schiffkörpers mit Werg und heißem Pech abgedichtet. In den Städten des Mittelalters waren Pechfackeln die übliche Beleuchtung. Denn ihr Licht ist beinahe gleißend hell.
Schutz gegen Seewasser
Der Holzteer selbst diente in der Schifffahrt als Schutzmittel gegen das Seewasser, indem er in der Werft auf das Holz und bei langen Seereisen auch in regelmäßigen Abständen auf die Takelage gestrichen wurde. Ähnlich behandelten die Fischer ihre Netze. Auch die Kleidung der Seeleute wurde mit Teer imprägniert, woher die Bezeichnung „Teerjacke“ für einen Seefahrer rührt.
Mittel zum Gerben
Mit Holzessig machten die Gerber die Tierhäute haltbar, oder wurden große Holzbauten an Land gegen Schädlingsbefall imprägniert. Wurde als Schutzanstrich Holzteer verwendet, diente der Holzessig zum Vorstreichen oder als Verdünnung.
Umwandlung zu Methanol
Weitere Schritte machten aus dem Holzessig noch hochwertigere Produkte: durch Erhitzen konnte er zu Holzgeist umgewandelt werden, aus dem wiederum sich reines Methanol gewinnen lässt.
Schmierstoff für Achsen
Dass Teeröfen auch als Schmier- oder Salbeöfen bezeichnet wurden, hängt mit einer anderen Technologie zusammen. Mischt man nämlich Holzteer in bestimmtem Verhältnis mit Kien- oder Leinöl, erhält man einen probaten Schmierstoff etwa für die Achsen an Kutschen. Karrensalbe wurde diese Schmiere genannt, war auf jeder Fahrt dabei und befand sich in einem Töpfchen, das unter der Achse aufgehängt war.
Schmiergeld

Karrensalbe war so weit verbreitet, dass auf sie eine Bedeutung des Wortes Schmiergeld zurückgeht: in einer seiner Bedeutungen bezeichnet es die Gebühr, die die Postkutschenreisenden für das Fetten der Achsen zu entrichten hatten.
Haus-zu-Haus-Verkauf
Das Fett dafür muss ein Gegenstand des Alltags gewesen sein. Adalbert Stifter schreibt in einer Geschichte, dass ein Händler von Haus zu Haus ging und es an den Türen verkaufte. Allerdings: Bei dieser aus Holz gewonnenen Schmiere handelte es sich nicht um die stinkenden und dunklen Stoffe von heute, sondern um eine goldgelbe, duftend Flüssigkeit. Stifter jedenfalls lässt sich einen Löffel davon auf jeden Fuß gießen und schwärmt, wie gut ihm das tat.
Einsatz in der Medizin
Auch in der Medizin fanden sowohl Teer als auch Pech reichlichen Einsatz. Beide beinhalten nämlich Phenole, die desinfizierende Wirkung haben. Das Wundpflaster des Mittelalters bestand aus Leder oder Leinen, die eine Schicht Pech trugen. Mancher Hufschmied setzt noch heute Holzteer bei Hufkrankheiten oder allgemein beim Hufbeschlag ein.
Eisen verdrängt holz
Als aber das Eisen billig wurde und vielfach das Holz ersetzte, verschwanden Teer und Pech schnell. Überliefert ist aber, dass Teer zumindest im Schiffbau noch ein paar Jahrzehnte als Schutzanstrich für Bleche üblich war.
 
Allerdings handelte es sich dabei nicht mehr den Extrakt aus Holz, sondern um Steinkohlenteer.
Teerofen Sparow, Mecklenburg-Vorpommern